Eine gute Stunde mit Yes Sir Boss im Ulmer Zelt

"Yes Sir Boss" im Ulmer Zelt: Kurz aber knackig war der Auftritt der Indie-Reggae-Rock-Band. Das Publikum nahm's hin und genoss das Konzert-Konzentrat.

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Für eine gute Stunde Livemusik im Ulmer Zelt sorgte die britische Band „Yes Sir Boss“. Nur? Was üblicherweise ein Aufreger sein könnte, in Zeiten, in denen Konzerte bei der Nacherzählung durchaus an ihren Überstunden und Zugaben gemessen werden, hier wurde die Shortversion eines Gigs von den mehr als 300 Besuchern akzeptiert. Schließlich hatte das Sextett in der knapp bemessenen Zeit alles gegeben und das Publikum bei der Deutschland-Premiere mit einem tanzbaren Rock-Konzentrat beschenkt. Oder deftiger ausgedrückt: Sie hatten es krachen lassen.

Ihre erste Kurz-Scheibe hatten sie noch studiofrisch im Zelt dabei, als sie nach Konzerten in Plymouth, London und im niederländischen Bloemendaal aan Zee in der Friedrichsau loslegten. Überraschend eigentlich, dass „Yes Sir Boss“ bereits drei Jahre und reichlich Konzerte auf dem Buckel hatten, als sich Joss Stone entschloss, ihr eigenes Label Stone'd Records mit genau dieser Band und deren EP „Desperation State“ zu starten. Was die populäre Soul-Sängerin zu diesem so genannten Signing bewegt hatte, durften die Besucher schnell feststellen. Die Truppe aus Bristol fackelte nicht lange, legte mit akzentuierten Riffs und treibenden Beats stets im Vorwärtsgang los, ohne sich dabei zu lange an Stilfragen festhalten zu wollen. Kunterbunt, energetisch, bisweilen explosiv, doch mit überraschender Reife drückten die Songs aus den Boxen.

Vorne stand Sänger Matthew Sellors, ein Typ mit leicht angerauten Stimmbändern und schneller Zunge, der auch locker als Frontmann einer stadionfüllenden Mainstream-Rockkapelle durchgehen würde. Will er aber nicht. Bei „Yes Sir Boss“ geht's fast in jedem Song um die Summe der einzelnen Teile, die nur unterschiedlich gewichtet und zusammengemischt werden.

Ska, Jazz, Indie-Rock, Reggae, Balkanbrass, ein wenig Punk- und Mexiko-Feeling, Donnerwetter- und Desert-Rock – alles drin und dennoch keine Gemischtwarentruppe mit Reißbrett-Musik. Wenn schon reiß, dann mitreißend. Jehan Abdel-Malak, Multiinstrumentralistin und einzige Frau im Bunde, überzeugte als Saxofonistin zusammen mit Trompeter Tom First nicht nur beim Bläsersatz-Pressing, auch in den Soloparts zeigte sie Klasse. Und die Rhythmuscrew spielte sowieso aus einem Guss, selbst im musikalisch unwegsamen Terrain.

Die bisweilen zirzensisch anmutende Verspieltheit passte sehr gut zum Zeltrund. Zwischen all dem urbanen Skadrive und Rock mit dezenten Avancen hin zum Jazz fand auch die Melancholie ihren Platz. Melodikaklänge, fünfstimmiger Gesangssätze in Reinkultur, all das mündend in sattem Rock. Die Trompete durfte hallgetränkt für effektvolle Momente des großen Pathos’ sorgen, bevor die Sechs mit einem gewaltigen, punktgenauen Rockgewitter zeigten, dass sie nicht nur eine mit allen Wassern gewaschenen Liveband sind, sondern auch Probenweltmeister sein müssen.

Wer so eingespielt klingt, derart rhythmisch verzwickt unterwegs ist, Genrewechsel im Minutentakt durchzieht und sich sogar an Vergleiche mit den Großmeistern „Mr. Bungle“ herantraut, muss fleißig sein.

Was vom Publikum zunächst in Frage gestellt sein musste, wurde doch der offizielle Teil nach gut 45 Minuten beendet. Doch „Yes Sir Boss“ legten mit „You and Me“, lockerem Reggae-Drive, angefeuert vom fröhlichen Lalala-Chor des Publikums, nach. Und auch im vierten und letzten Zugabenstück waren sie noch für Überraschungen gut, denn nun klangen sie ausgesprochen funky und sogar ein wenig chartstauglich. Der Dank gehört den Programm-Machern, die diese noch unbekannte Band nach Ulm holten – beim nächsten Mal darf es dann aber schon ein wenig mehr sein als eine gute Stunde.
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