EM: Thorsten Sigurdsson ist Sänger am Theater und vor allem Fußballfan

Der Sänger Thorsten Sigurdsson hat es am Sonntag eilig. Zehn Minuten nach seiner Aufführung am Theater beginnt das Viertelfinale Island gegen Frankreich.

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Trikot und Jubelpose sitzen: Thorsten Sigurdsson ist bereit für das Spiel Island gegen Frankreich.  Foto: 

Vorab eine Bitte an Theaterbesucher: Sollte bei der „Treibgut“-Vorstellung am Sonntag ein Darsteller mit Fußballtrikot auf der Bühne stehen, sehen Sie es ihm nach – der Mann ist Isländer und hat ein arges Zeitproblem. Kurz nachdem der Vorhang gefallen ist, beginnt nämlich das EM-Viertelfinale zwischen Gastgeber Frankreich und dem Überraschungsteam aus Island.

Ergo ist Thorsten Sigurdsson gehalten, mit wehenden Rockschößen dem Ulmer Theater zu entfliehen, um rechtzeitig zum Anpfiff zu Hause zu sein, sonst riskiert er selber einen. Gleichwohl ist er ebenso zuversichtlich, wie seine furiose Nationalmannschaft, die in Frankreich Spiel um Spiel und noch mehr Sympathien gewinnt: „Es wird knapp, wird aber klappen, die Vorstellung geht bis zehn vor neun.“

Ehrlich gesagt muss man froh sein, dass er überhaupt da ist, denn der mutmaßliche Rest seiner Landsleute ist längst weg – zum Schlachten bummeln nach Frankreich gereist. Genau wie des Sängers Bruder, der auch Tenor ist und den Fanblock vor Ort stimmlich unterstützt hat. Und ein Lied davon singen kann, was passiert, wenn man dem eigenen Team zu wenig zutraut und nicht genügend Tickets reserviert. Dann kann man nämlich nach drei Vorrundenspielen seinen Bruder in Ulm besuchen und darüber nachdenken, was man falsch gemacht hat. Zwischenzeitlich hat er den Fehler eingesehen und korrigiert: „Er fährt zum Viertelfinale zurück nach Frankreich.“

 Wie erwähnt, wird Thorsten Sigurdsson dann wieder auf der Bühne stehen, was voraussichtlich weniger nervenaufreibend sein wird, wie jene Probe, die ausgerechnet zu dem Zeitpunkt angesetzt war, als Island gegen Österreich spielte. Weshalb er nicht der  einzige war, der hinter den Kulissen mitfieberte: „Maria Rosendorfsky und ich haben uns immer mit dem Handy über den Zwischenstand informiert.“ Im Gegensatz zu ihrem Kollegen bleibt der gebürtigen Wienerin ein weiterer Nervenkitzel dieser Art künftig wenigstens erspart. Dafür weiß der Mann aus Siglufjordur, was das Team aus seiner Heimat, in der es nur rund 100 Fußballprofis gibt, so stark macht: „Die haben sich als kleine Jungen schon kennengelernt. Sie spielen gut zusammen und haben keine Superstars“, sagt der 32-Jährige und klopft auf Holz: „Ich bin schon sehr stolz und kann es eigentlich kaum glauben. So weit gekommen zu sein, ist ein riesiger Sieg für uns.“

 Europameister der Herzen sind die isländischen Kicker längst. Und wer Thorsten Sigurdsson mit seiner Bescheidenheit in fließendem Deutsch reden hört, bekommt auch eine Ahnung, warum. Selbst beim Fangesang setzen die Insulaner aus dem Norden Maßstäbe. Während sich das Repertoire in den meisten Kurven auf gutturale Laute und gelegentliche Schmähgesänge beschränkt, heben die Isländer, abgesehen von ihrem legendären „Dampflok-Stakkato“, zu Operettengesang an und schmettern „Ferdalok“, die nordische Version von Emmerich Kálmáns „Heut’ Nacht hab’ ich geträumt von Dir“.

 Auch wenn Sigurdsson nicht von seiner Heimat träumt und sich hierzulande sehr wohl fühlt, fehlen ihm ein wenig „die Natur und die Berge“. Schnee eher nicht: „Da kann ich gut ohne.“ Dennoch wird er mit seiner Familie im Dezember nach Island zurückkehren, „zu Oma und Opa“, denn der nächste Nachwuchs kündigt sich an und die Kinder sollen in einem festen Zuhause aufwachsen. Was aber nicht bedeutet, dass sich das deutsche Kapitel für ihn endgültig schließen wird. „Ich bin vielleicht noch nicht ganz zu Ende in Deutschland“, denkt der Sänger über eine Pendellösung nach.

Zunächst aber steht die Mission Europameisterschaft an, wobei sich Thorsten Sigurdsson davor hütet, das Wort „Titel“ in den Mund zu nehmen. Da beißt er sich schon lieber auf die Zunge und befleißigt sich einer berüchtigten Trainer-Plattitüde: „Ich denke von Spiel zu Spiel und will dazu nichts sagen.“  Und wenn Island tatsächlich Europameister werden sollte? „Dann werden wir die ganze Nacht feiern!“ Und die kann lang sein im Norden unweit des Polarkreises.

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