Farben eines Lebens

Martin Krampen zählt zu jenen, die noch von den Anfangsjahren der legendären Ulmer Hochschule für Gestaltung erzählen können. Der Künstler war Student und Dozent der HfG. Am Samstag wird er 85.

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Martin Krampen in seinem Dozentenhaus der ehemaligen HfG auf dem Hochsträß. Foto: Matthias Kessler

Ein Plakat von Josef Albers lehnt an Ulmer Hockern. Der Kaffee wird in Stapeltassen ausgeschenkt. Dann kann man sich aussuchen, auf welcher der drei Ebenen man sich niederlassen möchte. Das Dozenten-Häuschen am Hochsträß ist ein Stück Ulmer Geschichte, der freundliche Herr darin auch: Martin Krampen war Dozent an der HfG. Er war Galerist und Professor, er ist Theologe, Psychologe, Semiotiker, Designer und Künstler. Immer noch ist er auf der Suche nach eigenen Widersprüchen, nach der Frage, was wahrhaft sinnvoll ist. Bei einem ist er sich spontan sicher: Frieden.

Wie sind Sie zur Kunst gekommen?

MARTIN KRAMPEN: Mein Großvater hat mir Farben gegeben, als ich noch klein war. Er war ein Laienmaler, ich weiß noch, dass er Bilder mit röhrenden Hirschen gesammelt hat. Als Junge habe ich gemalt, getrieben von dem, was mich bewegte - Ritter, die kämpften. Nach dem Krieg habe ich sozusagen "die Fabrik" des Vaters übernommen und Theologie studiert. Mein Vater war Pastor und ist kurz vor Kriegsende gefallen.

Und doch sind Sie kein Pfarrer.

KRAMPEN: Die Theologie hat mich nicht gepackt, ich habe kreuz und quer durch die Fakultäten studiert. Mit einer Dissertation in Kunstgeschichte bin ich nach Rom gekommen, dort habe ich meine erste Frau kennengelernt und durch sie dann römische Künstler. Wir zogen nach Florenz und eröffneten eine Galerie für zeitgenössische Kunst.

Was haben Sie gezeigt?

KRAMPEN: Ach, wir haben Freunde aus Rom ausgestellt, aber auch Künstler aus Frankreich oder den USA. Darunter einige heute bekannte Namen wie Cy Twombly und Robert Rauschenberg, die in dieser konservativen Stadt gar nicht gut ankamen. Ich erinnere mich, dass der Kunstkritiker den Vorschlag machte, die sollten ihre Sachen doch in den Arno schmeißen. Das haben sie dann auch getan.

Was hat Sie nach Ulm verschlagen?

KRAMPEN: Als Galerist kam ich in Kontakt mit Max Bill, der mir schrieb, er sei dabei, eine Schule zu errichten, an der Gegenstände entworfen werden, die man gebrauchen kann. Das hat mich elektrisiert! Ich fuhr nach Ulm, ging in das Büro in der Frauenstraße und habe Otl Aicher meine Arbeiten gezeigt.

Wie war es an der HfG von 1953?

KRAMPEN: Es gab nichts. Als ich ankam, wurde angefangen zu bauen. Wir wurden im Gebäude des heutigen Museums von Bauhaus-Größen wie Josef Albers in Farbenlehre unterrichtet. In der Auseinandersetzung mit Bill ließ das aber nach: Die Dozenten um Aicher wollten die Anwendung von Design-Prinzipien in den Wiederaufbau stecken. Ulm war ja zerstört, die Amerikaner waren hier stationiert. Mit denen hatten wir Studenten guten Kontakt, weil wir uns für Jazz interessierten. In unseren Pausen haben wir Musik gemacht.

Wie war Ihr Kontakt zu Otl Aicher?

KRAMPEN: Er war schwierig, aber ich bin gut mit ihm zurechtgekommen. Ich kann Ihnen eine typische Episode erzählen: Seine Idee war, dass wir Studenten beim Bau der Schule helfen sollten. Ich konnte im Wändestreichen kein Unterrichtsziel erkennen und sagte ihm das. Daraufhin meinte er, ich könne gehen. Also bin ich gegangen. Und am nächsten Tag zu Kreuze gekrochen.

Sie haben später in den USA einen Doktor in Psychologie gemacht. Wieso sind Sie zurückgekommen?

KRAMPEN: Ich hatte mich in den USA mit Computergrafik beschäftigt und den Eindruck, dass ich das an der HfG einbringen kann, deshalb bin ich 1967 mit Sack und Pack zurückgekommen, als Dozent für Zeichentheorie und Sozialwissenschaften. Ein Jahr später wurde zugemacht. Alle haben sich verzogen, ich saß so gut wie allein auf dem Kuhberg und habe die letzten Diplomarbeiten zensiert.

Selbst als Kunstprofessor in Berlin haben Sie in Ulm gewohnt. Wieso?

KRAMPEN: Anfangs gab es die Hoffnung, dass die HfG wieder lebendig würde. Heute denke ich immer mehr, dass man das nicht ersetzen muss. Ich habe nie verstanden, was dieses "Erbe der HfG" sein soll. Das müsste entweder eine Kollektion materieller Objekte sein oder eine geistige Formulierung - der Begriff "Erbe" sagt mir nichts. Und einiges hat ja überlebt, etwa in der HfG in Schwäbisch Gmünd, wo ich selbst 20 Jahre lang gelehrt habe.

Was ist es, das da überlebt hat?

KRAMPEN: Die Anschauung, dass man Entwürfe nicht ohne Konzept machen kann, dass jedes Objekt seine Bedeutung haben sollte. Dass man klar im Kopf sein muss, um eine klare Bedeutung herzustellen. Im Theologiestudium haben wir die Evangelien verglichen. Markus überliefert Jesus anders als Lukas, also ist doch die Frage: "Worum geht es Jesus, was will er eigentlich?" Diese Frage gilt auch in der Kunst.

Worum geht es Ihnen?

KRAMPEN: Die Farbe ist für mich wichtiger als alles andere, angefangen bei den Farbtuben meines Großvaters. Es gibt diese Einteilung in literarische und musikalische Kunst: Die literarische Kunst kann auf eine Figur, eine Aussage, ein Thema nicht verzichten. Die musikalische kümmert sich um Zusammenhänge, um Harmonien und Disharmonien, um relative Strukturen. Das interessiert mich.

Arbeiten Sie noch?

KRAMPEN: Ja, ich beschäftige mit Flugzeugaufnahmen. Ich will die Farben von Landstrichen in den Jahreszeiten aus der Luft aufnehmen. Daraus soll ein Film werden, in dem das Farbspektrum des Jahres vorbeizieht. Eine Landschaft von Farben.

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