Fenster für die Wahrheit

Als engagierter Reporter hat er angefangen, inzwischen versucht er, die Sensation zu vermeiden. Der Fotograf Guy Tillim aus Johannesburg stellt in der Walther Collection seinen neuen Bildband vor.

|

Aber natürlich fühle man sich schrecklich dabei. Wenn man so etwas macht wie die Bilder dieser viel zu jungen Soldaten, die er im Kongo aufgenommen hat. Zwei Wochen habe er gebraucht, um die Jungen in den Tarnuniformen zu finden, erzählt Guy Tillim. Eine Stunde lang hatte er Zeit, sie zu fotografieren. Wer die Bilder in der Burlafinger Walther Collection gesehen hat, wird sie nicht so schnell vergessen.

Ob es richtig war, das so zu zeigen? Darauf habe er keine Antwort, sagt Tillim. Man findet einige dieser Aufnahmen in einem Buch, das der Fotograf mit dem Sammler Artur Walther im Steidl Verlag herausgebracht hat. Am Dienstag stellt der Südafrikaner es in Burlafingen vor: "O Futuro Certo" heißt der schön ausgestattete Band - Ergebnis der produktiven Unsicherheit eines Zweiflers, der höchstens sowas verkündet: "Man muss kritisch sein." Damit sind vor allem die eigenen Bilder gemeint.

Guy Tillim, geboren 1962 in Johannesburg, hatte wohl schon einmal mehr Gewissheiten. In den 80er Jahren hat er als junger Pressefotograf das Apartheidsystem bekämpft, bevor er konsequent nach seinen eigenen Bildern zu suchen begann; möglich ist diese Unabhängigkeit nicht zuletzt durch einen reichen Sammler wie Walther, auf den Tillim vor mehr als zehn Jahren traf.

Pressefotos seien wie eine Währung, mit der man handele, sagt er. Man bediene oft Klischees, inszeniere die "dramas", die sich die Medien wünschen. Doch Bilder hätten eine Verantwortung, die Welt nicht einseitig zu zeigen, selbst wenn es um die gute Sache geht.

Guy Tillim spricht zwar von einer "afrikanischen Identität", doch er meint damit nichts Geschlossenes. Manche Probleme seit dem Ende der Kolonialzeit seien aus dieser Idee entstanden: "Wenn Identitäten bedroht sind, entwickeln Gesellschaften manchmal eine fundamentalistische Vorstellung davon." Gerade postkoloniale Identitäten aber seien hybrid. Seine Fotos will er als "Umarmung" dieser Kultur verstanden wissen - auch wenn die Szenerien so brüchig wirken wie in der Serie "Avenue Patrice Lumumba", in der Tillim moderne Architektur in afrikanischen Städten zeigt. 60er-Jahre-Lampen vor abgerissenen Tapeten, Stempel in einem fast verlassenen Büro. Tillims Bilder, für die er vor allem in Afrika gereist ist, scheinen den Menschen im Lauf des Buchs immer weniger auf den Leib zu rücken. Neben Porträts etwa von Bürgerkriegsflüchtlingen aus Angola sind da viele Landschaften, oft Stadtlandschaften, die Menschen in Beziehung zu ihrer Umwelt setzen. Über den Weg der Landschaft habe er Neutralität gewinnen wollen, meint Tillim. Ein Stück Wahrheit, oder, wie der Skeptiker sagt: "Wenn da eine Wahrheit ist, sollte man ihr Raum geben, sich zu zeigen."

Er gebraucht das Wort "window": das Foto als "Fenster", das einen Rahmen, aber keine Bedeutung vorgibt, in dem die Subjektivität des Fotografen unterbelichtet bleibt. Von Landschaften kann man da gut lernen: "So ein Vulkan hat lange vor mir existiert", sagt Tillim, "ob ich mich als Mensch vor ihm klein fühle, ist dem Berg egal." Das Vorhandene in seiner Gleichwertigkeit zu zeigen, sei ihm vor allem in Tahiti gelungen. Ein halbes Jahr ist Tillim dorthin gesegelt, gebracht hat ihm das mit die beste Zeit seines Lebens. Und Bilder, die seinem Ziel nahekommen, die so viel Gleichmut ausstrahlen, dass sie schon wieder schwingen. Der Schlüssel sei, sich selbst zu kennen, sagt Guy Tillim. Dann erst beginnen die Dinge, die Menschen aus sich heraus zu erzählen. Dann geht wieder so ein Fenster zur Welt auf, und bestenfalls denken wir gar nicht daran, dass jemand es geöffnet haben muss.

Zu Besuch in der Walther Collection

Der Fotograf Guy Tillim wurde 1962 in Johannesburg geboren. Zunächst studierte er Wirtschaftswissenschaften, arbeitete aber bald als Reporter. 1986 schloss er sich der südafrikanischen Fotografenvereinigung Afrapix an und fotografierte auch für andere Agenturen. Im Kampf gegen die Apartheid dokumentierte er Zeugnisse der sozialen Ungleichheit und Konflikte. Seine Arbeit wurde vielfach ausgezeichnet und ausgestellt, etwa bei der documenta XII. Dem hiesigen Publikum ist Tillim durch seine Fotos von Kindersoldaten im Kongo bekannt.

Das Buch "O Futuro Certo" ist im Steidl Verlag erschienen (304 Seiten, 150 Fotos, 45 Euro).

In Burlafingen Tillim stellt sein Buch in der Walther Collection am Dienstag um 19 Uhr vor. Die Veranstaltung ist auf Englisch, es wird aber zusammenfassend übersetzt. Bitte voranmelden unter 0731/ 176 91 43 oder info@walthercollection.com

 

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Bühler pachtet das Bootshaus

Marcus Bühler vom „Pfugmerzler“ steigt auf dem Restaurantschiff an der Donau ein. Er bringt auch neue Köche mit. weiter lesen