Ein Menschenfreund verlässt Ulm

"Man kann auch im eigenen Laden einiges kritisch sehen", sagt Thomas Keller über seine Haltung zur katholischen Amtskirche, mit der er durchaus immer wieder hadert. Der Pfarrer von wird am Samstag in den Ruhestand verabschiedet.

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Der radelnde Thomas Keller ist ein bekannter Anblick in Ulm. Aber es wird ihn nicht mehr lange geben: Wenn der katholische Georgs-Pfarrer in den Ruhestand verabschiedet ist, wird er nach Schwäbisch Gmünd ziehen.  Foto: 

Während der vergangenen 25 Jahre ist er für die katholische Kirche in Ulm eine markante und vielfach geschätzte Persönlichkeit geworden.

Der schlaksige Geistliche, der über 1,90 groß ist, zeichnet sich durch seine große Menschenfreundlichkeit, Offenheit und Unabhängigkeit aus und dass er das klare Wort nie scheut. Sein Amtsverständnis hat eine andere Basis, die in der befreienden Wirkung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) wurzelt. "Kirche ist kein hierarchischer Apparat; sondern die Gemeinschaft der Glaubenden, die zwar Dienstämter braucht, aber die Charismen und Fähigkeiten vieler Menschen, die sich aus eigenen Antrieb dem Glauben zuwenden und sich von der Botschaft des Evangeliums anstecken lassen."

Dieser Geist des Aufbruchs hat auch sein Studium beflügelt, das der 1942 in Ellwangen Geborene von 1962 bis 1968 an der Uni Tübingen absolvierte. Im Jahr des Höhepunkts "unserer Sturm- und Drangzeit" wurde er zum Priester geweiht, kam dann als Vikar nach Ulm in die Gemeinde von St. Elisabeth, wo er bis 1971 blieb. Anschließend wirkte er als Pfarrer in Herrenberg, bis er im Jahr 1990 die Pfarrei St. Georg übernahm, die er nun verlässt.

Der "Austausch mit den Menschen, mit denen wir leben", ehrliches Interesse und Offenheit zeichnen sein Wesen aus. Ebenso die Fähigkeit, in Gelassenheit manches anzunehmen - was er, wie immer auf Schwäbisch, lakonisch mit "so isch's halt" kommentiert - ohne sich nicht entmutigen zu lassen. "Manchmal ist eine Enttäuschung eine Ent-Täuschung, die heilsam wirkt."

Dennoch gibt es Dinge, die ihn schlauchen, wie er zugibt. Beispielsweise das Zögern der Amtskirche, die Missbrauchsfälle anzuerkennen und darauf angemessen zu reagieren. Oder die stetig wachsende Zahl der Kirchenaustritte. Jedem ausgetretenen Gemeindemitglied hat Thomas Keller einen persönlichen Brief geschrieben. Manche haben darauf reagiert, die meisten nicht. Wieder eingetreten ist keiner. Die Situation macht ihn ratlos, "da muss man lernen, neu bescheiden zu sein und sich den eigenen Fragen oder Zweifeln zu stellen".

Priester zu sein, hat Keller nie bereut: "Es gibt keinen schöneren Beruf, als mit Menschen zu tun zu haben und mit ihnen unterwegs zu sein." Ihm sind alle lieb: die Kleinen wie die Großen, Frohgestimmte, Hadernde, Zweifelnde, Trauernde, Sterbende - auch wenn ihn manche Begegnung herausfordert und an die eigenen Grenzen führt. Viele Ulmer haben ihn als einfühlsamen und zugewandten Seelsorger erlebt. Als einen, der nicht das Rampenlicht sucht, sondern klar, pragmatisch und unaufgeregt handelt - beispielsweise bei Trauungen Geschiedener oder ökumenischen Gottesdiensten. Überhaupt Ökumene: "Das bedeutet, dass wir als Christen als die, die vom Evangelium erfüllt sind, den gemeinsamen Weg gehen. Je weiter wir da vorankommen, desto besser ist es." In Ulm ist für ihn schon vieles erreicht.

In großer Dankbarkeit blickt Thomas Keller auf seine 25 Jahre in Ulm zurück. "Die Menschen haben es mir hier leicht gemacht, ich habe hier eine gute Gemeinschaft erlebt" im pastoralen Team, mit Kirchengemeinderat, Verwaltung, Mesner, Gemeindemitgliedern, ebenso den Pfarrerkollegen und vielen anderen. Dabei wird immer wieder seine Haltung deutlich: "Man muss die Leute mögen - und man muss andere Meinungen gelten lassen." Angesprochen auf seine Menschenfreundlichkeit wehrt er ab: "Das ist ein Echo - das, was man geben kann, hat man zuerst bekommen."

Bescheidenheit und Humor zeichnen Keller aus - letzteren hat er als Fasneter oft in der Bütt bewiesen. Er wird im Ruhestand nicht in Ulm bleiben, "das ist nicht gut", sondern nach Schwäbisch Gmünd gehen und dort ins betreute Wohnen ziehen. "Das muss man nüchtern sehen: Ich tue mich immer schwerer mit meiner Lauferei." Selbst mit dem Stock, der seit einigen Jahren sein ständiger Begleiter ist, geht es nicht mehr gut. Fahrradfahren ist noch besser. Der radelnde Keller mit seiner Baskenmütze ist in Ulm ein gewohnter Anblick, den es also nicht mehr lange geben wird.

In Gmünd wird er weiterhin Gottesdienste feiern, ohne die Verantwortung für eine Gemeinde zu haben. "Das ist auch gut so." Und er kann sein Verständnis von Kirche leben, bei dem "es nicht darum geht, Glanz-Events herzustellen", sondern darum, "dem Evangelium zu folgen und Mitgänger zu finden". Info Die offizielle Verabschiedung von Pfarrer Thomas Keller wird am Samstag, 25. Juli, mit einem Gottesdienst um 19 Uhr in St. Georg gefeiert. Anschließend ist noch ein Empfang im Gemeindehaus.

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