Droge für Kopf und Bauch

Heute vor 200 Jahren wurde Richard Wagner geboren. Bis heute polarisiert der Komponist. Wir haben mit Ulmerinnen und Ulmern gesprochen, die sich intensiv mit ihm auseinandergesetzt haben.

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  • Das Schlussbild der Ulmer "Rheingold"-Inszenierung von 2011 mit Kwang-Keun Lee als Wotan. Für Wagner braucht man als Sänger viele Farben, sagt der koreanische Bariton. Foto: Jochen Klenk 1/4
    Das Schlussbild der Ulmer "Rheingold"-Inszenierung von 2011 mit Kwang-Keun Lee als Wotan. Für Wagner braucht man als Sänger viele Farben, sagt der koreanische Bariton. Foto: Jochen Klenk
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Matthias Kaiser, Operndirektor am Theater Ulm, der hier "Tannhäuser" (2008/09) und "Das Rheingold" (2010/11) inszeniert hat:

"Ich habe ein sehr persönliches Verhältnis zu Wagner, denn seine Musik ist schuld, dass ich überhaupt Opernregisseur geworden bin. Während ich noch Cello studierte, im Jahr 1978, habe ich ein Stipendium vom Richard-Wagner-Verband bekommen und durfte als Hospitant an den Festspielen in Bayreuth teilnehmen. Dort bin ich ,umgedreht worden und seither ein kritischer Wagnerianer. Bei ihm geht es um die existenziellen Grundfragen, um Archetypen der menschlichen Existenz. Dass er kulturpolitisch so umstritten ist, schadet gar nicht - im Gegenteil, seine Widerborstigkeit belebt das Werk.

Wagner als Komponist denkt Musik, Wort und Drama so eng beieinander, wie ich das sonst nur noch von Monteverdi kenne. Seine Musik packt mich am Bauch, aber sie beschäftigt mich auch im Kopf, und diese Verbindung macht es gerade aus. Mein liebstes Werk von Wagner ist der ,Ring, speziell die ,Walküre. Wir am Ulmer Theater werden den ,Ring an einem Abend in der Fassung von Loriot bringen: 16 Stunden Musik auf drei gekürzt (Premiere: 13. Juni). Das wird eine kurzweilige Veranstaltung, denn Benjamin Künzel geht mit subtilem Humor an die Sache heran. Die Texte sind ja auch typisch Loriot: von großer Noblesse, aber auch großer Schalkhaftigkeit."

Kwang-Keun Lee, Bariton und Wotan/Wanderer im Loriot-"Ring" des Theaters Ulm:

"Ich würde am liebsten den ganzen ,Ring singen. Bevor ich Wagner gemacht habe, dachte ich, das sei laute, gewaltige Musik. Jetzt finde ich sie sensibel und weich. Ich als evangelischer Christ spüre da eine große Religiösität. Auch Wotan hat eine unglaubliche Macht, aber ich möchte versuchen, sie als kontrollierte, konzentrierte Kraft darzustellen. Einerseits ist dieser Wotan sehr lyrisch, andererseits sehr kalt: Für Wagner braucht man viele Farben. Wir Musiker müssen wie Maler sein, auch die Dunkelheit hat ja viele Schattierungen. Verdi zum Beispiel ist lebendiger, und leichter zu verstehen, für Wagner muss man sich konzentrieren. Es ist schwierig herauszufinden, was er meint. Aber in Italien scheint ja auch jeden Tag die Sonne, hier in Deutschland muss man mehr überlegen."

Viola Lachenmann, Rechtsanwältin und Vorsitzende des 2009 gegründeten Richard-Wagner-Verbands Ulm/Neu-Ulm: "Wagner ist für mich wie eine Droge. Ich höre ihn fast jeden Tag, meistens den ,Ring. Meine Initialzündung habe ich in der Schulzeit erlebt, bei einem Besuch des ,Fliegenden Holländers. Seither war ich in unzähligen Aufführungen, und seit einigen Jahren bin ich jährlich zwei Wochen in Bayreuth. Das ist mein Urlaub - und für mich der Himmel auf Erden. Im Festspielhaus zu sitzen, ist das Größte, wobei ich gerade die modernen Inszenierungen wie den ,Lohengrin von Neuenfels ungeheuer mag.

Wagner behandelt Themen, die jeden bewegen, wie Liebe, Macht, Verlust. Ich mag diese Spannung, diese Dramatik; Opern, die nur lustig sind, finde ich nichtssagend. Sein Werk ist nicht denkbar ohne das schwierige, entbehrungsreiche Leben der Person Richard Wagner. Dazu gibt es ja viele Klischees - allen voran das vom "Nazi" Wagner -, doch Leute, die so etwas sagen, haben sich meist nicht mit ihm beschäftigt. Antisemiten gab es im 19. Jahrhundert viele, das sollte man nicht aus jetziger Sicht beurteilen. Ich denke, er war vor allem neidisch auf seine Konkurrenten wie Mendelssohn. Politisch war Wagner eben nicht konservativ, sondern ein linker Revolutionär!

Merav Barnea, israelische Opernsängerin, die am Theater Ulm 2008/09 als Elisabeth in "Tannhäuser" zu erleben war:

"Momentan gebe ich Gala-Konzerte mit Stücken von Verdi und Wagner. Ich liebe Verdi, er gibt mir Kraft und Lebendigkeit, aber stimmlich liegt mir Wagner noch mehr. Diese Musik ist großartig, seine Sagenwelt fasziniert mich. Diese eine Person hat eine ganze Welt mit Worten, Farben, Gerüchen erschaffen, Wagner spricht alle Sinne an. Wenn Sie mich als Israelin fragen, wie ich zu Richard Wagner stehe, dann will ich zunächst einmal sagen: Ich bin Vieles, ich bin ein menschliches Wesen, Mutter, Sängerin, Israelin, Jüdin. Für diese Musik bin ich Künstlerin und betrachte sie als Geschenk. Wagner war Antisemit, aber er hat nicht in den 40er- Jahren gelebt. Andere Künstler, die in der Nazi-Zeit direkt beteiligt waren, werden trotzdem gezeigt und aufgeführt.

Als man mich allerdings gefragt hat, ob ich an einem Wagner-Konzert in Israel teilnehmen will, habe ich Nein gesagt. Außerhalb Israels singe ich gerne Wagner - aber in Israel gibt es viele Menschen, die das verletzt, und das verstehe ich. Daniel Barenboim provoziert, indem er solche Momente anstößt, ich finde, das ist unnötig. Solange dieses Thema so empfindlich ist, will ich nicht diejenige sein, die den Leuten wehtut. Das ist nicht logisch, das ist rein emotional.

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