Die holländische Rockband DeWolff im Ulmer Zelt

Was elf Holländern in der Ukraine nicht gelang, schafften zur gleichen Zeit nur drei von ihnen im Ulmer Zelt: Sie gewannen! Und zwar die Musikfans - mit erstaunlich jungem psychedelischem Rock.

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    Holländisch-psychedelisch: DeWolff im Ulmer Zelt. Foto: Lars Schwerdtfeger
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Diese Holländer machen Druck. Was für eine Spielkultur, zudem mit einer ziemlich offensiven Dreierkette. Rechts geht Robin Piso ab, links Pablo van de Poel, in der Mitte steht Luka van de Poel. Ja, es sind sogar Brüder, und was haben uns niederländische Brüderpaare schon zugesetzt! Frank und Ronald de Boer oder Frank und Willy van de Kerkhof, Ältere mögen sich erinnern. Nun also die van de Poels . . .

Halt, die Kerle spielen gar nicht Fußball. Sondern Rockmusik, in der taktischen Variante Psychedelic Rock, Ältere mögen sich erinnern. Drei Holländer, die sich DeWolff nennen, im Ulmer Zelt - doch am Mittwochabend läuft eben zudem das EM-Spiel Niederlande-Deutschland, das verwirrt. Deswegen sind wohl auch nur 250 Zuschauer im Rund. Aber die machen Stimmung.

"Ihr wollt sehen, wie die Holländer die Deutschen rocken!", heizt Zelt-Spielmacher Lars Frick ein. Nun, dieses Publikum will, abgesehen vom Blick aufs Smartphone, wirklich Musik hören - und diese drei Typen interessieren sich tatschlich nur für ihre eigene Leistung. "Wie stehts eigentlich?", fragt Pablo van de Poel zwar anfangs pflichtschuldig, aber da hat der Kick in der Ukraine noch gar nicht begonnen. Es folgt ein Spaß - "Wir haben hier oben einen Bildschirm. Wenn wir ein Tor machen, sagen wirs euch, wenn ihr eins macht, sagen wir nichts!" -, dann legen sie los, und sie halten den Ball nicht flach.

Wie drei Typen Anfang 20 auf die Idee kommen, Psychedelic Rock zu machen, kann man sich schon fragen. Man kann es auch sein lassen. Wahrscheinlich haben sie sich vom Plattenschrank ihrer Eltern inspirieren lassen, und das gründlich: Jefferson Airplane, die frühen Deep Purple, Led Zeppelin, Grateful Dead, auch mal Pink Floyd klingen durch, aber alles wird frisch, mit Überzeugung und Verve dargeboten.

Robin Piso lässt die Hammond-Orgel wabern, röhren, greift dazu mal deftig in den Bass. Pablo van de Poel singt oft inbrünstig und gibt mit der Gitarre grobe Riffs dazu, die sich im Ohr festkrallen, geht dann hardrockend aufs Gas, lässt sphärische, aber ebenso gern verzerrte Soli ab. Und Luka van de Poels Schlagwerk verdient seinen Namen. Ein fleischiger, atmosphärisch dichter Klang - auch dank Wah-Wah-Sounds, Effektgerät, Mellotron und Theremin entführt DeWolff ins Jahr 1972; damals wurde übrigens Deutschland Europameister.

Den Anfang macht die groovige Single "Voodoo Mademoiselle", ein Dutzend Songs folgen, aber es sind nicht gerade chartgerechte Vierminüter, sondern auch mal herrlich maßlose Kompositionen. Auf dem ganz frischen, dritten Album ist gar ein 20-minütiges Rock-Space-Opus namens "A Mind Slip", das bringen DeWolff in Gänze auf die Bühne. Und wenn in "Crumblin Heart" gar zu viel Rock n Roll durchbricht, schmiert einer der Vintage-Verstärker ab. Dann wird etwas getüftelt, gegrinst, und weiter kanns gehen. Analog vergeht nicht.

Ziemlich genau, als Gomez zum 1:0 trifft, ist erstmal Schluss, aber dann folgen zwei ausufernde Zugaben. Zum 2:0 kommt mit "Gold & Seaweed" die letzte Nummer, aber Fußball ist angesichts dieses musikalischen Auswärtssiegs nur eine schöne Nebensache. Ohnehin: "Da ,Prost auch auf Holländisch ,Prost heißt, warum soll man dann gegeneinander sein?" Und statt backstage die zweite Halbzeit zu schauen, rauchen die Jungs erstmal eine, verkaufen dann CDs und schreiben Autogramme. Aber es ist eh eine verkehrte Klischee-Welt: Denn hier sind die Deutschen - das Zelt-Team - die mit den Wohnwagen.

Fast ein bisschen schade: Da hat man schon mal Niederländer zu Besuch, und dann ärgern sie sich noch nicht einmal über das Fußballspiel. Aber DeWolff sollen gern wiederkommen. Zur WM.

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