Ex-Hells-Angel belastet Angeklagten - Verteidiger kritisiert Staatsanwaltschaft Ulm

Ein Aussteiger aus der Rockerszene belastet den Angeklagten im Prozess wegen versuchten Mordes. Der Zeuge ist im Schutzprogramm und will gehört haben, wer auf das Haus in Wiblingen geschossen hat.

|
Die Kutten mit dem Vereinsemblem sind den Rockern heilig - so wie die Regel, nicht wahllos auf Wohnhäuser zu schießen.  Foto: 

In Punkto Kleiderordnung haben die Rocker strenge Regeln. Will beispielsweise einer seine Kutte mit dem Vereins-Emblem tragen, darf er nur lange Hosen dazu anziehen. Kurze Hose zur Kutte geht gar nicht. So wenig es geht, Frauen und Kinder zu gefährden. Oder auf Wohnhäuser von Mitgliedern verfeindeter Gruppen zu schießen. Da nehmen es die Rocker sehr ernst mit der Ehre – schießen ja, aber nicht blindlings auf Wohnhäuser.

Gegen eben jene Ehre verstößt auch der Überfall auf das Haus des Präsidenten der Rock Machine in Wiblingen in der Nacht auf den 10. Mai 2011. Das sagen viele Rocker im Zeugenstand, so sie überhaupt was sagen. Das denkt auch ein Zeuge, der am Mittwoch den angeklagten Bandido in dem Prozess vor dem Landgericht Ulm belastet hat. Der 46-Jährige war sein halbes Leben lang Mitglied verschiedener Rockergruppen wie der Bandidos oder der Hells Angels. Seit seiner Verhaftung vor einem Jahr packt er aber aus.

Der Mann sprudelt nachgerade, hat eine „komplette Lebensbeichte“ abgelegt, wie ein Kriminalbeamter sagte, der den bulligen Ex-Rocker im Zeugenschutzprogramm betreut. Er hat damit gegen eine absolute Regel unter Rockern verstoßen, die es mit der Ehre ansonsten so ernst nehmen: Er verpfeift seine Kameraden, kooperiert mit der Polizei und hat eine ganze Reihe an Verfahren mit 300 bis 500 Einzelstraftaten ins Rollen gebracht.

Auch zu dem Ulmer Fall hat er etwas zu sagen. Zwar nichts, was er selber gesehen hätte, dafür aber das, was ein anderer Ulmer Bandido ihm mitgeteilt hat, der mit dem jetzt angeklagten Bandido nicht gerade innig befreundet war. Demnach haben in jener Nacht zwei Männer in das Fenster des Wohnhauses geschossen: Der jetzige Angeklagte und ein ihm damals höriger Mitläufer, der wegen Beihilfe bereits zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Einfach ist die Situation für das Gericht nicht. Zwar gilt der aus der Rockerszene ausgestiegene Zeuge im Schutzprogramm als durchaus glaubwürdig, nicht aber so sehr sein Ulmer Informant. Dessen Aussage hat die Verteidigung schon an einem früheren Verhandlungstag scharf kritisiert und ein Verwertungsverbot beantragt. Die Aussage habe sich die Staatsanwaltschaft durch Versprechungen erkauft, so die Kritik. Als Beleg wurde ein Schreiben verlesen, in dem dem Rocker bei einer entsprechenden Aussage Erleichterungen im Gefängnis versprochen wurden. Nach Informationen der SÜDWEST PRESSE hat er die in der Form tatsächlich erhalten, als er seine Strafe in Ulm verbüßt und die Vorzüge des offenen Vollzugs genießt.

In einem anderen Punkt der Zeugenaussage des Aussteigers aus der Rockerszene kamen aber Zweifel auf. Obschon er von dem besagten Ulmer Informanten genaueste Angaben über die Schützen bekommen hat, war in dieser Darstellung keine Rede von dänischen Rockern, die daran beteiligt gewesen sein sollen. Von dänischen Bandidos, die auf der Durchreise nach Italien in Ulm Rast gemacht und ihren Club-Brüdern in der Auseinandersetzung mit den Rock Machines geholfen haben, war nicht einmal die Rede.

Dabei spielen die Dänen in der Anklage eine große Rolle. Die sollen mehr oder weniger die Schlägerei mit den Rock Machines am Abend vor den Schüssen in den Nachtclub Pure Platinum begonnen und auch in der Nacht bei dem Überfall auf das Haus in Wiblingen dabei gewesen sein. Doch davon wusste der Zeuge nichts, was angesichts der ansonsten sehr konkreten Schilderungen seines Ulmer Informanten dann doch überraschend war.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Drei Millionen Euro für neue SSV-Duschen

Nach heftiger Debatte über die Sporförderung hat der Rat die Sanierung des Baus an der Gänswiese einstimmig durchgewunken. weiter lesen