Drogerie Müller steigt bei Abt ein

Der Drogeriemarkt-Konzern übernimmt vollkommen überraschend das traditionsreiche Ulmer Haushaltswarengeschäft am Münsterplatz. Die Reaktionen sind positiv.

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Hermann Hutter hat Abt an Müller verkauft.  Foto: 

Mit dieser spektakulären Übernahme hatten im Sommerloch vermutlich die wenigsten gerechnet: Drogerie Müller hat bereits am Montag das weithin bekannte Haushaltswarengeschäft Abt am Münsterplatz übernommen. Müller will den Standort und die Marke Abt mit ihrem Sortiment wie Porzellan und Glas unverändert fortführen, sagte der bisherige Firmenchef Hermann Hutter, hinter dem weitere stille Gesellschafter stehen.  Die Notarverträge wurden am Freitag unterzeichnet. Müller übernimmt auf diese Weise nicht nur das Kaufhaus am Münsterplatz mit rund 5000 Quadratmetern Verkaufsfläche, sondern rund 100 Mitarbeiter.

Dieser soziale Aspekt mit der Weiterbeschäftigung aller Mitarbeiter von Abt habe beim Verkauf an Investor Erwin Müller eine wesentliche Rolle gespielt, sagte Hutter. Aus seiner Sicht kann Müller mit neuen Sortimenten wie Parfümerie bei Abt neue Impulse setzen. Ansonsten sei das Haus, das als eines der führenden Geschäfte für Haushaltswaren im Süden gilt, für das bisherige Sortiment flächenmäßig etwas zu groß. Müller übernimmt auch den Abt-Shop im Internet, den Hutter pionierhaft aufgebaut hat.

In einem Statement zur Übernahme heißt es, der Handelsmarkt werde sich „weiter stark verändern“. Daher hätten sich die Abt-Gesellschafter vermehrt Gedanken über die Zukunftsziele gemacht. Dabei hätten sich „viele Gemeinsamkeiten und Ideen“ mit Müller ergeben. Dies werde „Abt bestens für die Zukunft positionieren und gleichzeitig auch für Müller große Chancen bieten“.

Müller führt Haushaltswaren bereits in seiner Filiale in der Hirschstraße, wo Müller auch das Ladengeschäft von Laumayer (nun K+L) übernommen hatte.

Schreibwaren separat

Auf die überraschende Nachricht angesprochen, sagte Konzernchef Erwin Müller (84) am Montag, das werde keineswegs die letzte Überraschung sein, für die er sorgt. Er wolle ansonsten keine weitere Auskunft geben, sagte der öffentlichkeitsscheue Milliardär – zumal nicht alles stimme, was über ihn geschrieben werde. So habe er in einer finanziellen Krise wegen Spekulationsgeschäften auch nicht auf Druck von Banken einen Beirat eingezogen, sondern um die Zukunft seiner Firmengruppe mit über 800 Filialen und 34.000 Mitarbeitern sicherzustellen.

Dieser Beirat sei nun in einen Stiftungsrat umgewandelt und mit hochkarätigen Wirtschaftsexperten besetzt. Erwin Müller, der Ulms größtes Unternehmen aus kleinen Anfängen heraus aufgebaut hat, feiert nächsten Monat dann seinen 85. Geburtstag.

Er übernimmt Abt insofern nicht komplett, als Hermann Hutter den Schreibwaren-Laden zur Platzgasse hin als Shop-in-Shop behält. Hutter übernimmt außerdem das Abt-Geschäft in Günzburg und führt die dort betreuten Online-Shops Nostalgie im Kinderzimmer und Bertine weiter. Er gilt als lokaler Experte für den Internet-Handel und ist zudem Präsident des Handelsverbands.

Hutter hatte zunächst einen Bürohandel aufgebaut und 2000 an die französische Kette Guilbert verkauft. Er war nach der Abt-Insolvenz 2004 eingesteigen und hat seither den Umsatz mehr als verdoppelt. Abt-Altinhaber Erich Schwaderer kann weiter seine Wohnung bei Abt behalten.

IHK-Präsident Peter Kulitz sagte, es sei erfreulich, dass ein einheimischer Unternehmer bei Abt für Kontinuität sorgt und Arbeitsplätze sichert. OB Gunter Czisch wertete Müllers Einstieg als „Bekenntnis zum Standort“.

Leuchtturm im Ulmer Handel

Abt am Münsterplatz ist mit Sicherheit einer der, wie man heute gern sagt, Leuchttürme des familiengeführten Handels in Ulm und strahlt weit in das Umland hinein. In diese Kategorie größerer, standort-entscheidender Geschäfte mit persönlich verantwortlichen Inhabern gehören vielleicht noch Reischmann und Sport Sohn. Daher ist es für Ulm ausgesprochen wichtig, dass der Laden für Haushaltswaren, der sich inzwischen als Lifestyle-Spezialist versteht, nicht nur bleibt, sondern seinen bisherigen Charakter behält.

Insofern ist der Verkauf – wenn er denn schon sein muss – an den Ulmer Handelsunternehmer Erwin Müller eigentlich ein Glücksfall. Denn er kann über die Zahlen hinaus einschätzen, was Abt auch atmosphärisch für Ulm bedeutet. Und zwar in Zeiten eines gewaltigen Wandels im klassischen Einzelhandel, der inzwischen auch im Internet bestehen muss und attraktive Online-Shops mit einer funktionierenden Logistik im Hintergrund braucht – und dafür natürlich die notwendigen Finanzmittel für Investitionen.

Hermann Hutter war nach der Abt-Insolvenz der richtige Mann, um dem traditionsreichen Haus neuen Schwung und ein sympathisches Gesicht zu geben. Nun kann Erwin Müller, der seine Firmengruppe erfolgreich aus einer durch Spekulationen ausgelösten Finanzkrise herausgeführt hat, bei Abt nochmal zeigen, was er drauf hat.

Ein Kommentar von Frank König.

Geschichte Die Firma Abt wurde 1879 vom Eisenwarenhändler Carl Abt gegründet. Das Handelsunternehmen erreichte mit Sparten wie Haushalt, Garten und Werkzeuge eine beachtliche Größe, übernahm sich aber mit dem Erwerb einer alten Magirus-Immobilie, aus der zwischenzeitlich das „Stadtregal“ geworden ist. Nach der Insolvenz 2003 stieg Hutter ein.

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