Eine Ausbildung ist keine Sackgasse

Das erste Ziel: ein Schulabschluss. Über Möglichkeiten, die ihren Kindern danach offenstehen, berät das Projekt "Teach" türkische Eltern.

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Gymnasium, Studium, Karriere - oder Hauptschule machen und Versager sein. "Für viele Familien gibt es nur diese Möglichkeiten", sagt Banu Öner, Mitarbeiterin des BBQ Ulm, einer Tochter des Bildungswerks der Baden-Württembergischen Wirtschaft. Um - momentan türkischstämmigen - Familien zu zeigen, dass sie aus diesem Muster ausbrechen können, sind sie und ihr Kollege Ceyhun Polat seit 2010 in dem Projekt "Teach" beschäftigt - die Abkürzung für "Türkische Eltern arbeiten an Chancen".

Das erste Ziel ist, dass die Kinder überhaupt einen Abschluss machen. Aber ihre Hilfe geht weit darüber hinaus. Gerade türkische Eltern wissen wenig über duale Bildungswege, weil es das in der Türkei in dieser Form nicht gibt, erklärt Öner. Zudem seien dort handwerkliche Berufe schlecht angesehen. "Die Eltern wollen, dass ihre Kinder lange zur Schule gehen - das ist aber nicht immer das Beste fürs Kind." Wenn etwa Sohn oder Tochter auf die Hauptschule geht, die Eltern aber von einer Karriere als Jurist träumen, weisen Öner und Polat darauf hin, dass das im Prinzip schon geht - aber sehr, sehr lange dauert. "Da empfehlen wir, zuerst eine Ausbildung zu machen." Zumal ein Ausbildungsberuf in Deutschland keine Sackgasse ist: Karriere kann man auch innerhalb eines Betriebs machen, betont Öner.

Öner und Polat wollen den Familien helfen, individuelle Bildungswege zu finden. Was einfacher gesagt ist als getan, denn zunächst müssen die Familien und das Teach-Team sich finden. Was bereits zu einer der Ursachen des Problems führt: Da die betroffenen Eltern oft unsicher mit der deutschen Sprache sind, meiden sie meist Elternabende. Oft erfahren sie dann von schulischen Problemen ihrer Kinder erst, wenn es zu spät ist.

"Wir sprechen einfach Leute an und fragen, ob sie Kinder haben, die zur Schule gehen", erklärt Öner. Dazu gehen sie in Moscheen, in Vereine, in Konzerte. Wenn die Eltern Interesse zeigen, kommen Öner oder Polat zu ihnen nach Hause. Allerdings: "Wir kommen nicht mit erhobenem Zeigefinger!", betont Polat. "Wir sind lediglich die Übermittler von Informationen." Ganz wichtig sei es, nicht mit der Tür ins Haus zu fallen. "Wir sind von klein auf gut trainiert, Tee zu trinken", formuliert es Öner - Tee ist in der Türkei das Mittel zur Kommunikation schlechthin. Öner und Polat plaudern mit den Familien also erstmal über Gott und die Welt, bevor sie zur Sache kommen. "Das ist wichtig, um Vertrauen aufzubauen."

"Aus meiner Sicht als deutsche Sozialpädagogin ist das einfach genial", sagt Ulrike Spieß, die Ulmer BBQ-Bereichsleiterin. "Wir sind zehn Jahre lang an unsere Grenzen gestoßen." Die neue Art der Herangehensweise kostet allerdings deutlich mehr Zeit. "Wir machen schon viel ehrenamtlich, aber die Sache liegt uns eben am Herzen", sagt Öner. 140 Familien haben sie bisher besucht, von denen 28 Kinder einen Ausbildungsplatz gefunden haben, etliche sind in einer weiterführenden Ausbildung oder haben ihre Schulnoten verbessert.

Meistens ist es Öners und Polats Aufgabe, die Kinder zu motivieren. In einigen Fällen ist es aber umgekehrt: "Manche Schüler hätten Zeug zu mehr, werden aber nicht genügend gefördert", sagt Öner. Das betreffe auch die Schulen, wenn etwa Lehrer trotz guter Noten vom Gymnasium-Besuch abraten. "Wir organisieren dann Gespräche zwischen Schulen und Eltern, wenn nötig holen wir einen Kinderpsychologen dazu."

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