Drei Anträge von Ulmer Grundschulen auf Ganztagesbetrieb abgelehnt

Schulkinder sollen besser betreut werden. Das beschloss der Ulmer Gemeinderat. Bei der Sitzung stellte sich heraus, dass drei Grundschulen keine Genehmigung erhalten, den Ganztagsbetrieb aufzunehmen. Mit einem Kommentar von Beate Rose

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Einen der interessantesten Punkte, die Eltern, Schüler und Lehrer betreffen, nannte Gerhard Semler, Leiter der Abteilung Bildung und Sport der Stadt Ulm, in der jüngsten Sitzung des Gemeinderats fast nebenbei. Er betrifft die fünf Ulmer Grundschulen, die zum kommenden Schuljahr Ganztagsschulen werden wollen. „Dem Vernehmen nach werden drei Anträge nicht genehmigt“, sagte Semler.

Eine Nachfrage bei ihm ergab, dass er zwar noch keinen schriftlichen Bescheid des Kultusministeriums vorliegen hat, aber eine mündliche Ankündigung, dass die Anträge zur Ganztagsschule für die Eduard-Mörike-Grundschule, die Grundschule Ulm-Einsingen und die Pestalozzi-Förderschule abgelehnt werden. Hingegen haben die Albrecht-Berblinger- und die Friedrichsau-Grundschule ihre Bescheide bereits erhalten, dass sie zum kommenden Schuljahr als Ganztagsschule starten können.

Laut Semler sei ein Grund für die Ablehnung, dass der Wochenplan der Schulen zu wenig auf einen rhythmisierten Unterricht ausgerichtet sei. Rhythmisiert heißt, dass der Unterricht über die 45-Minuten-Lerneinheiten hinaus gehe, außerschulische Angebote wie etwa Unterricht der Musikschulen auch vormittags, dagegen Schulunterricht ebenfalls nachmittags gegeben werde.

Am Freitag wird sich Semler mit Vertretern des staatlichen Schulamtes und mit den Schulleitern jener drei Schulen treffen, deren Antrag abgelehnt wurde. Schadensbegrenzung will er betreiben, wie er sagt. Aus seiner Sicht werden diese Schulen ausgebremst. Eltern hätten sich darauf eingestellt, dass ihre Kinder künftig auch nachmittags in der Schule sind. „Nun müssen wir gucken, ob wir den Schulen mit einer kommunalen Nachmittagsbetreuung helfen können“, sagt Semler.

In der Sitzung des Gemeinderats am Mittwoch stellte Semler Qualitätsstandarts zur Betreuung von Grundschulkindern vor. Das Konzept haben Mitarbeiter seiner Abteilung mit Vertretern des Gesamtelternbeirats der Schulen und Kitas ausgearbeitet. Die Kosten dafür belaufen sich in diesem Jahr auf 600.000 Euro, auf über 1,3 Millionen Euro im Jahr 2016 und über 1,4 Millionen Euro im Jahr 2017. Für Semler ist das Konzept ein „Durchbruch. Wir können Fachpersonal einstellen, wir haben mehr Geld. Wir können die Qualität verbessern.“ Laut ihm kranke die Ganztagsgrundschule daran, dass den Schulen zu wenige Lehrerwochenstunden zugeteilt werden. „Die Kommunen müssen die fehlenden Stunden auffangen.“

Der Gemeinderat stimmte dem Konzept zu, nicht ohne zuvor ausgiebig zu diskutieren. Stadträtin Barbara Münch (CDU) lobte das Konzept. Bei den Ganztagsschulen, von denen es im Sozialraum Stadtmitte/Ost zum nächsten Schuljahr drei geben werde, fragte sie, ob Eltern wirklich eine Wahl haben, sich für eine Schulart zu entscheiden.

Stadtrat Haydar Süslü (SPD) meinte, die Zahlen sprechen für sich. Semler hatte ausgeführt, dass 70 Prozent der Ulmer Grundschüler nachmittags betreut werden. Süslü: „Die Vorgängerregierung hatte dafür keine Lösung.“ Stadträtin Dagmar Engels (SPD) sieht die Ganztagsschule als einen Schritt hin zur gerechteren Gesellschaft, „Mütter können arbeiten gehen“. Grünen-Stadtrat Richard Böker begrüßte es, dass für die Betreuung Fachkräfte eingestellt werden. „Das halten wir für wichtiger als Parkplätze.“

Am Vortag hatte der Bauausschuss eine Summe von 52 Millionen Euro für Schulbauten beraten. Der Gemeinderat stimmte zu.

 

Ein Kommentar von Beate Rose:
Experimentierfeld Schule

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln – wenn’s doch nur Kartoffeln wären, mit denen da ausprobiert wird. Die rot-grüne Landesregierung experimentiert in Sachen Schule. Bis 2023 sollen 70 Prozent aller Grundschulen Ganztagsschule werden – soweit der Wille der Landesregierung. So weit, so nah bei den Eltern, die oft auf den Ganztagsbetrieb angewiesen sind. Zwei Ulmer Grundschulen hatten sich auf den Weg gemacht, fünf weitere wollten folgen. Daraus wird nichts, das Kultusministerium wird drei Anträge ablehnen.

Über die Gründe kann momentan nur spekuliert werden. Überrascht sind alle von der Entscheidung, zumal beim Kultusministerium dem Vernehmen nach weniger Anträge für die Ganztagsgrundschule eingegangen sind als ursprünglich gedacht. Die Vermutung liegt nahe, dass der Landesregierung der Atem ausgeht, die Ganztagsbetriebe zu fördern. Die Enttäuschung bei den betroffenen hiesigen Schulen ist groß: Die gesamte Vorarbeit ist für die Katz’ – Lehrer, Eltern, Betreuungskräfte vom neuen Konzept überzeugen, den Schulalltag neu konzipieren, und, und, und.

In Ulm will die Stadtverwaltung einspringen, damit nun jene Eltern nicht im Regen stehen gelassen werden, die ihr Kind an einer künftigen Ganztagsschule anmelden wollten, und die das – Überraschung –, nun aber gar nicht wird. Das Land büßt damit an Glaubwürdigkeit ein, Ganztagsgrundschulen ordentlich ausstatten zu können.

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Kommentare

27.03.2015 09:04 Uhr

Musikschulunterricht vormittags?? - So ein Unsinn!!!

'Rhythmisiert heißt, dass der Unterricht über die 45-Minuten-Lerneinheiten hinaus gehe, außerschulische Angebote wie etwa Unterricht der Musikschulen auch vormittags, dagegen Schulunterricht ebenfalls nachmittags gegeben werde.'

Musikschulunterricht vormittags?? So ein Unsinn!
Damit die mal ihren Namen tanzen können??

Grüner Quatsch! Oder heißt das bei denen Quark, möglichst bio-dynamisch??

Auch gut - daraus kann man zumindest wieder Kompost machen, dann ist das weg. Wäre bei so einer Verordnung sinnvoll.

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