Falsches Blut, echter Schweiß: Wie Bundeswehr-Notärzte trainieren

Es ist bitterkalt, der Wind peitscht den Regen über den Standortübungsplatz Lerchenfeld nördlich von Ulm. Es ist dunkel. Und Notärzte und Rettungsassistenten der Bundeswehr trainieren für den Ernstfall.

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Nichts wie weg aus der Gefahrenzone: Bundeswehrärzte und -Sanitäter trainieren mit Simulationspuppen die Notversorgung und Bergung von Schwerverletzten.  Foto: 

Es ist bitterkalt, der Wind peitscht den Regen über den Standortübungsplatz Lerchenfeld nördlich von Ulm. Und es ist dunkel, "Kuhnacht", sagt der Sanitätssoldat Peter B. Eine Nacht, in der man keinen Hund vor die Tür jagen würde. Notärzte und Rettungsassistenten der Bundeswehr dagegen schon. Sie sollen sich daran gewöhnen, auch in Extremsituationen routiniert vorzugehen, etwa in einem Kampfgebiet Verletzte bergen und versorgen. Notfallmedizin auf einem modernen Schlachtfeld.

Bis vor kurzem gab es in der Bundeswehr nichts Vergleichbares, sagt Oberstabsarzt Florent Joss (38), einer der geistigen Väter der Zwei-Tage-Übung auf dem Lerchenfeld. Viele Anästhesisten in Uniform lernten deshalb erst bei Auslandseinsätzen vor allem im Norden Afghanistans den Unterschied kennen zwischen Notfalleinsätzen nach einem Verkehrsunfall in Deutschland und denen in einem Krisengebiet. "In Deutschland rufe ich die Feuerwehr und beliebig viele Retter zusammen, die Unfallstelle wird abgesperrt, notfalls hole ich den Rettungshubschrauber", sagt Josse. Da ist er an der Unfallstelle der Organisator und kann sich auf die anderen Akteure verlassen.

Während eines Auslandseinsatzes, drei Autostunden vom nächsten Lazarett entfernt, ist jeder auf sich allein gestellt. Was es heißt, wenn dort Menschen verletzt werden, weil eine Mine explodiert oder ein Konvoi in den Hinterhalt gerät, kann man noch so oft in der Theorie durchspielen. In der Praxis sieht es anders aus. Deshalb hat das Bundeswehrkrankenhaus Ulm vor wenigen Jahren ein Programm zum Training für Notärzte und Rettungsassistenten entworfen. 20 junge Notärzte aus der Bundeswehrklinik Ulm und 27 Rettungsassistenten, die aus der gesamten Bundeswehr zusammengezogen wurden, haben kürzlich den vierten dieser Kurse absolviert. Die Bundeswehrführung hat längst ein Auge darauf geworden. Im Juni 2014 wird es im Neu-Ulmer Edwin-Scharff-Haus die erste "Combat Medical Care Conference" geben, eine Kriegsmedizin-Tagung, zu der viele andere europäische Armeen Retter in Uniform schicken werden. Das ist so etwas wie die Premiere einer gemeinsamen europäischen Krisenmedizin für militärische Einsatzgebiete.

Hans R. klopft auf die Innenseite des Unterarms seines Patienten. Das ist mehr zu hören als zu sehen. Hans R. soll in dieser dunklen Nacht einen Venenzugang legen. Licht ist nicht erlaubt, schließlich kann der angenommene Feind überall sitzen und nur auf ein Signal warten, um zuzuschlagen. Der Schein des Leuchtstabes reicht nicht einmal aus, die Einstichstelle deutlich werden zu lassen. Aber die Nadel sitzt bereits beim ersten Versuch. Man trainiere das im Dunkeln, sagt Hans R. stolz. Und man habe vor der Lerchenfeldaktion bei Licht im Saal geübt und klaffende Wunden versorgt, aus denen das Blut nur so spritzte - Schweineblut und Schweinehälften, weil echtes Fleisch anders reagiert als Puppen.

Am nächsten Morgen schauen alle Uniformierten noch etwas verschlafen aus der Uniformwäsche. Der Einsatz in der vergangenen Nacht dauerte lange, hinterher haben sie noch geredet, um die Eindrücke zu verarbeiten, auch wenn sie todmüde waren. Jetzt warten noch vier Stationen. Szene 1 könnte einem Einsatz im afghanischen Kundus entliehen sein: Ein Fahrzeug verunglückt, besetzt mit Bundeswehrsoldaten und zivilen Helfern. Der Beifahrer ist tot, der Fahrer schwerstverletzt, die anderen beiden sind mit leichteren Blessuren davongekommen und rufen per Funk Hilfe. Einheimische tauchen auf, werden immer aufdringlicher, aggressiv. Zwei Soldaten auf Quads kommen an, eine Voraustruppe der Helfer, die beiden Soldaten haben aber alle Hände voll zu tun, die Neugierigen zurückzuhalten, können sich kaum um die Verletzten kümmern. Da kommt zum Glück ein Bundeswehrkonvoi vorbei, Feldjäger geleiten einen General zu einer Besprechung. Die geübten Personenschützer drängen die Neugierigen zurück, Sanitätskräfte der Konvois helfen beim Bergen der Verletzten, der General spricht mit den Einheimischen, um sie zu beruhigen.

Da peitschen Schüsse, der General bricht zusammen, die Unfallstelle wird unvermittelt zum Kampfort. Ärzte und Sanitäter bergen trotz des heftigen Feuergefechts die Unfallopfer, ziehen sie ein Stück bergauf, heraus aus dem Schussfeld der unbekannten Gegner. Sie werden schnell in Transportfahrzeuge gehoben. Nichts wie weg aus der Gefahrenzone. 400 Meter weiter, in einem Waldweg, stoppt die Kolonne, werden die Verletzten herausgeholt, auf Planen gelegt und versorgt. Also doch Notarzt-Routine?

Von wegen. "Das Bein blutet stark. Die Atmung ist flach und schnell. Das Bein blutet immer heftiger!" Eine Schiedsrichterin, selbst erfahrene Notärztin, schaut genau hin, beurteilt jeden Handgriff, sieht, dass das Bein an der falschen Stelle abgebunden wurde, spritzt sofort Blut-Imitat nach. Der junge Notarzt schwitzt, sein Blick hetzt hin und her. Der Rettungsassistent rotiert. Da ruft eine andere Stimme: "Notarzt: Der General verblutet!" Der Mediziner sorgt schnell für die Beatmung des einen Patienten, drückt einem Helfer den Atembeutel in die Hand und rennt zur anderen Patientengruppe. Das ist Stress pur. Und es ist anders, als im Rettungshubschrauber einzuschweben und jede Unterstützung zu erhalten. Das Ziel ist klar definiert: Schwerstverletzte 15 bis 30 Minuten am Leben halten, bis sie ohne Gefährdung für die Retter richtig medizinisch versorgt werden können.

Ein Wäldchen weiter ist ein Wagen auf eine Mine gefahren. Und einige Kurven jenseits hat bei einer Explosion eine zehn Meter hohe Stichflamme mehrere Menschen verletzt. Hubschrauber fliegen ein, nehmen Verletzte auf, bleiben dafür aber nur eine Minute am Boden, um nicht selbst zum Ziel zu werden.

"Die können alle bereits auf der Straße als Notarzt arbeiten", sagt Generalarzt Armin Kalinowski, Chef des Bundeswehrkrankenhauses Ulm, zufrieden. "Aber das reicht für uns Soldaten im Einsatz nicht aus."

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