Es geht auch anders

In neues Licht gerückt ist die Ulmer Denkstätte Weiße Rose als Abschluss der Sanierung des EinsteinHauses. In der Ausstellung über Jugendliche, die 1933 bis 1945 gegen die Nazis opponierten, gibt es Führungen.

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Die neuen Lampen bringen der Denkstätte Weiße Rose in der Ulmer vh die alte Strahlkraft zurück. Handwerker haben sie jetzt montiert. Foto: Matthias Kessler

Die Herrschaft der Nationalsozialisten in Deutschland von 1933 bis 1945 ist für viele Jugendliche heute unvorstellbar weit weg. Die Ulmer Denkstätte Weiße Rose im EinsteinHaus der Volkshochschule (vh) baut jungen und anderen interessierten Leuten eine Brücke in jene Zeit, ohne sich in historischen Fakten zu verästeln. Statt dessen wird am Beispiel von 28 Ulmer Jugendlichen im Umfeld der Weißen Rose gezeigt, wie persönlicher Widerstand möglich war. "Wir wollten das Andere" lautet der Titel der Ausstellung, die jetzt in neuem Licht erstrahlt.

Die neue Beleuchtung ist sozusagen der Schlussstein der Sanierung des Einstein-Hauses. Die Denkstätte im Foyer gibt es seit April 2000, zu ihrem pädagogischen Konzept gehören Führungen, Zeitzeugengespräche, Vorträge, Theaterworkshops, Demokratie- und Toleranztrainings zum Thema NS-Widerstand und Zivilcourage. Während die Bilder, die viele Menschen mit der NS-Zeit in Verbindung bringen, grau und düster sind, "ist unsere Denkstätte farbenfroh, sie leuchtet", freut sich vh-Chefin Dr. Dagmar Engels, die mit Dr. Andreas Lörcher die Führungen macht.

Die großen, blauen Hintergrundbilder zeigen grob gerastert Massen-Szenen aus der NS-Zeit. Davon heben sich plastisch die Widerstand leistenden jungen Ulmer ab - in leuchtend bunten Porträtfotos, mit kurzen Texten und stichwortartigen Biographien. Dass die Protagonisten dreidimensional wirken, liegt daran, dass die Milchglasscheiben das Licht stärker reflektieren als die Wände. Die Ausstellung gestaltet haben Uli Häussler und Pancho Ballweg.

Jetzt, wo die Ausstellung ihre "Strahlkraft zurückgewonnen hat", so Engels, wird es wieder verstärkt Führungen geben. Die sind nicht historischer Art, sondern sollen eine Brücke zum Heute schlagen und Raum zum Denken geben.

Die 28 Protagonisten haben eines gemeinsam: Sie haben sich gewehrt, die Gleichschaltung nicht hingenommen, sich nicht angepasst. Und sie mussten dafür bezahlen: Sie wurden zum Teil der Schule verwiesen, als Außenseiter verprügelt und mussten Demütigungen ertragen. Bekannte Namen wie Hans und Sophie Scholl sowie Otl Aicher sind darunter, daneben aber viele weniger bekannte: Ernst Röder, Reinhold Settele, Heinz Feuchter und Erika Schmid. Manche gehörten evangelischen oder katholischen Jugendgruppen an, einer war Jude, ein anderer Zeuge Jehovas, manche hatten ihre Wurzeln in der Arbeiterbewegung oder in kommunistischen Gruppen.

Engels macht auch deutlich, dass Widerstand nicht mit Märtyrertum gleichzusetzen ist. Zwar starben Hans und Sophie Scholl sowie Jonathan Stark und Konrad Seibold als Zeugen Jehovas für ihre Überzeugung - aber die anderen 24 dargestellten Jugendlichen überlebten ihr Engagement im Widerstand oder im Eigensinn. Der Großteil von ihnen hat sich nach dem Krieg weiter eingesetzt für Demokratie oder für soziale Belange.

Für Engels und Lörcher ist es bei den Führungen wichtig, "nicht in der Geschichte stehen zu bleiben", sondern eine Brücke ins Heute zu schlagen, die Gegenwart kritisch zu reflektieren und den Jugendlichen zu zeigen, wo es nötig ist, Zivilcourage oder den Mut zum Handeln zu haben. "Die Freiheiten, die wir in Deutschland haben, sind nicht vom Himmel gefallen, sondern Menschen haben sie erkämpft", betont die vh-Leiterin. "Wir wollen nicht Lehren vermitteln, sondern Raum zum Denken geben."

Vor der Sanierung des Einstein-Hauses gab es etwa 90 bis 100 Führungen pro Jahr in der Denkstätte, dazu gab es meist drei bis vier weiterführende Projekte mit Schulklassen, die sich aus dem Besuch entwickelten. Ein festes Konzept für die Führungen haben Lörcher und Engels nicht. "Jede Führung ist anders", berichtet Dagmar Engels. Außerdem stellt sie eine Änderung der zeitlichen Bezüge fest: In den Anfangsjahren konnte sie Bezug auf ein geteiltes Deutschland, auf Helmut Kohl und Ronald Reagan nehmen. "Aber die DDR kennen Jugendliche heute nicht mehr. Und Kohl ist für sie genauso weit weg wie Hitler."

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