Ein musikalischer Polstersessel

So muss man einen Stummfilm vertonen: Das Struggle-Orchester servierte Buster Keaton im Podium des Theaters Ulm ganz ohne Zappel-Effekt.

|

Filme wurden im Podium schon immer gezeigt, aber mit dem Komfortlevel heutiger Lichtspielhäuser kann das Multifunktions-Sechseck mit seiner schlichten Bestuhlung nur bedingt Schritt halten. Da muss schon was ganz Besonderes auf die Leinwand, um die Leute zu fesseln. In diesem Fall war es die Stummfilm-Legende Buster Keaton, der vom Struggle-Orchester gekonnt in die akustische Gegenwart befördert wurde. Die sechs Musiker unter Leitung des Schwenninger Komponisten und Schlagzeugers Karl Koch haben sich der Live-Begleitung von Stummfilm-Klassikern verschrieben - und diese Kunst zwar nicht zur Perfektion, aber auf ein Niveau befördert, das einen 20er-Jahre Filmabend zum Ereignis für die Sinne macht.

Das lag zum einen am Film selber. "Der Kameramann" ist 1928 entstanden und wurde im Podium in einer digital restaurierten Fassung von 2004 auf die Leinwand gebracht. Die Tragikomödie ist ein cineastisches Großwerk, das in diversen handwerklichen Disziplinen vieles von heute den Schatten stellt. Rasant geschnitten, virtuos montiert, mit pfiffigen Regieeinfällen und den akrobatischen Slapstick-Einlagen des Großmeisters Buster Keaton. Und nebenbei liefert "Der Kameramann" zeitgeschichtliche Einblicke ins amerikanische Großstadtleben der 1920er Jahre: Komische Schwimmbad-Planschereien genauso wie den ungemütlichen Berufsalltag der Filmreporter, die sich mit der Kurbelkamera auf die Jagd nach Aufregern für die Wochenschau machen.

Kochs Filmorchester verzichtet weitgehend auf das akustische Slapstick-Gehampel, mit denen solche Filme oft unterlegt sind. Wenn Keaton als glückloser Reporter von einem Unglück ins nächste stolpert, bewahrt das Team die Contenance, schafft ein weiches Klangbild, das der Hektik des Geschehens einen flott swingenden, aber letztlich angenehm unaufgeregten Gegenpart zur Seite stellt und trotzdem wie aus einem Guss dazu passt. Klavier und diverses Schlagwerk zusammen mit Tuba und Posaune äffen nicht die Bilder nach, sondern schaffen einen musikalischen Polstersessel. Das Struggle-Orchester ringt nicht mit seiner Aufgabe, sondern geht höchst einfühlsam mit der Rohware des Stummfilms um - und holt sich einen langen Applaus.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Hoffen und Bangen vor dem Prozess gegen Mesale Tolu

Am Montag entscheidet sich, ob die Journalistin frei kommt. Die Familie ist optimistisch. Diplomaten und Prominente verfolgen die Verhandlung im Istanbuler Justizpalast. weiter lesen