Dick ist nicht gleich dick

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  • Manche Fettpolster verwachsen sich in der Tat, andere wachsen und wachsen, weil die Adipositas durch einen Gendefekt verursacht wird.  Aber dagegen gibt es Therapien. 1/2
    Manche Fettpolster verwachsen sich in der Tat, andere wachsen und wachsen, weil die Adipositas durch einen Gendefekt verursacht wird.  Aber dagegen gibt es Therapien. Foto: 
  • Dr. Katja Kohlsdorf. 2/2
    Dr. Katja Kohlsdorf. Foto: 
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Das Gewicht ist immer ein Thema: vor allem für jene, die mehr Kilos mit sich herumschleppen, als unbedingt für den Winterschlaf nötig wären. Sie sind ein gefundenes Fressen für die Diät-Industrie, die einen glauben macht, im Handumdrehen einen dicken in einen dünnen Menschen zu verwandeln.

Dass Übergewicht häufig schon in der Kindheit entsteht, wird dabei gern übersehen. „Das wird sich verwachsen“, wissen Mütter und Großmütter, Väter und Großväter und schicken ein „Iss was, dann wirst du was“ hinterher. Das mag so sein, doch das kann auch täuschen. Schätzungen zufolge sind in Deutschland mittlerweile drei Prozent der Kinder unter fünf Jahren adipös, also stark übergewichtig. Die genetischen Ursachen liegen auf der Hand. Wenn Eltern adipös sind, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Nachwuchs ebenfalls adipös sein wird, sagt Dr. Katja Kohlsdorf. „Der vererbte Anteil am Body-Mass-Index kann zwischen 40 und 70 Prozent betragen.“

Schlanke Eltern haben in der Regel auch schlanke Kinder, schlanke Eltern mit einem extrem kräftigen Kind – „das passt nicht, dem muss man nachgehen“, sagt die Kinderärztin. Die 36-Jährige, die seit einem Jahr in der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie der Uni-Kinderklinik abeitet, befasst sich mit genetischen Ursachen des Übergewichts bei Kindern. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf dem Leptin-Melanocortin-Signalweg. Oder vereinfacht gesagt: dem Sättigungshormon und dem Sättigungssignalweg.

Das aus dem Fettgewebe stammende Hormon Leptin vermittelt dem Gehirn den Stand des Energiespeichers. Hat der Körper genügend Energie, ist der Energiespeicher also voll, ist der Anteil des Hormons Leptin im Blut hoch. Das Gehirn empfindet daraufhin ein Sättigungsgefühl, man hört auf zu essen, erklärt Kohlsdorf. Fehlt aufgrund eines Gendefekts dieses erst 1994 entdeckte Hormon, ist der gesamte Signalweg gestört. Am Ende bleibt das Sättigungsgefühl aus – „der Betroffene hat immer Hunger, er will permanent essen“. Die Folgen: extremes Übergewicht. Und mit der Adipositas entstehen weitere Erkrankungen, Bluthochdruck, Diabetes und auch orthopädische Probleme. Wie 150 oder 180 Kilogramm auf die Gelenke eines adipösen 13-Jährigen wirken, mag man sich nicht ausmalen. Ganz abgesehen von der psychischen Belastung, der Stigmatisierung, der sozialen Ausgrenzung. „Da greifen sämtliche Vorurteile“, weiß die Kinderärztin aus ihrer Praxis.

„Wir können diese Erkrankung behandeln“, sagt Dr. Kohlsdorf. Allerdings mit einer Einschränkung: Leptin kann als Medikament zwar gespritzt werden, aber eben nur in den Fällen, wo dieser genetische bedingte Leptin-Mangel diagnostiziert wird. Und das sind lediglich Einzelfälle unter den extrem adipösen jungen Patienten. Hoffnungen, dass Leptin allgemein als appetitzügelndes Medikament bei Übergewicht eingesetzt werden kann, erteilt Kohlsdorf einen klare Absage: „Diese Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Das funktioniert nicht.“

Möglichst früh die Diagnose stellen und die ursächliche Therapie einleiten zu können, das ist das Ziel ihrer Forschung. „Das hilft den Patienten, und es nimmt Druck von der gesamten Familie, weil die Schuldzuweisungen wegfallen“, sagt Kohlsdorf. Voraussetzung ist allerdings, dass diejenigen, die die Kleinkinder zumindest jährlich sehen und untersuchen, für diese Erkrankung sensibilisiert werden: nämlich die niedergelassenen Kinderärzte.

Ihre Aufgabe: sensibilisieren

Auf Basis der Daten, die sie für Kinder mit monogener Adipositas erhoben hat, erarbeitet sie Kriterien und Anhaltspunkte für die Praxis, wann ein Kind auf monogene Adipositas untersucht werden soll. Beispielsweise: Wenn sich der Body-Mass-Index einer Obergrenze nähert, sollte der Kinderarzt einen Schritt weiterdenken. In Kilogramm ausgedrückt: Wiegt ein Fünfjähriger 40 Kilo und mehr – normalerweise bringen Jungs in diesem Alter zwischen 15 und 22 Kilo auf die Waage –, dann sollte der Arzt aufmerken. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein solches Paket in späteren Jahren verwächst, ist eher gering.

„Wir müssen Adipositas als ganzheitlich chronische Erkrankung begreifen lernen“, sagt Katja Kohlsdorf, die auf Fortbildungen für mehr Aufmerksamkeit gegenüber dieser Erkrankung wirbt. Sie warnt allerdings im gleichen Atemzug vor Überreaktionen bei Eltern und Ärzten: Sind mal ein, zwei, drei Kilo mehr drauf, „ist das nicht schlimm. Man sollte doch die Kirche im Dorf lassen.“

Lebenslauf

Dr. Katja Kohlsdorf ist jüngst für ihre Forschung mit dem Steps Award-Preis zur Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses ausgezeichnet worden. Die 36-Jährige, die aus Schönbrunn in Thüringen stammt, in Marburg Medizin studiert und als Kinderärztin drei Jahre in einer Mainzer Praxis gearbeitet hat, ist seit einem Jahr an der Uni-Kinderklinik tätig – und zwar in der Sektion Pädiatrische Endokrinologie und Diabetologie. Mit Kindern zu arbeiten, das war von Anfang an ihr Ziel. „Das ist wunderbar. Und die Endokrinologie ist ein spannendes und äußerst dynamisches Fach.“

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