Die schönsten Stellen

Was so manche Gemüter einst bewegte und heute noch immer verstört: Das Theater Ulm spielt futuristische Mini-Dramen mit Raumklängen Gerhard Stäblers sowie die "Europeras 3&4" von John Cage.

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  • Die Zeit läuft: 70 Minuten lang "die schönsten Stellen der Operngeschichte", auch mit der Sopranistin Katarzyna Jagiello. Foto: Hermann Posch 1/2
    Die Zeit läuft: 70 Minuten lang "die schönsten Stellen der Operngeschichte", auch mit der Sopranistin Katarzyna Jagiello. Foto: Hermann Posch
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    Familienfest mit Kassandra: Christel Mayr und der Opernchor des Theaters Ulm. Foto: Hermann Posch
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"Muss ich mir das anhören?" Operndirektor Matthias Kaiser beantwortet die Frage, die er selbst im Programmheft aufwirft, mit "nein". Und sagt: "Aber man sollte es einmal in seinem Leben als Theater-, Musik- und Opernfreund getan haben." Pädagogischer war eine Premiere am Theater Ulm nie. Aber um Gottes Willen, was wird dem Publikum nur zugemutet?

Überhaupt nichts Schlimmes, vielmehr "die schönsten Stellen" des Repertoires, Arien und Ouvertüren von Mozart, Rossini, Verdi, Wagner und anderen. Nur dass John Cage in seinen "Europeras 3&4", 1990 uraufgeführt, kein Wunschkonzert veranstaltet, sondern das klassisch-romantische Repertoire in seine Bestandteile zerlegt, den gedankenlosen Konsum hinterfragend - und solches Ansinnen kann auch mal in Ulm nicht schaden.

Ein Feldversuch also, der Zug um Zug auf einem Schachbrett stattfindet. Das geht in "Europera 3" dann so: Sechs Sänger singen jeweils sechs Arien eigener Wahl, zwei Pianisten reißen Liszt-Paraphrasen an, vier Herren legen Schallplatten auf, das Tonband liefert geballte Operngeschichte als Kurz-Attacke. Per Zufallsgenerator werden die Parameter dann neu zusammengesetzt, trotzdem sind die Akteure für ihren musikalischen Gestus selbst verantwortlich. Alles läuft oft parallel, aber in definierter Zeit ab: 70 Minuten. Der Countdown ist sichtbar.

Das Ergebnis: naturgemäß disparat. Escamillo, Tristan, Papageno, Tamino, die Gräfin, Max, Musetta, Figaro und all die anderen schauen akustisch vorbei, auch der Bajazzo lacht. Verführerisches, kakophonisches Getümmel. Turbulenzen und Stille. Auch als Musik-Quiz funktioniert "Europera 3" - ein heiteres Titel-Raten. Doch heiter, nein, fanden viele Zuschauer dieses Exempel nicht, die Reihen lichteten sich in der Premiere. Die Interaktion, über die sich Cage gefreut hätte, steigerte sich zu lauten Unmutsäußerungen: "Des isch koi Kunscht!"

Matthias Kaiser jedenfalls schüttete nicht Öl ins Feuer, er setzte die "Europeras" puristisch in Szene: in aller festlich-klassischen Konvention, die Herren an Plattenspielern und Flügel (Igor Beketov, Alfredo Miglionico) im Frack, die Sänger in Opernkostümen. Das Ensemble zeigte mehr oder weniger Spaß an der Dekonstruktion: mit Koloraturen auftrumpfend Edith Lorans, präsent auch Katarzyna Jagiello, während Alexander Schröder, Hans-Günther Dotzauer und Tomasz Kaluzny mit zähem Auftritt nicht live gegen so manchen Schallplatten-Helden reüssierten wollten. Kwang-Keun Lee aber nahm den Kampf an, er glänzte mit der Auftrittsarie des Figaro aus Rossinis "Barbier von Sevilla" (einstudiert hat das alles Michael Weiger).

Doch, spannend. Auch die 30 Minuten "Europera 4", die kammermusikalische Variante, sorgten für meditativen Anschauungsunterricht. Jetzt dabei: das Grammophon, an den musealen Charakter der Oper erinnernd. Das besitzt Poesie, und man freut sich nach diesem Opern-Puzzle wieder auf das musikalisch vollsaftige Original. Und vielleicht hört man auch bewusster hin.

Aufreger aber gab es auf Theaterbühnen schon immer, weshalb das eine überzeugende dramaturgische Tat ist, zwischen den Cage die "FuturessenceXXX" von Gerhard Stäbler einzubauen. Pointierte Mini-Dramen der Futuristen aus dem beginnenden 20. Jahrhundert reiht Stäbler aneinander, illustriert sie, kommentiert sie mit einem Raumklang: Avanciertes wie Unterhaltendes, dazu Geräuschevielfalt.

Auch diese Futuristen um Marinetti hatten ja einst sehr innovativ die Szene aufgerüttelt. Was Matthias Kaiser im Bühnenbild von Britta Lammers voller theatralischer Lust zeigt, das ist ein ganzes Panoptikum an Nonsense-Szenen prallen bis absurden Lebens. Und das muss man dann nicht nur anhören, sondern ansehen.

Info Die "Europeras 3&4" im Großen Haus: 24. Juni, 3., 12., 20. Juli. "Kassandra" im Podium: 22., 27. Juni, 3. und 5. Juli.

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