Ein Leben in Haft

Ein Drittel seines Lebens war er in Haft: Der 32-Jährige, der in Ehingen einen Supermarkt und eine Bäckerei sowie in Ulm ein Fastfood-Restaurant ausgeraubt hat. Nun kommen achteinhalb Jahre Gefängnis hinzu.

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Es ist eine krasse Lebensgeschichte, die gestern vor der Zweiten Großen Strafkammer des Landgerichts Ulm aufgerollt wurde: Bis zu seinem siebten Lebensjahr lebte der heute 32-jährige Angeklagte in dem Glauben, dass seine Mutter - nur 16 Jahre älter - seine Schwester wäre, Oma und Opa hielt er für seine Eltern. Der italienisch-stämmige Junge wuchs mit drei Halbgeschwistern in Ehingen auf, seinen Vater hat er nie kennengelernt. Als er elf Jahre alt war, verschwand der strenge Großvater nach Sizilien zu seiner Geliebten. Und damit verschwand der einzige Mensch, der den Jungen bändigen konnte. Mit 14 Jahren begann er seine kriminelle Karriere - Körperverletzung, Diebstahl, räuberische Erpressung, Drogenmissbrauch, Bedrohung, Einbruch und mehr. "Ich war immer in Berührung mit Drogen", sagte der Mann, der wegen zweifachen Raubs und Diebstahls angeklagt war, gestern vor Gericht.

Seine kriminelle Karriere ging im Konradihaus in Schelklingen weiter: Dort verpasste der Jugendliche einem Mitbewohner mit anderen eine Willkommensprozedur aus brutalen Wechselduschen, Fesseln, Erniedrigungen. In der daraus resultierenden Haft machte er in der Jugendvollzugsanstalt seinen Hauptschulabschluss. Im Anschluss daran wurde er im Alter von 17 Jahren das erste von insgesamt fünf Malen nach Italien abgeschoben. Zudem erhielt er ein Einreiseverbot für die Bundesrepublik. "Ich war allein und konnte kaum Italienisch." Es folgten weitere Verbrechen und Haftstrafen: in Österreich wegen Vergewaltigung, in Italien wegen Körperverletzung und Sachbeschädigung. In der Haft absolvierte er in Italien eine Ausbildung zum Technischen Zeichner.

Nach seiner Entlassung reiste er immer wieder illegal nach Deutschland, wo er nach kurzer Zeit erneut straffällig wurde. Es folgte das gleiche Spiel: Er ging in Haft und wurde im Anschluss daran abgeschoben. Doch stets zog es den jungen Mann zurück: "Hier sind meine Freunde und Familie, hier fühle ich mich geborgen." Die Illegalität in Deutschland habe ihn zu Schwarzarbeit und Diebstahl gewzungen, sagte er gestern. Und scheinbar auch zu Widerwärtigem: Während der Haft in der Jugendvollzugsanstalt zwang er einen Mitinsassen, Urin zu trinken und nötigte ihn zu sexuellen Handlungen.

Ziwschendurch fasste er in Italien für einige Monate Fuß - als Kellner bei einer Großtante. Die habe ihn aber mies bezahlt und ausgenutzt. Er kehrte nach Deutschland zurück, wo er in Stuttgart als Schwarzarbeiter kellnerte. Erneut wurde er straffällig und wieder abgeschoben.

Nur wenige Monate war er aus der Haft in Italien entlassen, als er am 4. September vergangenen Jahres aus der Kasse eines Ehinger Supermarktes 1800 Euro stahl. Alles sei so schnell gegangen, dass sie nicht habe reagieren könne, sagte die Kassiererin vor Gericht. Sie habe lediglich gehört: "Ich tu dir nichts."

Das erbeutete Geld reichte nicht lange. Wofür es ausgegeben hat, wollte der 32-Jährige dem Gericht nicht sagen. Am Abend des 14. Septembers erbeutete er in der Fialiale einer Fastfood-Kette in der Neuen Straße in Ulm weitere 350 Euro. Dieses Mal bedrohte er den Mitarbeiter an der Kasse mit einem Steakmesser mit 14 Zentimeter langer Klinge. Der junge Verkäufer ist von dem Überfall noch immer geschockt: Er vermeide inzwischen, dass Fremde ihm zu nahe kommen, erzählte er gestern als Zeuge.

Auch die Mitarbeiterin einer Ehinger Bäckerei, die der Räuber am Abend des 21. Septembers beim Geldzählen im Hinterzimmer überraschte, leidet nach der Bedrohung mit dem Messer und dem Hinweis, dass "etwas passiert", wenn sie sich wehre, unter Ängsten. Der Räuber erbeutete aus der Bäckerei-Kasse 1000 Euro. Auf ihre Frage, warum er das tue, habe er geantwortet: "Keine Arbeit, kein Geld."

Dem Richter sagte der Angeklagte gestern, dass er sich für die Taten "relativ spontan" entschieden habe.Wenn ihm das Geld ausgegangen sei und sich eine Gelegenheit geboten habe. Der 32-Jährige war geständig. Von einer positiven Sozialprognose sei er weit entfernt: Richter Gerd Gugenhan sprach von einer verheerenden Karriere. "Sie haben, seit Sie strafmündig sind, drei Viertel der Zeit im Vollzug verbracht. Schlimmer gehts kaum." Bei seinen Taten sei er stets kaltschnäuzig vorgegangen. Das Gericht verurteilte den Mann zu einer Haftstrafe von achteinhalb Jahren. Staatsanwalt Michael Bischofberger hatte zehn Jahre gefordert, Pflichtverteidiger Ralph Walker sieben.

Bei den achteinhalb Jahren wird es wohl nicht bleiben. Denn in Augsburg wird gegen den 32-Jährigen derzeit wegen bewaffneten Überfalls auf eine Tankstelle ermittelt.

Richter Gugenhan gab dem Mann noch einen Rat für die Zeit nach dem Gefängnis auf den Weg: Dafür solle er sich doch einen deutschsprachigen Teil der Welt auszusuchen, der nicht in Deutschland liegt. Gugenhan schlug Südtirol vor.

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