Die Kehrseite des Gutmenschen

Ethik-Festplatte, Freiheits-Genuss und Gutmenschentum: Kabarettist Hagen Rether begeisterte mit seinem Programm "Liebe" im vollen Roxy - Gesellschaftskritik und Sarkasmus inklusive

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Ein genial böser Plauderer: Hagen Rether gastierte im Roxy. Foto: Ufuk Arslan

Mehr als dreieinhalb Stunden fesselte der Kabarettist Hagen Rether mit seinen Erzählungen die Zuschauer im Roxy. Gesellschaftskritik und Sarkasmus blieben dabei nicht außen vor.

"Genießen sie die Freiheit?" fragt Hagen Rether zu Beginn im Roxy. "Im Moment ja!" Möchte man ihm da noch zurufen. Doch dann beginnt seine sukzessive Demontage der deutschen Illusion einer heilen Welt.

Rether geht dabei aber andere Wege als viele seiner Kollegen und zeigt dadurch die bigotte deutsche Doppelmoral: "Politiker sind auch nur Menschen, sie kommen und gehen, aber der Empörungsspiegel der Bürger bleibt". Genau diese Bürger finden zwar "die NSA-Spionage okay, aber den Veggie-Day totalitär". Genau diese Bürger "stopfen sich mit Burgern voll, während der indische Bauer in Pestiziden von Bayer" ertrinkt.

Die "deutsche Ethik-Festplatte ist extern und wird nur zu Weihnachten angeschlossen", folgert Rether. "Genießen sie die Freiheit?", fragt er nochmals. Inzwischen ist man sich da nicht mehr so sicher.

Ruhig, fast melancholisch und dennoch schonungslos karikiert Rether das deutsche Gutmenschentum. Dass er dabei selbst im Glashaus des westlichen Wohlstands sitzt, das "auf Leichenbergen steht", ist dem Essener bewusst. Er wirft seine Steine und trifft dabei genau den Nerv. "Die Wahrheit ist nunmal unangenehm", sagt Rether. Stimmt.

Man führe Kriege ja auch für Frauen, Brunnen und Grundschulen, und als amerikanischer General "bekommt man Orden dafür, dass man Soldaten in den Tod schickt. Was soll das?", fragt sich Rether. Und der Zuschauer? Der ist gefangen zwischen den Pointen des Künstlers und dem lästigen Wahrheitsgehalt seiner Ausführungen.

Während all diesen Ausführungen sitzt der Donauschwabe auf einem Stuhl neben seinem Flügel, den er ausführlich putzt, trinkt Wasser und legt Mikrofasertücher zusammen. Er plaudert mehr, als er redet. Mit tiefer Stimme gibt er dem Zuhörer das Gefühl, sich zurücklehnen zu können, bis dann wieder eine Pointe kommt, die so gnadenlos ins Schwarze trifft, dass sich das Lachen im Saal Bahn bricht. "Das ist nicht lustig, das ist ein Alptraum" sagt Rether grinsend, bevor er weiter erzählt - von der Wahrheit, die schon lange tot sein muss, damit ein Krieg überhaupt entsteht, von staatsgefährdenden Ratingagenturen, von ausgelagerter Sklaverei und Armut.

Rether ist gleichzeitig grausam und genial. Ohne Blatt vor dem Mund rechnet er mit der deutschen Gesellschaft und ihren Verfehlungen ab. Sprachlich versiert greift er nicht nur Politiker, sondern die Gesellschaft insgesamt an und prangert die Missstände außerhalb unseres heilen deutschen Weltbilds an.

Nach knapp vier Stunden voller Sarkasmus gibt Rether seinem Publikum noch einen Stoßseufzer mit auf den Weg: "Bin ich froh, dass ich bei den Guten bin".

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