Drei Jahre Haft für Tankstellen-Räuber

Der Tankstellenräuber, der im Januar 2012 mit einem Messer in die Jet-Tankstelle ging und den jungen Angestellten bedrohte, muss drei Jahre hinter Gitter. Für die Zeit danach wird ihm zur Psychiatrie geraten.

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Dem Opfer geht es prima, dem 40-Jährigen Tankstellenräuber dreckig: Ein Italiener, der am 7. Januar 2012 mit einem Küchenmesser bewaffnet die Ehinger Jet-Tankstelle überfallen hatte, ist gestern von der 1. Großen Strafkammer am Landgericht Ulm wegen schwerer räuberischer Erpressung zu drei Jahren Haft verurteilt worden.

Er sei an jenem Samstag extrem verzweifelt gewesen, weil ihm niemand half und er weder Essen noch Zigaretten hatte, erzählte der Gelegenheitsjobber, der seit dem Grundschulalter in Ehingen wohnt. Er lebte damals von Hartz IV, wovon er auch seine Miete in einem Ehinger Teilort zahlen musste, wo er allein wohnte. Er fühlte sich schrecklich, und an seine übliche Runde von Spielothek zu Spielothek war nicht zu denken. "Ich wusste, es musste was passieren", sagte der hochverschuldete dreifache Vater. Auch der Gedanke an Diebstahl oder Raub war einmal mehr da, räumte er ein.

Mit dem Rad fuhr der Mann, der schon seit Jahrzehnten spielsüchtig ist und im Lauf der Zeit etwa 200 000 Euro verzockt haben soll - Zitat: "Die Frauen konnten mich haben, aber immer für Geld" -, nach Ehingen und kam an der Jet-Tankstelle vorbei. Dort habe er spontan entschieden, diese auszurauben, zumal ein schmächtiger Mann an der Kasse stand. Der 39-Jährige stellte sein Gefährt wie immer am Bahnhof ab, ging zu einem Freund, der ihm ein Bier und einen Grappa spendierte und ihm ein kleines Küchenmesser lieh; angeblich, um etwas am Fahrrad zu reparieren.

Etwa 30 Minuten lang beobachtet der kleine Mann die Tankstelle. Als keine Kunden da sind, geht er rein: Eine Hand steckt in einem Handschuh, den er gegenüber beim Autohaus gefunden hat, in der anderen hält er das Messer mit einem Papiertaschentuch, wegen der Fingerabdrücke. Den Schal wickelt er sich um das halbe Gesicht, eine Mütze hat er sowieso auf. "Überfall, Überfall. Geld her, alle Scheine", ruft er. Der junge Öpfinger hinter der Kasse muss zuerst eine Kaugummipackung über die Kasse ziehen, als diese nicht aufgeht. Beide sind sehr nervös. Dann gehen 695 Euro über die Theke, der Italiener flüchtet, wirft die Mütze in die Schmiech, den Schal in eine Hecke, das Messer in einen Container. Später geht es nach Laupheim in eine Spielothek. Das Geld rasselt durch mehrere Automaten und löst sich in Nichts auf.

Dem jungen Öpfinger, der an der Kasse stand, ging es nach wenigen Tagen wieder gut, sagte der inzwischen 20-Jährige. Er arbeitete gleich am nächsten Tag weiter in der Tankstelle, absolviert derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr in Ehingen.

Warum der Täter die Beute nicht für seine Miete verwendet hat, wollte Richter Thomas Keckeisen wissen. "Ich als Spieler setze immer alles bis zum letzten Cent ein in der Hoffnung, ich mache das große Geld", sagte der Angeklagte. Er habe das Messer nie verwenden wollen, habe extra ein kleines gewählt. In der Untersuchungshaft habe er viel nachdenken können über sein Leben. Der 40-Jährige entschuldigte sich beim Opfer, erzählte von allem, was in seinem Leben schiefgegangen war. Todesfälle in der Familie oder beendete Beziehungen verschlimmerten jeweils zunächst die Haschisch-, später die Spielsucht. Eine Therapie gegen die Spielsucht endete im Rückfall.

Einen minderschweren Fall sahen sowohl Staatsanwalt Matthias Peltsarszky, der dreieinhalb Jahre Haft forderte, als auch das Gericht und der Ehinger Verteidiger Lutz Leonhardt, der für eine Bewährungsstrafe plädierte. Gründe: Als die Polizei im Mai an der Tür des Italieners klingelte - sie hatte einen Hinweis erhalten -, gestand er sofort. Er ist reuig, nicht einschlägig vorbestraft, die Beutesumme war nicht allzu hoch und dem Opfer geht es gut. Negativ anzumerken: Ein Gutachter bescheinigte, dass der Räuber keine Persönlichkeitsstörung hat und sich frei für den Raub entschied. Auch nahm der Täter erhebliche Folgen in Kauf, denn das Opfer hätte schwer traumatisiert werden können. Mit dem Urteil von drei Jahren Haft zeigte sich der Ehinger zufrieden. Ihm wurde für die Zeit nach der Haft zu einer stationären Suchttherapie geraten. "Ich brauche eine Therapie", sagte der Verurteilte. "Wenn das nicht hilft, kann ich mir einen Strick nehmen." Das Wichtigste sei ihm, dass ihn seine Familie irgendwann wieder akzeptiert.

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