Ex-Germaniter zu Bewährungsstrafe verurteilt

Mit einem Fantasie-Führerschein in der Tasche und Betäubungsmitteln im Blut ist ein 26-Jähriger bei Verkehrskontrollen aufgefallen. Das Ergebnis für den „Germaniter“: sechs Monate Haft auf Bewährung.

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Aus der Untersuchungshaft in Kempten ist gestern ein 26-Jähriger zum Gerichtstermin in Neu-Ulm vorgeführt worden. So weit hätte es nicht kommen müssen. Verhaftet wurde der junge Mann nur deshalb, weil er zwei Gerichtsvorladungen ignoriert hatte. Das wiederum hat einen kuriosen Hintergrund: Bis vor kurzem hatte sich der in Altenburg geborene Deutsche noch als germanitischen Staatsangehörigen bezeichnet. „Germanitien“ ist ein Fantasie-Staat, und die „Germaniter“ erkennen deutsche Behörden nicht an.

Vor Gericht stand der Mann, weil er bei fünf Verkehrskontrollen zwischen Ende Juli und Ende Oktober lediglich eine „germanitische“ Fahrlizenz vorgezeigt hat, statt eines hierzulande gültigen Führerscheins. Zudem stand er bei einer Fahrt unter Betäubungsmitteleinfluss. Das wiederum führte zur Durchsuchung seiner Wohnung, in der ein Gramm Marihuana gefunden worden war. Auf diese Vorfälle bezog sich Staatsanwalt Remo Fratantonio bei seiner Anklage. Auch Strafrichter Thomas Mayer, Direktor des Amtsgerichts Neu-Ulm, wollte nun die Motive des Angeklagten erfahren, der sich ohne Not so viel Ärger eingehandelt hat.

Bei der Befragung schilderte der ledige junge Mann, dass er seit dem Jahr 2000 in einer Stadt im Illertal lebt und nach diversen Anläufen ohne Berufsabschluss und Arbeit dasteht. Mit 18 habe er den offiziell gültigen Führerschein gemacht und im Alter von 20 Jahren wieder verloren, wegen zu vieler Punkte in Flensburg. Aus Geldmangel habe er den Führerschein dann nicht mehr neu machen können, sagte der 26-Jährige. Er gab weiter an, seit langem von Sozialleistungen des deutschen Staats zu leben und etwa 10 000 Euro Schulden angehäuft zu haben, „durch Handyverträge, und weil ich die Miete nicht zahlen konnte“.

Die Lösung seiner Probleme meinte der Mann dann bei einer Kneipenveranstaltung an seinem Wohnort gefunden zu haben. Dort hätten Germaniter vor 40 Zuhörern für sich und ihre Fahrerlizenzen geworben. „Es hieß, man muss nur die deutschen Personaldokumente abgeben, germanitischer Bürger werden und etwa 300 Euro zahlen.“

Gesagt, getan – nach einer Woche habe er seine Fahrerlizenz in der nächstgelegenen germanitischen „Stadtmission“ in Senden abgeholt. Dieselbe Frau, die ihm seine „Papiere“ aushändigte, habe ihm auch gesagt, er brauche sich als Germaniter vom deutschen Staat nichts mehr sagen lassen. Also sei er immer wieder mit dem Auto gefahren und habe das Gericht ignoriert – weshalb er schließlich polizeilich gesucht und verhaftet wurde.

Der Staatsanwalt machte klar, was er von Germanitien hält: „Quatsch!“ Wegen einschlägiger früherer Verurteilungen des jungen Mannes, bewiesener Rückfallgefahr, fortgesetztem Fehlverhalten und schlechter Zukunftsprognose forderte Fratantonio sechs Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung.

Dass Geldstrafen bei dem Mann nichts bringen, meinte auch Mayer in der Begründung seines Urteils: Sechs Monate Haft, allerdings mit zwei Jahren Bewährung. Dem Verurteilten, der sich von Germanitien losgesagt hat, mangele es an rechtsstaatlicher Bildung. Er sei einer „Rattenfängerin“ aufgesessen, die möglicherweise von gewerbsmäßigem Betrug lebe durch schwunghaften Handel mit germanitischen Papieren. Auf Nachfrage teilte die Memminger Staatsanwaltschaft gestern mit, „dass Ermittlungen geführt werden, soweit sich Anhaltspunkte für strafbare Handlungen ergeben haben.“ Ohne jedoch konkret zu werden, gegen wen ermittelt werde.

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