Ein Hüter auf Reisen

William L. Gross hat eine Passion: Er sammelt jüdische Kultgegenstände - und schickt sie auf Reisen. Auch im Ulmer Museum erzählen seine Leuchter, Tafeln und Schriftrollen von der uralten jüdischen Tradition.

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William L. Gross aus Tel Aviv schickt seine Kostbarkeiten gerne in die Welt hinaus. Foto: Volkmar Könneke

Und plötzlich fällt ein deutsches Wort in diese englische Unterhaltung. "Familienstück" sagt William L. Gross mitten im Satz. Eigentlich spricht er es eher "Familienstick" aus, wie ein jiddisches Wort.

Das kommt wohl nicht zufällig, denn Gross ist dabei, von einer deutschen, jüdischen Familie zu erzählen. Beziehungsweise von einem Stück, das einmal zu dieser Familie gehört hat: Eine "Mikrografie", ein Blatt, das auf den ersten Augenschein hin ein Ornament zeigt. Nur bei ganz genauem Hinsehen kann man erkennen, dass die gewundene Linie aus winzigen Buchstaben besteht. Folgt man der Girlande, ergeben sie einen Psalm - "der einzige jüdische Beitrag zur bildenden Kunst", wie Gross lächelnd behauptet.

Lächeln muss der 73-Jährige sowieso ständig, wenn er seine Objekte besieht, die momentan im Ulmer Museum stehen. Der Sammler aus Tel Aviv hat einige seiner historischen jüdischen Kultgegenstände für die Sonderausstellung "5773. Eine neue Synagoge für Ulm" zur Verfügung gestellt. Was hier zu sehen ist, ist freilich nur ein Bruchteil der bedeutenden Sammlung, die Gross pflegt und erweitert, seit er 24 Jahre alt ist.

Mit einem Gewürzturm für 15 Dollar hat es angefangen, inzwischen besitzt er "einige tausend Objekte". Ulm habe die 137. Ausstellung seiner Judaica, sagt er und erklärt, warum er seine Kostbarkeiten so gerne in die Welt hinaus schickt: "Wenn sie zuhause stehen, sind sie tot" - lebendig würden sie nur, wenn man sie für den Kultus benutze, oder sie eben ausstelle. "Im not a museum", sagt er mit einem liebenswerten Lächeln. Er hat seine Stücke nicht zusammengetragen, um sie eifersüchtig zu bewachen. Seine Schriftrollen, seine Chanukka-Leuchter, seine Tora-Zeiger sollen anderen die jüdische Geschichte verständlich machen, die Bräuche nahebringen. Denn die Stücke haben viel zu erzählen über die Beziehung der jüdischen Gemeinden zueinander und zu dem Umfeld, in dem sie entstanden.

"Objects tell stories", sagt William L. Gross mit wacher Begeisterung. Am schönsten ist es freilich, der Sammler erzählt die Geschichten seiner "Kinder" selbst. Erworben hat er sie in Antiquitätenläden und auf Auktionen, wenige nur habe er Privatleuten abgekauft. "Das mag ich nicht, weil ich das Gefühl habe, den Leuten etwas wegzunehmen", sagt Gross. Die Kultgegenstände sind auch für ihn persönlich nicht irgendeine Sammelware. Im Alter von 29 Jahren ist er mit seiner jungen Familie aus den USA nach Israel eingewandert. Ein liberaler Jude sei er, der zwar Rituale befolgt, aber nicht an Gott glaubt. Wie jeder agnostische Christ, der gerne an Weihnachten in die Kirche geht. Seine Leidenschaft für die Judaica sei anfangs ästhetischer Natur gewesen, erzählt der feine alte Herr. Inzwischen weiß er: Es ist nicht der Stil, der sie ausmacht. Denn der richtet sich nach ihrem jeweiligen Kontext. "Derselbe Silberschmied, der für die Kirche gearbeitet hat, hat auch für die Synagogen gearbeitet", sagt Gross.

Wie eng gerade der deutsch-jüdische Kultus mit der deutsch-christlichen Kultur verbunden war, kann der geschichtswissenschaftliche Autodidakt an beinahe jedem Stück zeigen. Da hat ein Illustrator die alttestamentarische Geschichte von Esther mit nackten Musen bebildert. Ein Kulturmix, wie ihn Orthodoxe heute wohl nicht akzeptieren würden, sagt Gross bedauernd.

Um dann auf den Tora-Zeiger hinzuweisen, der deutlich die stilistische Herkunft aus dem Art Deco verrät. Chanukka-Lampen aus dem 18. Jahrhundert sehen aus wie die Hausbänke, die es in bürgerlichen Haushalten gab, auf der Misrach-Tafel prangt der Doppeladler. Statt Engel sieht man Löwen mit scharfen Klauen, sogar Einhörner finden sich - ein Christus-Symbol.

Aber es gibt auch jene Stücke, die eine ganz und gar jüdische Geschichte erzählen: Eine silberne Almosenbüchse berichtet von den sozialen Organisationen, mit denen Juden einander in der Diaspora bis heute zur Seite stehen. Mit der Büchse wurde Geld für Familien gesammelt, die in Trauer waren - der Tradition gemäß sieben Tage lang - und Gäste zu verköstigen hatten. Sehr rar, weil sehr populär und gern gefälscht seien diese Behältnisse, sagt Gross und geht zum nächsten Stück, um weiter zu erzählen. . .

Aus Ulm habe er nichts in der Sammlung, sagt er. Aber das neue jüdische Leben in der Stadt sei "wonderful". Beweist es für ihn doch auch, dass seine Kultgegenstände nicht nur historisch sind. Gross sieht sie als Zeugen einer Kontinuität, die sich über alle Brüche hinweg gehalten hat. Denn natürlich ist ihm schmerzlich bewusst, warum sie nun bei ihm sind. Seine Stücke sind Überlebende von Auswanderung, Vertreibung und Verfolgung.

"Unglücklicherweise", meint Gross, "erzählen sie auch von jenem Kontext, vor dem sie gerettet werden mussten". Es wirkt, als schicke er seine geliebten Kinder auf Reisen, um sich zu bedanken. Für die Ehre, sie behüten zu dürfen.

Info Die Ausstellung "5773. Eine neue Synagoge für Ulm" ist noch bis 20. Mai im Ulmer Museum zu sehen.

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