Eine Stadt huldigt ihrem OB

Ein Schwörmontag wie aus dem Bilderbuch: Sowohl meteorologisch, als auch emotional. Nicht, dass die Ulmer ihren OB schon verabschiedet hätten. Aber: Es war Ivo Gönners 24. Schwörmontag als OB, sein letzter - und Massen an Bürgern wie noch nie strömten zur Schwörfeier, um ihm zu huldigen und ihn nach seiner Rede mit stehenden Ovationen zu feiern. Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer

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Es war eine Rede ganz nach Gönners Art und Naturell: Nicht eine selbstgefällige Bilanz von 24 Amtsjahren. So ein Dünkel ist dem Oberschwaben Gönner fremd. Sein Amtsverständnis ist vom ersten Arbeitstag am 1. März 1992 an gewesen und geblieben, dass der amtierende Oberbürgermeister immer nur ein Glied in einer langen Kette sei. Ein Sprachbild, das in Gönners Schwörreden immer wiederkehrte. Also auch am Montag, als er es ergänzte um eine Botschaft für die Zeit nach ihm: Jede Generation sollte besorgt sein, eigene nachhaltige Beiträge zum Wohl der Stadt zu leisten.
 
An solchen Errungenschaften mangelt es wahrlich nicht, seit Gönner wirkt. Aber er dachte nicht daran, sie herauszukehren. Vielmehr hielt er eine Schwörrede in bekannter dreigeteilter Manier: Bilanz des Stadtjahres seit Schwörmontag 2014; Dank an alle,  die Beiträge zum guten Zusammenleben in Ulm leisten; Ausblick auf die nächste Zeit.
 
An etlichen Stellen fiel seine zweidutzendste Schwörrede dezidierter aus als so manche ihrer Vorgängerinnen. Etwa, als er die Ulmer Donauaktivitäten einwebte in ein Plädoyer für das geeinte Europa, das für Gönner die sichereste Bastion ist gegen aufkeimenden Nationalismus und den Populismus von rechts. Noch deutlicher als im Vorjahr wandte sich der OB gegen Ressentiments gegen Flüchtlinge, wie sie nun auch in Ulm offenbar werden  – siehe  Böfingen, siehe Wiblingen, wo ihm noch am Montag Unterschriften gegen eine neue Flüchtlingsunterkunft überreicht wurden.
 
Ja, auch dafür steht dieser beliebte OB: Gewiss nicht für einen einen vorbehaltlosen, unkontrollierten, aus dem Ruder laufenden Zustrom an Flüchtingen. Aber dafür, diejenigen, die da sind, anständig zu behandeln und unterzubringen.  

Kommentar von Hans-Uli Thierer: Die Huldigung

Ulm hat sich am letzten Schwörmontag unter Ivo Gönners Oberbürgermeistersein vor ihm verbeugt. Sich nicht von ihm verabschiedet, aber ihm signalisiert, wie sehr Ulm ihn schätzt.

Nur Nicht-Ulmer konnten das vermuten: Dass Gönner den Schwörmontag 2015 hernähme, um seine letzte Schwörrede zu strapazieren für eine persönlich gefärbte, selbstgefällige Bilanz über die Zeit seit 1992. Von wegen. Solcher Dünkel ist weder nach seinem Naturell noch ist es sein Amtsverständnis. Vom ersten Arbeitstag am 1. März 1992 an hat er sich als ein Glied in einer langen Kette verstanden. Ein Sprachbild, das in seinen Schwörreden immer wiederkehrte. Also auch gestern, ergänzt um eine Botschaft für die Zeit nach ihm: Jede Generation sollte eigene Beiträge zum Wohl der Stadt zu leisten.

An solchen Errungenschaften mangelt es nicht, seit er wirkt. Aber, wie gesagt, er dachte nicht daran, sie herauszukehren. Vielmehr hielt er eine bodenständige Schwörrede in bekannt dreigeteilter Manier: Bilanz; Dank an alle, die Beiträge zum guten Zusammenleben leisten; Ausblick, samt eingebauten Fernblicken über 2016 hinaus mit den Herausforderungen, im Ulmer Norden neues Gewerbeland zu erschließen und im Zuge der Fertigstellung der ICE-Neubaustrecke das Vorhaben Citybahnhof Ulm anzugehen, es gleichsam aber auch zu verstehen als stadtprägende Bahnhofscity.

An etlichen Stellen fiel die zweidutzendste Schwörrede Gönners dezidierter aus als manche ihrer Vorgängerinnen. Etwa, als er die Ulmer Donauaktivitäten einwebte in ein Plädoyer für das geeinte Europa, das für Gönner die sicherste Bastion ist gegen den erstarkenden Nationalismus und Populismus von rechts. Dank der Errungenschaften nach dem Krieg: Demokratie, Rechtsstaat, Menschenrechte, Sozialstaat, Bereitschaft, Konflikte durch politische Kompromisse zu lösen und nicht mit Waffen. Aber auch, indem der OB deutlicher denn je aufkeimenden Ressentiments gegen Flüchtlinge eine Absage erteilte. Sie erreichen nun auch Ulm - siehe Böfingen, siehe Wiblingen, von wo noch gestern Unterschriften gegen eine neue Unterkunft im Rathaus ankamen. Gewiss hat dieser OB Verständnis. Gewiss steht Gönner nicht für einen vorbehaltlosen, unkontrollierten, aus dem Ruder laufenden Zustrom an Flüchtlingen. Aber dafür, diejenigen, die da sind, anständig zu behandeln und unterzubringen.

Wie alle Schwörreden Gönners waren die stärksten Passagen die, in denen deutlich wurde: Da oben steht einer, der Grundwerte wie Toleranz, Bescheidenheit, vor allem Respekt nicht nur vom Balkon des Schwörhauses herunter predigt, sondern der sie verkörpert. Einer, der das gute Nebeneinander und Zusammen von und mit Armen und Reichen, Dummen und Gescheiten, Ausländern und Inländern, Jungen und Alten, Gescheiterten und Erfolgreichen lebt. Einer, um es in seinem Bild zu sagen, der nicht nur Glied, sondern jener feste Verschluss ist, der die lange Kette zusammenhält.

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