Die Angst bleibt: Wie ein Einbruch das Leben einer Ulmerin veränderte

Bis zum Einbruch in ihre Wohnung Mitte Oktober hat sich eine 46-Jährige für einen stabilen Menschen gehalten. Seither ist nichts mehr so wie es war: „Ich hätte nie gedacht, dass mich das so umhaut.“ Mit den Zahlen der Wohnungseinbrüche in Ulm und dem Alb-Donau-Kreis von 1984 bis 2012.

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Türen und Fenster stellen kein großes Hindernis dar - es sei denn, sie sind speziell gesichert.  Foto: 

Seit Mitte Oktober hängt an der Tür eines Ulmer Mehrparteienhauses ein handgeschriebener Zettel: „Ab 20 Uhr bitte die Tür richtig abschließen (zweimal umdrehen)“ steht darauf zu lesen. Eine Bitte an die Mitbewohner, mehr noch, ein Hilferuf. „Ich dachte, ich stehe mit beiden Beinen mitten im Leben und es würde mich nicht so schnell etwas erschüttern.“ Doch seit in ihre Wohnung eingebrochen wurde, hat sich das Sicherheitsbedürfnis der 46-Jährigen drastisch erhöht: „Ich habe nicht gedacht, das mich das so umhaut.“

Es war der 15. Oktober, und die allein lebende Frau war wie jeden Dienstagabend in der Chorprobe. Gerade mal zwei Stunden war sie von zuhause fort und angesichts des schlechten Wetters mit Wind und Regen froh, als sie gegen 21.30 wieder zu ihrer Erdgeschosswohnung im Ulmer Westen kam. Ihr Freund hat eine eigene Wohnung und lebt gut dreißig Kilometer außerhalb der Stadt.

Als sie ihre Wohnungstür aufsperrte, spürte sie schon einen Luftzug und war verwundert, dass sie das Fenster beim Esstisch offen gelassen haben soll, weil sie das sonst nie aufmacht. Der Vorhang wehte über den regennassen Tisch. „Da überkam mich schon so ein komisches Gefühl“. Als sie ins Schlafzimmer trat, traf sie der Schlag. Alles war zerwühlt und lag verstreut auf dem Bett und dem Boden. Der Schrank und eine Kommode standen offen, es fehlte ihr gesamter Goldschmuck, alles andere war noch da – Silberschmuck, Laptop und sogar der Geldbeutel, den sie zuhause vergessen hatte.

Dabei ist das Problem nicht so sehr, was wegkommt, sondern vielmehr das, was bleibt. Nämlich die Angst, in der eigenen Wohnung nicht mehr sicher zu sein. Sie fühlt sich bloßgestellt, regelrecht ausgeliefert und hat den Glauben an die Menschen verloren, denen sie bislang ohne Arg begegnete. Doch das ist vorbei, und der Verlust an vertrauter Sicherheit wiegt viel schwerer als der der materiellen Werte.

Drei Tage hat sie gebraucht, bis sie überhaupt wieder klar denken konnte. Erst als sie ihre Blockade überwunden hatte, konnte sie aufräumen und putzen. Sie hat alles gewaschen, was verstreut lag: T-Shirts, Blusen, Hosen, Röcke, Kleider. Die zerwühlte Bettwäsche hat sie weggeworfen, unvorstellbar für sie darin zu schlafen, was vorher vom Einbrecher berührt worden war. Am schwersten ist es aber, abends bei Dunkelheit heim zu kommen. Ihr Schlaf ist leicht, beim kleinsten Geräusch wacht sie auf und fürchtet, der Einbrecher könnte zurückkommen. „Wenn die wüssten, was sie mit der Psyche der Menschen anrichten, denen sie ein paar Sachen klauen?“, sagt sie voller Unverständnis.

Eine Beobachtung, die Polizeisprecher Wolfgang Jürgens nur bestätigen kann. Er weiß, dass die psychischen Folgen oft schlimmer sind, als der Diebstahl selbst. Die eigene Wohnung stelle einen ganz speziellen Schutzraum dar. Wenn der von Einbrechern entweiht werde, könne das schlimme Folgen nach sich ziehen.

In Ulm und im Alb-Donau-Kreis werden es am Ende des Jahres mehr als 300 Wohnungseinbrüche sein – fast jeden Tag einer und deutlich mehr als in den letzten Jahren. „Wir liegen damit deutlich über dem Mittelwert der letzten Jahre“, sagt Jürgens: „Die Kurve ist hoch. Das lässt sich nicht wegreden.“ Eine Erklärung für die großen Schwankungen hat er indes nicht. Immerhin gab es in den 80er Jahren schon wesentlich mehr Wohnungseinbrüche als derzeit (wie folgende Grafik zeigt).

Schwierig wird es mit der Ursachenforschung. Wegen der geringen Aufklärungsquote von durchschnittlich nur 15 Prozent lässt sich wenig Verlässliches sagen. „Wir haben alles. Die osteuropäische Bande aber auch den Einzeltäter aus der Region“, sagt Jürgens. Die Tatorte sind auf das gesamte Stadtgebiet und den Landkreis verteilt und nicht nur etwa in Villengebieten vorzufinden. Täter bevorzugen ruhiger gelegene Wohngebiete mit guten Fluchtmöglichkeiten.

Mitgenommen wird alles, was auf die Schnelle eingesteckt werden kann. Oft sind es nur Geld und Schmuck, die die Einbrecher meistens in der Küche, dem Bad und im Schlafzimmer suchen. Die Polizei bietet kostenlose Beratungen an, wie man sich schützen kann.

 

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