Bekenntnis türkischstämmiger Gruppen und Organisationen zu Ulm

Alle türkisch-stämmigen Gruppen und Organisationen in Ulm haben monatelang an einer gemeinsamen Erklärung gearbeitet. Am Dienstagabend wurde sie im Rathaus unterzeichnet.

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Banu Öner, Mitglied des Internationalen Ausschusses im Gemeinderat, verliest die Ulmer Erklärung der 30 türkisch-stämmigen Gruppen. Rechts OB Gunter Czisch, der allen Beteiligten dankte.  Foto: 

Viele in Ulm sind irritiert und genervt: Von den emotionalen Demonstrationen für oder gegen den türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Von den Auseinandersetzungen vor dem Referendum Mitte April. Von den Äußerungen Erdogans über Deutschland. Wütend registrieren sie, dass türkische und kurdische Banden ihren Krieg in der Stadt austragen so wie vergangenes Jahr am Schwörmontag – „die sollen ihre Kämpfe in der Türkei ausfechten und nicht hier“, heißt es oft. Umgekehrt wollen sich die türkisch-stämmigen Ulmer nicht stets für die politischen Entwicklungen in der Türkei rechtfertigen müssen. Seit gut einem Jahr ist die Stimmung in der Stadt deshalb aufgeheizt.

Das ist der Grund, warum OB Gunter Czisch bereits im November vergangenen Jahres zusammen mit der Koordinierungsstelle Ulm: Internationale Stadt ein Dialogmodell mit allen in Ulm existierenden türkischen Gruppierungen, Parteien und Vereinigungen ins Leben gerufen hat. Insgesamt leben hier mehr als 8000 türkisch-stämmige Ulmer.

Ziel war, trotz unterschiedlicher ideologischer Ausrichtung und Überzeugungen, gemeinsame Nenner und Werte zu finden. Die Mühe hat sich gelohnt: Am Dienstagabend ist die „Ulmer Erklärung für ein Zusammenleben in Frieden und Respekt der türkeistämmigen Ulmer und Ulmerinnen“ bei einem feierlichen Akt im Rathaus unterzeichnet worden. Drei Gruppen nahmen nach Informationen der Zeitung allerdings nicht teil: Zwei extrem linke sowie der Ulmer Moschee-Verein Ditib, der erst 15 Minuten vor der Veranstaltung absagte. Ditib wolle die Erklärung jedoch noch unterzeichnen.

Darin heißt es unter anderem: „Es ist unsere gemeinsame Überzeugung, dass wir alle – unabhängig von unserer Herkunft, politischen Überzeugung oder Religion – in Frieden, gewaltfrei und in gegenseitigem Respekt miteinander leben wollen. Das Grundgesetz ist Leitlinie unseres Handelns. Dass eine Kultur des respektvollen Dialogs unverzichtbar ist. Dass wir weiterhin gemeinsam mit allen Ulmern aktiv Verantwortung übernehmen und das Leben in unserer Stadt mitgestalten.“ Die Erklärung sei eine Botschaft, sagte Czisch. Einmal nach außen an die Stadtgesellschaft: „Ulm ist unsere Heimat. Wir bekennen uns zu unserer Stadt.“ Zum anderen sei es eine Verpflichtung, die die 30 türkisch-stämmigen Vereine und Gruppen eingegangen seien. Die Forderung seitens der Stadt: „Ihr müsst unbeteiligten Bürgern sagen: Wie geht ihr mit den Konflikten unter euch um? Wie verhindert ihr Eskalation? Es gebe Regeln, an die man sich halten muss.

Umgekehrt solle die Stadtgesellschaft die Bemühungen anerkennen und sich gegen die Radikalisierung der Gesellschaft wehren.

Hinter allen – ihn eingeschlossen, bekannte Czisch im Gespräch mit der Zeitung  – liege ein intensiver und emotionaler Prozess. „Wir haben Leute an den Tisch gebracht, die in ihren Überzeugungen unterschiedlicher nicht sein können“, unterstrich er. Allein schon deshalb seien einige Treffen sehr emotional verlaufen. Er habe Geschichten gehört, die ihn sehr bewegt hätten. Die Erklärung habe eine Signalwirkung. „Ich bin dankbar, dass es uns gelungen ist.“

Großes Risiko

Mit am Tisch saß auch Elis Schmeer, Leiterin der Koordinierungsstelle Ulm: Internationale Stadt. Das Risiko sei groß gewesen, dass nicht alle der Einladung der Stadt folgen, sagt sie im Rückblick. Aber: „Auch zum Workshop, bei dem wir die Erklärung letztlich erarbeiteten, waren alle Gruppen vertreten.“ Dass dies gelungen sei, sei der Ulmer Gepflogenheit geschuldet: „Man darf vieles – nur niemals aufhören miteinander zu reden.“ Die acht Treffen seien meist vielversprechend verlaufen. Aber es gab auch Rückschläge. Etwa in den Zeiten des Wahlkampfes für das Referendum in der Türkei.

Die Erklärung basiere allein auf den Vorschlägen der türkisch-stämmigen Gruppen. Das Resultat sei zwar der kleinste gemeinsame Nenner, trotzdem bedeutend für die Stadt und ihre Zukunft: „Man will Vorbild sein.“

Kommentar über den Dialog mit Ulm Türken: Eine Heimat für alle

Dieses Bekenntnis zu ihrer Stadt haben Vertreter von türkischen Vereinen und islamischen Glaubensgemeinschaften am Dienstag im Rathaus feierlich abgegeben. Das ist nicht selbstverständlich. Und es ist ein symbolisches und wichtiges Signal – nach innen wie außen. Denn damit treten sie den Befürchtungen, auch den Ängsten vieler Mitbürger entgegen, Türken würden die demokratischen, pluralistischen Werte ihrer Heimat nicht akzeptieren und an den politischen Traditionen des Landes ihrer Väter oder Vorväter festhalten.

Mit Skepsis, auch mit Abneigung haben Deutsche in den vergangenen Wochen Richtung Türkei geblickt. Der Hass zwischen den Volksgruppen, die Verhaftungen Andersdenkender wie des Journalisten Deniz Yücel oder der Ulmerin Mesale Tolu, die verbalen Ausfälle des Präsidenten Erdogan, seine Kritik an Deutschland. All das ist Gift im täglichen Miteinander.

Umso wichtiger ist ein klares Bekenntnis: Ja, Ulm ist Lebensmittelpunkt. Ja, wir sind friedlich. Und ja, wir wollen aktiver Teil der Stadtgesellschaft sein. Dieses Signal sollten jene zur Kenntnis nehmen, die nicht an die Integrationswilligkeit der Türken glauben. Mit dem Ulmer Signal hat die Stadt deutlich gemacht, dass Sie ein respektvolles Miteinander fördert. Und dass sie es im Zweifel machtvoll einfordert und damit Hass und Gewalt klare Grenzen setzt.

Ein Kommentar von Harald John.

Reaktion Der Freundschafts-, Kultur- und Jugendverein, der sich 1980 in Ulm gegründet hat, erhielt die Einladung zum Dialog, als „alle Welt ausschließlich mit den Geflüchteten beschäftigt war“, erinnert sich die Vorsitzende des linksliberalen Vereins, Nurcan Cok. Sie hätten es als „sehr positiv“ empfunden, dass die Stadt sich mit den politischen Entwicklungen in der Türkei und den Auswirkungen in Deutschland auseinandersetzen wolle. Bei dem Treffen habe jeder von seinen Erfahrungen berichtet, der OB habe zugehört. „Super, genau so muss es sein.“ Der Dialog ende nicht mit der Unterzeichnung, sagt Cok. „Wir müssen weiter miteinander reden und auch ins Detail gehen.“ Dann werde man sehen, wie weit man aufeinander zugehen könne.

Ulmer Erklärung für ein Zusammenleben in Frieden und Respekt:

Ulm ist eine internationale Stadt und unsere Heimat. Sie ist in ihrer Geschichte bis heute geprägt von Wanderungsbewegungen und vom Zusammenleben in einer vielfältigen Gesellschaft. Diese Stadtgesellschaft spiegelt wider, wie unsere Welt immer stärker zusammenwächst.

Die Lage in der Türkei lässt viele der mehr als 8000 türkeistämmigen Ulmerinnen und Ulmer nicht unberührt. Wir als Vereine und Gruppen,
die seit vielen Jahrzehnten in Ulm aktiv sind, haben alle unsere eigenen Ziele und Überzeugungen. Wir suchen das Gemeinsame und achten die Unterschiede, die es überall dort gibt, wo Menschen zusammen leben.
Wir bringen uns in die Ulmer Stadtgesellschaft ein, gestalten sie mit und prägen gemeinsam mit anderen Gruppen das Bild Ulms als internationale Stadt.

Es gibt eine lange und gute Tradition des Dialogs und der engen Zusammenarbeit zwischen türkeistämmigen Institutionen, Vereinen, Gruppen und Menschen mit der Stadtverwaltung und innerhalb der Stadtgesellschaft.

Wir sind alle Ulmerinnen und Ulmer. Wir wollen den Frieden und Wohlstand in unserer Stadt erhalten. Ulm ist unsere Heimat.

Vor diesem Hintergrund ist es unsere gemeinsame Überzeugung,

- dass wir alle – unabhängig von unserer Herkunft, politischen Überzeugung oder Religion – in Frieden, gewaltfrei und in gegenseitigem Respekt miteinander leben möchten.
Das Grundgesetz ist Leitlinie unseres Handelns.

- dass eine Kultur des respektvollen Dialogs unverzichtbar ist.

- dass wir weiterhin gemeinsam mit allen Ulmerinnen und Ulmern
aktiv Verantwortung übernehmen und das Leben in unserer Stadt mitgestalten.

Diese Werte und Überzeugungen wollen wir auch unseren Töchtern und Söhnen vermitteln und ihnen darin ein Vorbild sein. Wir verpflichten uns, für diese Grundsätze jederzeit nach außen und innerhalb unserer Gemeinschaften einzustehen und zwar so, wie wir dies auch von allen anderen Institutionen, Vereinen, Gruppen und Menschen in dieser Stadt erwarten.

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Kommentare

28.06.2017 16:40 Uhr

"Er habe Geschichten gehört, die ihn sehr bewegt hätten."

Kann Hr. Czisch türkisch? Wo sich zwei Türken treffen, spricht man üblicherweise türkisch. Auch so ein Integrationshemmnis...

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