El Masri ist wieder im Gefängnis

Nur vier Tage hat die Freiheit für Khaled El Masri gedauert. Seit Freitag ist er wieder in Haft. Laut Staatsanwaltschaft besteht Fluchtgefahr.

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Die Freude über die wieder gewonnene Freiheit währte nur kurz bei Khaled El Masri. Am vergangenen Montag hatte ihn das Amtsgericht Kempten vom Vorwurf der Körperverletzung freigesprochen, seit Freitag aber sitzt er nach Informationen der SÜDWEST PRESSE wieder hinter Gittern.

Aber nicht etwa, weil der sechsfache Familienvater erneut straffällig geworden wäre. Die Staatsanwaltschaft geht gegen das Urteil des Amtsgerichts vor und hat Beschwerde gegen die Aufhebung des Haftbefehls beantragt. Diesem Antrag wurde stattgegeben, weshalb der alte Haftbefehl wegen Fluchtgefahr wieder in Vollzug ist, noch bevor über die Berufung der Staatsanwaltschaft verhandelt wurde. „Das ist möglich, kommt aber sicherlich selten vor“, räumt der Sprecher der Staatsanwaltschaft ein.

Der wegen der Verschleppung durch den amerikanischen Geheimdienst CIA und die monatelange illegale Folterhaft in Afghanistan traumatisierte El Masri hatte zuletzt vier Jahre im Gefängnis gesessen, nachdem er selber zum Täter geworden war. Er hatte, im Glauben verfolgt zu werden, auf den Neu-Ulmer Oberbürgermeister Gerold Noerenberg eingeschlagen, einen Fahrlehrer angegriffen und im Kaufhaus Metro Feuer gelegt, wo ihm zuvor Hausverbot erteilt worden war. Ihn wegen eines neuerlichen Vorfalls kurz vor der offiziellen Haftentlassung zu verurteilen, scheiterte aber – das Amtsgericht sprach ihn, wie erwähnt, vom Vorwurf der Körperverletzung frei.

Klein beigeben will die Staatsanwaltschaft aber nicht. „Wir sind mit dem Urteil nicht einverstanden“, kritisiert der Behördensprecher unverholen das Urteil des Amtsgerichtsdirektors, der in seiner Begründung am vergangenen Montag offen bekannte, dass er El Masri als Opfer eines Verbrechens sieht. Die eilends gefertigte Anklage wegen eines Übergriffs auf einen Vollzugsbeamten im Gefängnis sei jedenfalls alles andere als eine Körperverletzung. El Masri war vorgeworfen worden, mit zwei Fingern über die Wange des Beamten gewischt und ihm dabei Schmerzen zugefügt zu haben. Die Staatsanwaltschaft hatte deswegen und wegen Bedrohung und Beleidigung eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten gefordert – der Richter verhängte lediglich eine Geldstrafe, was die Freilassung El Masris noch am selben Tag zur Folge hatte.

Nach Informationen der SÜDWEST PRESSE hatte der 50-jährige El Masri, dessen Familie schon vor längerer Zeit in den Libanon ausgereist ist, die Tage bei Freunden in Ulm verbracht. Offenbar ist er bereits am Freitag vor dem Ulmer Hauptbahnhof erneut verhaftet worden. Ob er verreisen wollte, ist unklar. Offiziell gibt es keine Angaben zu der neuerlichen Inhaftierung.

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Kommentare

22.10.2013 08:15 Uhr

Schuss ins eigene Bein

El-Masri ist buchstäblich für nichts im Gefängnis. Seine Strafen für seine früheren Verbrechen hat er abgesessen, und nun kassieren ihn Polizei und Justiz wieder ein, weil... man könnte ja eventuell doch noch etwas finden, womit man ihn drankriegt?

Wundert es noch irgendeinen, dass dieser Mann einen derartigen Hass auf das System entwickelt hat?

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21.10.2013 21:06 Uhr

Staatsanwälte im Auftrag des Staates?

Dass El Masri kein braver Bürger ist, steht außer Frage.
Doch nach all dem Unrecht, das ihm von staatlichen Stellen zugefügt wurde, ist seine Wut und sein Misstrauen gegenüber dem Rechtsstaat nachvollziehbar.
Dass nun die Staatsanwaltschaft mit ALLEN Mitteln versucht, diesen geschundenen Mann davon abzuhalten, sich der Kontrolle durch staatliche Stellen zu entziehen, verwundert nicht.
Sollten alle Details und alle Beteiligten an seinem Leid öffentlich werden, würde auch die Mitverantwortung (durch Untätigkeit und Zensur) unserer Behörden bekannt.
Die Ausreise zu seiner Familie, die doch eigentlich dem deutschen Staat jede Menge Euro ersparen würde, soll also unbedingt verhindert werden.
Dazu muss eine derart konstruierte Geste, durch Fingerspitzen herhalten.
Wenn ich mir die Prügelattacken und Pfeffersprayorgien ( Schlosspark Stgt, GP )unserer regionalen Polizei dagegen vor Augen führe, frage ich mich schon ernsthaft, mit welchem Mass Körperverletzung gemessen wird!
Ist das Berühren der Wange eines Vollzugsbeamten denn verletzender, als die Körperverletzungen im Amt, verübt von vermummten, anonymisierten Polizeibeamten an friedlichen Demonstanten, Kindern ebenso wie Senioren.
Dem geforderten Strafmaß nach gibt es mittlerweile ein Kastensystem in Deutschland.
Staatsdiener und Volk.
Erstere sind Unberührbare.
Letztere sind nur Hamster im Laufrad. Und wehe wenn sie das rad anhalten wollen ....

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