Wer gegen wen? Die Figuren des Ulmer Fischerstechens

Die Figuren des Ulmer Fischerstechens sind nicht zufällig ausgewählt, jede stellt eine Gestalt aus der Geschichte oder lokale Originale dar. Doch wer sticht da gegen wen?

|
 Foto: 

Nicht nur Fischer schubsen sich an den Fischerstechen-Turnieren am 16. und 23. Juli gegenseitig in die Donau. Die Stecher stellen viele bekannte und weniger bekannte Figuren aus der Ulmer Geschichte dar. Wir stellen sie vor:

Die Klassiker

Weißfischer und Rotfischer oder Weißfischer im Festanzug
Die Fischer stellen dabei natürlich das „Stammpersonal“ der Tradition dar. Es gibt die Weißfischer, die ihren Namen von ihrer weißen Tracht haben, und nicht etwa von den Weißfischen. Die roten, vor der Brust gekreuzten Bänder kamen erst im Laufe der Zeit dazu, der grüne Filzhut 1935.
Die Rotfischer sind im Prinzip auch Weißfischer, tragen allerdings einen roten Mantel. Daher werden sie auch Weißfischer im Festanzug genannt.

Schalksnarren
Die Narren gehören neben den Fischern zu den ältesten Figuren des Fischerstechens, auch wenn die heutigen Kostüme erst 1935 festgelegt wurden. Sie eröffnen das Stechen auf der Donau und genießen im ersten Durchgang „Narrenfreiheit“, das heißt, sie dürfen sich einen Scherz erlauben, ohne dass es von der Turnierleitung geahndet wird. Sie benutzen in diesem Durchgang die kurzen „Narrenspeere“. Bei den Tänzen und dem Festumzug haben die Narren ihren eigenen „Narrenmarsch“.

Bauer und Bäuerin
Diese Figuren waren – wie die Schalksnarren – zentrale Figuren der Fasnacht des 16. Jahrhunderts und gehören ebenfalls zu den ältesten Figuren des Fischerstechens. Das Paar steht symbolisch für Mann und Frau und stellt das „gemeine Ehepaar“ dar. Die Bäuerin wird jedoch von einem Mann verkörpert. Auch sie haben einen eignen Marsch: den „Bauer und Bäueres-Marsch“.

Zudem gibt es noch ein „Überraschungspaar“ das auf aktuelle Themen und Geschehnisse Bezug nimmt.

Ulmer Orginale

Der Ulmer Spatz und der Schneider von Ulm
Sie sind wohl die bekanntesten Figuren der Ulmer Geschichte. Laut einer Legende hatten die Ulmer einst versucht, einen querliegenden Balken durch das Stadttor zu bekommen, scheiterten aber freilich daran (besonders klug schienen sie nicht gewesen zu sein). Sie beobachteten einen Spatz, der einen Halm der Länge nach durch eine Mauernische zog. Die Ulmer folgten dem Beispiel.
Die Figur des Schneiders geht auf den Schneidermeister und Flugpionier Albrecht Ludwig Berblinger zurück, der 1811 mit einem von ihm entworfenen Gleiter über die Donau fliegen wollte. Das misslang und Berblinger stürzte in die Donau. Spatz und Schneider sind seit 1877 Bestandteil des Fischerstechens.

Spatzameez und Griesbadmichel
Diese Figuren gehen auf das 19. Jahrhundert zurück. Der Ausscheller Kaspar Rau hatte eine Vorliebe für „Spatzagschmeez“, was der Teil ist, der beim Herstellen vom Spätzle im Boden zurück bleibt. Durch einen Sprachfehler sagte Rau jedoch „Spatzameez“ zu seiner Leibspeise, was ihm wiederum seinen Spitznamen einbrachte.
Der Griesbadmichel war Michael Hetzler, der viele Jahre lang treu im Gasthaus zum Griesbad diente. Er soll mit besondere Hingabe vor allem um den Garten gekümmert haben.

Kuhhirt und Ratsherr
Diese beiden wurden 1890 anlässlich der Vollendung des Münsterbaus in das Fischerstechen aufgenommen.
Einer Sage nach sollte der städtische Kuhhirt wegen Trunkenheit aus dem Dienst entlassen werden. Durch ein Ofenrohr lauschte er den Ratsherren, die darüber berieten und kam seiner Entlassung zuvor, indem er die Kündigung aussprach – durch das Ofenrohr.

Krättenweber und Bollezei
Der Krättenweber (“Krätten“ ist der Korb) geht auf Jakob Weber zurück, einen gelernten Schneider, der 1920 starb. Er war ein akkurat gekleideter Mann, der neben seiner grünen Schürze immer einen „Krätten“ mit sich trug, in dem er Gemüse und später Antiquitäten transportierte. Bekannt war Weber aber nicht wegen seines Gemüses, sondern wegen seines Fundus an Schwimpfwörtern bekannt: „Du Graabalaos! Du Krauthur! Du Fuuzguck! Du Hiiradibbl!“, um hier die bekanntesten zu nennen. Die setzte er auch gegenüber dem „Bollezei“ (dem Polizisten) ein. Beim Fischerstechen darf der Krättenweber im ersten Durchgang seinen Widersacher sogar mit Salat- und Krautköpfen bewerfen.

Schwanenwirtin und Max Emanuel von Bayern
Die zweite Frau beim Fischerstechen – die wieder von einem Mann dargestellt wird – ist die Schwanenwirtin Sabina Heilbronnerin. Sie soll den bayrischen Besatzungsoffizieren – Ulm wurde 1702 von den Bayern besetzt – die Stirn geboten haben, als diese den Kurfürsten Max Emanuel und seinen Verbündeten, der französischen König Ludwig XIV., hochleben ließen. Die Offiziere erhoben im Gasthof Schwanen immer wieder ihre Gläser auf die beiden Herrscher und warfen diese auf die Straße. Sie forderten die Schwanenwirtin auf, es ihnen gleich zu tun. Tat sie auch, nur dass sie den deutschen Kaiser hochleben ließ und ihr Glas völlig unversehrt auf der Straße landete. Die Schwanenwirtin und Max Emanuel wurden 1954 Teil des Stecherensembles.

Figuren der Ulmer Geschichte

Friedrich von Schwaben und Heinrich der Stolze
Der Staufer Friedrich und der Welfe Heinrich waren alte Feinde. Ulm war im 12. Jahrhundert der Hauptstütztpunkt der Staufer. In Folge eines Erbfolgekrieges legte Heinrich Ulms Vororte 1131 und Ulm selbst 1134 in Schutt und Asche.

Der Ulmer Zunftmeister und Karl V
Diese beiden Figuren stehen für weltanschauliche und politische Gegensätze. Kaiser Karl V war ein großer Verfechter der katholischen Religion und versuchte diese durch Kriege im Reich festzusetzen. Entsprechend dürfte er wenig davon begeistert gewesen sein, als sich eine große Mehrheit der Ulmer Bürgerschaft 1530 für die Reformation aussprach. 1548 strafte er die Bürgerschaft ab, in dem er die Stadtverfassung, die durch den Großen Schwörbrief gelegt worden war, außer Kraft setzte. Der Ulmer Zunftmeister steht stellvertretend für den Schwörbrief wie auch für die Einführung der Reformation. Das Paar ist seit 1950 dabei.

Graf Eberhard von Württemberg und Heinrich Besserer
Im 14. Jahrhundert hatte Ulm mit anderen Städten ein Interessenbündnis gegen die Grafschaft Württemberg geschlossen. Graf Eberhard von Württemberg, genannt der „Greiner“ wollte Württemberg vergrößern. Dabei stand ihm aber das Städtebündnis im Wege, was zu mehreren kriegerischen Auseinandersetzungen führte.
1372 kam es zwischen Württemberg und dem Städtebündnis unter dem Hauptmann Heinrich Besserer bei Altheim auf der Alb zum Kampf. Die Städte verloren und Besserer starb im Kampf.

Albrecht von Wallenstein und Gustav Adolf
Wie viele andere Figuren beim Fischerstechen stellen auch Wallenstein und Adolf Kontrahenten dar. Der kaiserliche Feldherr Wallenstein schlief während des Dreißigjährigen Krieges in Ulm und hinterließ in der kriegsgeschädigten Stadt vor allem durch eine riesige Lebensmittelforderung Eindruck. Sein Gegenspieler König Gustav Adolf von Schweden unterzeichnete 1632 ein Bündnis mit der Reichsstadt. Wallenstein, der seit 1954 als Figur des Fischerstechens dabei ist, stellt die katholische Seite dar, während Adolf die protestantische Seite verkörpert. Er wurde 1970 in den Kanon der Stecher aufgenommen.

Türkenloius und Großwesir
Dieses Paar erinnert an die Türkenkriege im 17. Jahrhundert. „Türkenloius“ war der Spitzname für Ludwig Wilhelm I., Markgraf von Baden. Im August 1691 siegte er in einer entscheidenden Schlacht, in der sein Gegner, Großwesir Mustafa Köprülü, fiel.
Die Ulmer Schifferleute waren in den Schlachten entscheidend, da mit ihrer Hilfe die benötigten Truppen einfacher und vor allem schneller auf dem Wasserwege transportiert werden konnten.

König von Württemberg und König von Bayern
Diese Figuren stellen die kleinen Reibereien und Konflikten zwischen Ulm und Neu-Ulm dar und gehen zurück auf die Zeit, in der zuerst Bayern und schließlich Württemberg an Napoleon übergingen und die Donau zur Grenze zwischen den beiden Ländern wurde. Die Gestalten werden beim Stechen von einem kleinen Napoleon begleitet.

Reihenfolge der Paare

1. Schalksnarren
2. Bauer und Bäuerin
3. Weißfischer und Rotfischer
4. Ulmer Spatz und Ulmer Schneider
5. Spatzameez und Griesbadmichel
6. Kuhhirt und Ratsherr
7. Friedrich von Schwaben und Heinrich der Stolze
8. Graf Eberhard von Württemberg und Heinrich Besserer
9. Ulmer Zunftmeister und Kaiser Karl V
10. Gustav Adolf und Wallenstein
11. Türkenlouis und Großwesir
12. Schwanenwirtin und Max Emanuel
13. König von Württemberg mit Napoleon und König von Bayern
14. Krättenweber und Bollezei
15. Überraschungspaar

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Fischerstechen in Ulm

Florian Frei in Gestalt des Großwesir hat das Fischerstechen für sich entschieden. Alle Infos zum Fischerstechen finden Sie in unserem Dossier.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

FDP-Kandidat Alexander Kulitz löst Ticket in den Bundestag

Über die Landesliste für die FDP in den Bundestag: Alexander Kulitz ist neben Ronja Kemmer (CDU) und Hilde Mattheis (SPD) der lachende Dritte aus Ulm. weiter lesen