Ehemalige polnische Zwangsarbeiterinnen besuchen Wilhelmsburg

Der Jugend beraubt, zur Arbeit für die deutsche Rüstungsindustrie auf der Wilhelmsburg gezwungen. Doch neben der lebendigen Schreckensgeschichte steht die Freundschaft der nächsten Generation.

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Auf ihrer "zweiten Reise" in die Wilhelmsburg: polnische Zwangsarbeiterinnen, die als junge Mädchen während des Zweiten Weltkriegs die NS-Rüstungsmaschinerie am Laufen halten mussten. Sie wurden von Ilona Walosczyk (links) und Dr. Nicola Wenge (dritte von links) vom Dokumentationszentrum Oberer Kuhberg begrüßt und durch die Wilhelmsburg geführt, Dr. Silvester Lechner (zweiter von links) hatte das Projekt vor fast 20 Jahren mit angestoßen. Foto: Oliver Schulz

"Ich weine heute aus zwei Gründen", sagt Waclawa Galazka gerührt, "erstens wegen der Erinnerungen, die tragisch für mich sind, und zweitens wegen der deutsch-polnischen Freundschaft, die hier vor 17 Jahren entstanden ist." Sie ist eine der rund 2000 Polinnen, die als Mädchen auf die Wilhelmsburg nach Ulm verschleppt worden waren und für die Rüstungsindustrie in Nazi-Deutschland arbeiten mussten. Waclawa Galazka holt die schreckliche Geschichte immer wieder ein. Ihre Erinnerung lebt. Dennoch freute sie sich über die Einladung des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg, die Wilhelmsburg zu besuchen - ohne Hassgefühle gegenüber den Deutschen, sondern vielmehr als Repräsentantin der Versöhnung.

Mit ihr kamen auch Gabriela Turant, die ebenfalls Zwangsarbeiterin auf der Burg war, sowie Halina Luczak, deren verstorbene Schwester im Herbst 1944 hierher verschleppt wurde. Die drei rüstigen Damen kamen auf Initiative des ehemaligen Leiters des Dokumentationszentrums, Dr. Silvester Lechner, der jetzigen Leiterin Dr. Nicola Wenge und vielen anderen Organisatoren, die sich seit Jahren für den Austausch über eines der dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte einsetzen. Bereits in den Jahren 1996 und 1997 organisierten sie ein Treffen mit 160 ehemaligen Zwangsarbeiterinnen in Ulm (siehe Info-Box).

Gestern machten sich drei von ihnen auf ihre "zweite Reise" zur Wilhelmsburg - und in ihre Vergangenheit. Sie waren damals zwischen 14 und 17 Jahre alt, aus ihren Familien und ihrer Heimat gerissen, schufteten für das Telefunken-Röhrenwerk, das von Lodz nach Ulm verlegt worden war. "Wir arbeiteten hier ohne Unterbrechungen an kleinen Tischen mit elektrischem Licht", erzählt Gabriela Turant, die damals 17 Jahre alt war. "Die brauchten unsere Kinderhände dafür. Erst später erfuhren wir, dass wir diese präzisen Elemente für die Bomben Typ V1 und V2 hergestellt hatten." Die Wunden, die dieser Ort bei den damals jungen Mädchen hinterlassen hat, sind für alle noch heute spürbar. Doch sie möchten ihre Geschichte erzählen, Erfahrungen an die nächsten Generationen weitergeben, denn Waclawa Galazka weiß: "Es ist nicht das Wesen an sich, das böse ist, sondern die Erziehung der Menschen."

Natürlich, gibt sie zu, habe sie die Angst- und Hassgefühle gegenüber ihren Peinigern überwinden müssen. Heute freut sie sich aber, ihre erlebte Geschichte vor allem mit jungen Menschen zu teilen - damit sich diese Geschichte nicht irgendwann wiederholt. Genau dies, nämlich die Erinnerung an die schrecklichen Vorkommnisse zu bewahren, sei die Aufgabe der nachfolgenden Generationen, hob Kulturbürgermeisterin Iris Mann hervor.

Die Einladung des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg stand im Zusammenhang mit der Ludwigsburger Gedenkstätte für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges, die am Neuen Friedhof eingeweiht wurde. Als die Alliierten im Mai 1945 angerückt waren, brachten sie die befreiten polnischen Zwangsarbeiterinnen aus Ulm in eine Ludwigsburger Kaserne. Von dort aus sollten die Menschen dann zurück in ihre Heimat gebracht werden. Doch die gab es so nicht mehr: Polen war weitgehend zerstört, Schulen und Universitäten waren geschlossen, die polnische Intelligenz ermordet worden.

Dass nach all der Zeit, dem unvorstellbaren Leid und den schrecklichen Erfahrungen nicht nur der Wille auf eine Freundschaft, sondern eine herzliche Dankbarkeit darüber entstanden ist, zeigt die Bedeutung des Projekt, das viele engagierte Bürger jahrelang verfolgt haben. Wie Silvester Lechner sprechen sie noch immer bewusst von "der Hoffnung auf Versöhnung".

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