Die Donau als Erzählstrom: Burek in Belgrad

Für viele Schriftsteller war oder ist die Donau ein literarischer Schauplatz, im wahrsten Sinne ein Erzählstrom. Alida Bremer erinnert sich an "Burek an der Mündung der Save in die Donau" in den 70ern.

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  • Blick auf Belgrad, das Siegerdenkmal und die Donau. Die Schriftstellerin Alida Bremer hat diese Szenerie Ende der 1970er Jahre erlebt. 1/3
    Blick auf Belgrad, das Siegerdenkmal und die Donau. Die Schriftstellerin Alida Bremer hat diese Szenerie Ende der 1970er Jahre erlebt. Foto: 
  • Die Autorin Alida Bremer kommt aus Kroatien und ist mit einem Deutschen verheiratet. 2/3
    Die Autorin Alida Bremer kommt aus Kroatien und ist mit einem Deutschen verheiratet. Foto: 
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Aus einem Schlafwagen der Jugoslawischen Eisenbahn ausgestiegen, wurde die Reisende am Belgrader Bahnhof mit der Wirklichkeit des Sozialismus, mit dem Charme des Orients und mit dem Trubel einer osteuropäischen Großstadt konfrontiert. Der Bahnhof hatte keine Überdachung, war morgens stets in Nebel und Kälte gehüllt.

Es roch nach Burek, einem Gebäck aus dünnem, papierartigem Teig, gefüllt mit Käse, Spinat, Hackfleisch - und - das war damals eine Entdeckung für dich - mit Nichts, der Leere Burek. Der billigste. Du kannst nicht sagen, warum du - obwohl die Füllung aus Käse saftig aussah, jene aus Hackfleisch vermutlich die Zunge aufs Angenehmste herausforderte und die aus Spinat aussah, als könnte sie süß und bitter zugleich sein, genau so wie du es gerne hattest - doch den Leeren Burek bestellt hast. Dann ducktest du dich in eine Ecke der kleinen Burekbude und starrtest durchs Fenster. Die Nebelschwaden verbargen die Menschengesichter.

"Schätzchen, möchtest du ein Stück mitnehmen?", fragte die Verkäuferin, als du gegessen hattest und zahlen wolltest, sie duzte dich so selbstverständlich, als hätte sie mit dir im Zug die Ewigkeit der letzten Nacht geteilt. "Ja", sagtest du knapp, und sie verpackte dir sorgfältig ein großes Stück, doch das hellgelbe Packpapier zeigte sofort Fettflecken. Sie lachte und sagte, dass du aufpassen solltest. "Kein Problem", lächeltest du sie an, in deinem Rucksack hattest du eine Butterbrotdose aus Plastik, produziert in deiner Heimatstadt, in einer Fabrik namens "Jugoplastika". (. . .)

Der Nebel lichtete sich schnell. Du kannst heute nicht mehr sagen, ob du damals Belgrad gemocht hast. Dein Herz ist heute leer wie der Leere Burek. Das Köstliche, das Herausfordernde, das Bittere und das unwiderstehlich Saftige der anderen Bureksorten sind in jenem frühmorgendlichen Nebel verschwunden, von dir nicht berührt, nur eine Verheißung. Die dünnen Teigblätter des Leeren Bureks haben auf der Zeitachse ihr Fett verloren, und nun rascheln sie in der Erinnerung wie die Fetzen einer Zeitung, die so alt ist, dass die Buchstaben bei jeder Berührung herausfallen, als wäre dein Gedächtnis ein langer Herbst.

Du warst damals jung und deshalb hattest du dich an diesem Morgen dem Abenteuer hingegeben: Du warst in die Straßenbahn Nummer 2 eingestiegen und bist einfach im Kreis gefahren. Du hast Heimweh gehabt. Es war eine Ewigkeit her, dass du dich von deiner Mutter verabschiedet hattest. Es war gestern gewesen. Während du aus dem Zugfenster blicktest, wie sie da traurig stand und winkte, glitzerte hinter ihrem Rücken das Meer in der Abenddämmerung. Nun kreiste die Straßenbahn durch die riesige graue Stadt.

Bei der dritten Runde stand die Entscheidung fest. Du bist an der Haltestelle vor der Kalemegdan-Festung ausgestiegen. Mit leichten Schritten - nicht einmal dein Rucksack und deine schwere Reisetasche konnten die Leichtigkeit mindern - bist du an Denkmälern, Kanonen, Blumen und Bäumen zu der Stelle gelaufen, an der man sehen konnte, wie die Flüsse Save und Donau eins werden und zu einem mächtigen Strom vereint weiter fließen. Von dort, wo sie sich vereinigten, grüßte dich aus dem Wasser die Große Kriegsinsel mit all ihren Sandbänken, Bäumen und Brutstätten seltener Vogel- und Fischarten. Die vorgelagerte Kleine Kriegsinsel sah aus wie ein Kind, das schlafend vor seiner Mutter liegt.

Etwas Trostvolles lag in der Luft über dem großen Wasser. Sicher, es war nicht das Meer. Doch es war eine Ankündigung des Meeres. Es war so einfach, du hattest ja in der Schule gelernt, dass alle Flüsse zum Meer streben. Das Wasser machte dich glücklich.

Oberhalb des Wassers erhob sich das Symbol Belgrads, der nackte martialische Sieger mit dem Falken in der einen und dem Schwert in der anderen Hand, auch um ihn rankten sich Skandale, undurchsichtige Absichten, mächtige Ideen, schwungvolle Ideologien, große Erzählungen. Große Worte. (. . .)

Vor deinen Augen nahm die Donau die Save so freundschaftlich auf, als hätte sie gar nicht gewusst, dass an dieser Stelle Geschichte und Geologie aufeinander treffen, dass diese Sandbänke erst vor einigen hundert Jahren aus der Tiefe aufgetaucht waren, dass lange zuvor hier das Christentum in zwei Teile zerbrach, dass hier die muslimische Welt die mitteleuropäische berührte, dass sich hier die mächtigen Reiche unendlich lange bekämpften, dass all die Ufer in diesem Umkreis über Jahrhunderte gewohnt waren, gewaltsam Getötete zu verabschieden, dass weitere Kriege kommen würden.

Aber nicht daran hast du gedacht. Es störte dich nicht einmal, dass der Sieger die rohe männliche Gewalt zu feiern schien. Du hast das Wasser betrachtet, das sich dahin wälzende, breite und an jenem Tag blau und grau und grün und braune Wasser, das sich aus zwei Richtungen zu einem Strom vereinigte und dem Meer zustrebte, und du glaubtest fest, dass alles auf der Welt zusammengehörte, denn wer ein Meer berührt, ist mit allen Meeren der Welt verbunden und somit auch mit dem Meer, das hinter dem Rücken deiner Mutter schimmerte, als du dich von ihr verabschiedet hattest, bevor du in deine ewige Reisenacht voller Bücher eingetaucht warst. (. . .)

Und du hast dich auf eine Bank gesetzt, hast deine "Jugoplastika"-Butterbrotdose aus dem Rucksack genommen und das fettige Papier von deinem Leeren Burek gestreift und in diese feinsinnige türkische kulinarische Erfindung gebissen, als hätte es keine Kriege zwischen Osmanen und Serben, zwischen Österreichern und Osmanen, zwischen Serben und Österreichern, zwischen Ungarn und Serben, zwischen Ungarn und Türken, zwischen Serben und Türken, zwischen Deutschen und Serben, zwischen Serben und Kroaten, zwischen Kroaten und Deutschen gegeben und als würde es auf dieser Welt nur dich und die Mündung der Save in die Donau geben, die sich bei der Großen und Kleinen Kriegsinsel vereinigen, damit die Donau endlich zum Meer gelangen kann, zurück zu deiner Mutter, die sich langsam zum Meer wandte, während sich der Zug der Jugoslawischen Eisenbahn in die ewige Nacht aufmachte.

"Literarische Absacker" auf dem Donaufest

Das Programm Der Langenauer Buchhändler Thomas Mahr ist ein großer Kenner der Donau-Literatur. Er hat für das Donaufest nächste Woche eine außergewöhnliche Lese-Reihe organisiert: "Literarische Absacker". Sie finden von Montag bis Samstag, jeweils 23 Uhr, in der Galerie Tobias Schrade (Auf der Insel 2) statt. Schauspieler des Theaters Ulm werden Geschichten und Gedichte über die Donau lesen. Und manche Autoren haben aus Freundschaft und exklusiv einen Text für Thomas Mahr und das Donaufest geschrieben - darunter Alida Bremer: "Burek an der Mündung der Save in die Donau" drucken wir auf dieser Seite leicht gekürzt ab. Der Text wird am Freitag, 11. Juli, von Wilhelm Schlotterer beim fünften "literarischen Absacker", der dem Kapitel "Großstädte der Donau" gewidmet ist, vorgetragen. Die weiteren Abende: "Über die Donau" (7. Juli); "Ulm und die Donau" (8. Juli); "Ada Kaleh - die untergegangene Donauinsel" (9. Juli); "Menschen an der Donau" (10. Juli) und "Das Donaudelta" (12. Juli).

Die Autorin Alida Bremer, 1959 in Split geboren, ist die vielleicht bedeutendste Übersetzerin aus dem Kroatischen und Serbischen ins Deutsche. Vergangenes Jahr erschien ihr erster eigener Roman: "Olivas Garten" (Eichborn Verlag, 320 Seiten, 19.99 Euro). Alida Bremer kam zum Studium aus dem damaligen Jugoslawien nach Deutschland; sie ist mit einem Deutschen verheiratet. In der Erzählung "Burek an der Mündung der Save in die Donau" erinnert sie sich an ihre erste Belgrad-Fahrt mit 18, 19 Jahren. jük

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