Die Ulmer backten ihr Baumaterial selber

Ulm ist eine Stadt des Backsteins. Das hat 1488 der Chronist Felix Fabri festgestellt. Aber erst jetzt interessiert sich eine Wissenschaftlerin für dieses Phänomen: Claudia Eckstein erforscht Ulms Ziegeleiwesen.

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Aus Backstein wurde im 13. Jahrhundert der Keller unter der Valentinskapelle erbaut - eines der ältesten erhaltenen Ziegelgewölbe Ulms.  Foto: 

Ulm eine Backsteinstadt? Sein hervorragendstes Bauwerk, das Münster, scheint das Gegenteil zu beweisen - aber nur auf den ersten Blick, der stets dem Turm gilt. Bei genauerem Hinsehen offenbaren sich am Langhaus und am Chor weite Passagen aus Backstein. Und im Hauptturm hat die Bamberger Bauforscherin Claudia Eckstein einen Kern aus Mörtel und Backstein ausgemacht, der mit einer bis zu 50 Zentimeter starken Umwandung aus Naturwerkstein verkleidet ist. Darüber berichtete sie im Ulmer Museum in einer Veranstaltung des Vereins für Kunst und Altertum in Ulm und Oberschwaben.

Dieser Werkstein war unabdingbar für den Skulpturenschmuck, zu dem der vor Ort produzierte Backstein nicht taugte. Zudem erklärt Eckstein die Verwendung von Backstein zum Bau des Münsters damit, dass nach der Verlegung der Pfarrkirche vom Alten Friedhof ins Zentrum schnell wieder ein liturgischer Raum geschaffen werden musste.

Das funktionierte aber nur, weil die Ulmer bei Baubeginn bereits hinreichend Routine in der Herstellung und Verwendung dieses Baustoffes hatten. Eines der ältesten Beispiele dafür ist der Keller unter der Valentinskapelle, der wesentlich älter ist als diese. Er stammt vom Bebenhäusener Klosterhof aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert. Auch der um 1349 errichtete Metzgerturm gehört zu Ulms ältesten erhaltenen Backsteinmonumenten. Jünger als das Münster sind der backsteinerne Treppenturm des Wengenklosters, der Büchsenstadel sowie der 1495 errichtete obere Teil des Gänstors.

Während der Werkstein oft von weit hergeholt werden musste, konnte der Backstein in Ulm hergestellt werden. Lehmgruben gab es allenthalben, wie sich heute noch an Flurnamen ablesen lässt. Dieser Lehm wurde in den Ziegelhütten in Form gebracht und gebrannt. Eckstein hat in Ulm drei davon ausgemacht, die in der Gegend des Galgenbergs angesiedelt waren. Einen wesentlichen Grund für diese Ortswahl sieht sie in den dort ehemals reichen Lehmvorkommen. Außerdem lag der Standort in der Nähe eines Uferbereichs, wo das aus dem Allgäu über die Iller angeflößte Brennholz angelandet werden konnte: der Ziegellände. Schriftquellen belegen, dass es sogar eine eigene Ziegelei für den Münsterbau gegeben hat, die vom Pfarrkirchenbaupflegamt betrieben wurde.

Als jedoch der Bau des Münsters zu Beginn des 16. Jahrhunderts eingestellt wurde, ging "Unser Frauen Stadel" - der Ziegelstadel der Pfarrkirche Unser Lieben Frau (Münster) - an die Stadt über. Und die entwickelte um diese Zeit einen Riesenbedarf an Ziegelsteinen.

Denn die mittelalterliche Stadtbefestigung des 14. Jahrhunderts wurde nun gewaltig verstärkt und mit Bastionen versehen, die aus Backsteinen gebaut wurden. So ist es kein Wunder, dass sich nach den Erkenntnissen der Bauforscherin die Produktion von Ziegelsteinen in dieser Zeit offenbar verdoppelt hat.

Dass sich Ulm seinen Betrachtern nicht unbedingt als Backsteinstadt präsentiert, liegt daran, dass viele Backsteinmauern verputzt worden sind. Auch dafür hat Eckstein eine Erklärung: Dies deute auf eine gewisse Geringschätzung der Bürger für dieses Baumaterial hin.

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