Dissonanzen in der Seele

Die Ulmerin Silke Knäpper hat ein literarisch bemerkenswertes Roman-Debüt im Verlag Klöpfer & Meyer vorgelegt: "Im November blüht kein Raps". Sie erzählt am Schauplatz Ulm vom Schicksal eines Berufsmusikers.

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Lehrerin und Autorin aus Ulm: Silke Knäpper. Foto: Nik Schölzel

Immer wieder geht Paul diese Kindheitserinnerung durch den Kopf: wie ihn der Vater, der berühmte Pianist, verprügelte, weil Paul nicht den richtigen Ton trifft. "Ein As, du Depp, das Vorzeichen gilt für den ganzen Takt." Paul hat trotzdem seinen Weg gemacht, als Kontrabassist. Nur die Stelle bei den Münchner Philharmonikern hat er nicht bekommen, gescheitert war er beim entscheidenden Vorspiel an seinem Lampenfieber - und überhaupt an seinen Traumata. Jetzt spielt er - am Theater in Ulm.

Silke Knäpper, 1967 in Ulm geboren, Lehrerin an der Steinbeis-Schule und als Literatin ausgezeichnet mit dem Irseer Pegasus, erzählt diese Geschichte in ihrem Roman-Debüt "Im November blüht kein Raps". Es ist das Psychogramm eines Berufsmusikers, der nach sich selbst fahndet, seine Vergangenheit durchleuchtet. Auslöser ist eine Dreiecksgeschichte: Paul verliebt sich in die jüngere Hanne, eine Buchhändlerin, seine Ehe mit Bärbel scheitert. Er führt ein Doppelleben, verstrickt sich in Lügen, muss sich entscheiden.

Der Titel? Paul zeigt Hanne im Herbst die Stadt Breslau und das Land, aus dem seine Familie vertrieben wurde. Nicht das reine Glück: "Keine Rapsfelder, die blühten, keine von Linden gesäumten Alleen." Vieles in diesem fein lyrisch verdichteten, aus der Personalperspektive Pauls geschriebenen Roman hat metaphorische Verweise. "Heimat sei nicht, wo man lebe, hatte er einmal gelesen, sondern wie . . ." Den Satz merkt sich Paul: "In Situationen von äußerstem Druck war er am meisten bei sich. Nie spürte er sich mehr, als wenn das Lampenfieber ihn auffraß, nie litt er mehr. Und wenn der Vorhang dann fiel, vor der jubelnden Menge, ein Moment größten Glücks." Nur dass er das Glück nicht mitnehmen darf. "Sobald er den Bass verräumt hatte und zum Auto ging, verflüchtigte es sich, nichts von alledem blieb zurück." Silke Knäpper zieht den Leser schnell hinein in diesen Roman, der in Moll komponiert ist, der die Dissonanzen in der Seele seines Protagonisten offenlegt ("Ohne Lüge, sagte er, kann ich nicht gehen") und auch mit dem Thrill einer Liebesgeschichte arbeitet.

Und der Roman spielt in Ulm, im Café Omar oder im Bella Napoli, vor allem auch im Ulmer Theater: "Die Atmosphäre im Haus war seit dem Intendantenwechsel vergiftet, die Unsicherheit, die plötzlich um sich griff, war spürbar, bei den Bürodamen angefangen bis zum Pförtner." Wer so schreibt, hat sich in diesem Roman nicht alles ausgedacht, ist gut informiert.

Und wer biografisches Material lieferte, ist offensichtlich. Schließlich gehört zu Silke Knäppers Wort-Kunst-Ensemble "Flugfische" auch Michael Weigler, einer von drei Kontrabassisten der Ulmer Philharmoniker und selbst einer Musikerfamilie entstammend. Selbstverständlich aber erzähle sie keine Geschichte "eins zu eins" aus dem Leben, betont Silke Knäpper auf Anfrage, ihren Roman habe sie in der Fiktion angelegt. Dass die Handlung in Ulm spiele, habe nicht zuletzt damit zu tun, dass sie dieses Berufsmusiker-Schicksal an einem Theater dieser Größenordnung erzählen wollte, die Befindlichkeit Pauls ist auch dadurch bestimmt, dass ihm die große Karriere in einem Top-Orchester verwehrt blieb.

So mag dieser Roman unterschiedlich gelesen werden, auch mit dem Ulm-Blick. "Es gibt Wahrheiten, sagte Hanne, die sind so zwingend, dass man nicht anders kann, als sie verstehen", heißt es in dem Buch. Aber auf den Lokalbezug ist diese Prosa keinesfalls zu reduzieren, der Roman hat erstaunliche literarische Qualität, findet gewiss überregionale Beachtung.

Hanne arbeitet übrigens in der Buchhandlung "Wiltschek und Bauer" im Hafenbad - nein, die ist nun wirklich nicht zu finden. Aber den Buchhändlern Samy Wiltschek (Jastram) und Ernst Joachim Bauer (Aegis) habe sie viel zu verdanken, kommentiert Silke Knäpper diese Verortung. So wird die Ulmer Buchpräsentation von "Im November blüht kein Raps" am 28. September als Kooperation von Jastram, Aegis und dem Verlag Klöpfer & Meyer stattfinden, und zwar im Manufaktur-Café Animo in der Syrlinstraße.

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