Die vielen Seelen einer Stadt

Seelenstriptease am Nationaltheater Mannheim - bei der Uraufführung eines "Reality"-Stücks sprachen 15 Laiendarsteller über ihre Biografien.

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Das Rezept ist ungewöhnlich, aber nicht neu: Man nimmt 15 unbekannte Menschen und lässt sie im Theater ihre Lebensgeschichten erzählen. Die Biografien werden dann collageartig miteinander vermischt. Dazu kommen noch Gesangseinlagen der Protagonisten, einzeln und im Chor, die mit den Sprechtexten auf 90 Minuten gestreckt werden.

Mit einer solchen Mischung aus Seelenstriptease und Sing-Casting startete am Freitagabend die "Bürgerbühne" am Mannheimer Nationaltheater. In der Uraufführung des Stücks "SoulCity" stellten 15 Bürger der Stadt ihre durchaus interessanten Biografien von der lesbischen Lehrerin über einen arbeitslosen Konzertmanager bis zur 30-jährigen Schaustellerin vor. Dafür gab es vom Premierenpublikum großen Beifall.

Die etwas plumpe Inszenierung von Lajos Talamonti in einem minimalistischen Stuhlbühnenbild (Anke Niehammer) hatte unterhaltsam-belanglosen Charakter und erinnerte an eine Therapiesitzung beim Psychologen. Dabei schaffte es der Regisseur durch die teilweise sehr skurrilen Bürger-Schauspieler zu zeigen, welche kulturelle Vielfalt in der mit 315 000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Baden-Württembergs herrscht.

Diese ist seit der Industrialisierung ein sozialer "Schmelztiegel" und umfasst im Gegensatz zur 20 Kilometer entfernten Universitätsstadt Heidelberg alle möglichen Schichten und Milieus. Die Zuschauer kamen sich dabei wie in einer Straßenbahn vor - nur mit dem Unterschied, dass die stummen Fahrgäste plötzlich ungefragt über sich berichteten.

In den folgenden Episoden aus dem normalen Leben erzählte eine Germanistikstudentin mit türkischen Wurzeln rational-kühl, wie sie von ihrer sunnitischen Familie komplett verstoßen wurde. Sie hatte nach dem Abitur einen aus Mannheim stammenden schiitischen Aleviten geheiratet.

Absolute Stille herrschte, als eine Pädagogin in Andeutungen berichtete, wie sie als Kind missbraucht wurde. Die persönlichen Outings wurden in der Folge dann von einer "gewöhnlichen Angestellten" gestört, die über die Eintönigkeit und Langeweile in ihrem Leben ganz nach dem Motto "Das geht in Ordnung, das geht vielen so" philosophierte.

Emotional bewegend war abschließend die Offenbarung einer Physiotherapeutin, sie habe als 15-jähriges Mädchen erfahren, dass sie 1945 in den letzten Kriegstagen als Säugling ihre Familie in Dresden verloren habe. Von einer flüchtenden Familie wurde sie nach Mannheim mit falschen Papieren mitgenommen. Jahrelang suchte ihr richtiger Vater nach der Tochter. Der Schock war groß, als dieser Ende der 1950er-Jahre plötzlich vor der Haustür stand.

Das Nationaltheater Mannheim versucht, mit der spartenübergreifenden "Bürgerbühne", bisher theaterferne Menschen an die Kultureinrichtung zu binden. Dadurch soll durch Projekte und Theaterstücke insbesondere das "soziale Immunsystem" Mannheims sichtbar werden.

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