Kommentar: Steine, die Mut machen

Die Ulmer Stolperstein-Initiative benötigt nicht nur Wertschätzung, sondern auch Bürger, die sich engagieren: indem sie selber mitarbeiten oder die Patenschaft für Stolpersteine übernehmen.

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Wie wichtig kleine Gesten der Versöhnung sind, zeigen die Verlegungen der Stolpersteine jedes Mal auf eindrückliche Art und Weise. So auch am vergangenen Donnerstag, als der Künstler Gunter Demnig weitere 26 dieser kleinen Betonquader in Ulmer Bürgersteige eingelassen hat. Für die Angehörigen der Opfer der nationalsozialistischen Diktatur sind es bewegende Momente, holen die Stolpersteine doch ihre Mütter oder Väter, ihre Großmütter oder Großväter, ihre Onkel und Tanten wieder ins Bewusstsein der Stadtgesellschaft zurück. Einer Stadtgesellschaft, die den Verfolgten damals nicht nur den Schutz versagt hat. Im Gegenteil. Sie, Juden, politisch Andersdenkende, Behinderte, Homosexuelle, Zeugen Jehovas oder Sinti und Roma, wurden an den Rand gedrängt, verfolgt, ins Exil getrieben, ermordet oder in Gaskammern industriell vernichtet.

Wiedergutmachung dafür, was den Menschen angetan wurde, kann es nicht geben. Was es geben kann, ist der Versuch einer Versöhnung mit den Angehörigen, die zu den Verlegungen aus aller Welt anreisen und diese Art der Erinnerungskultur, dieses tägliche Stolpern wider das Vergessen mit großer Dankbarkeit aufgreifen. Auch das zeigt sich jedes Mal wieder. Insofern kann die Stolperstein-Initiative Ulm nicht hoch genug geschätzt werden.

Doch mit Wertschätzung allein ist es nicht getan. Die Stolperstein-Initiative ist kein Selbstläufer, sie benötigt die Unterstützung aus der Mitte der Bürgerschaft – momentan mehr denn je. Wer sich erinnert: Die Euphorie war groß, der Club Orange proppevoll, als die Initiative Anfang 2014 erstmals ihr Anliegen vorgestellt hat. Mittlerweile sind 15 bis 20 Mitglieder um Martin König und Mark Tritsch übriggeblieben, ein harter Kern, der jetzt einmal mehr bewiesen hat, dass die Initiative nicht eingeschlafen ist, sondern, salopp gesagt, einen sehr guten Job macht.

Aber: Die Stolperstein-Initiative kann ihrem eigenen Anspruch als „Bürger-Initiative“ nur gerecht werden, wenn sie von der Bürgerschaft getragen wird. Von Menschen, die sich einbringen und Biografien recherchieren, Flyer gestalten, Verlegungen organisieren. Und von Menschen, die sich finanziell engagieren für eine Arbeit, die sich nicht nur in der Vergangenheit erschöpft, sondern auch Mut macht für das Eintreten für Demokratie und Menschenwürde im Hier und Jetzt.

Ein Stein kostet 120 Euro.

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Kommentare

14.10.2017 10:58 Uhr

Landesregierung fällt hinter Stolperstein-Initiative zurück

Zuvörderst bedarf es theoretisch angeleitet und empirisch kontrolliert erhobener Befunde, die einen Einblick in die wirklichen Verhältnisse einer modernen Gesellschaft ermöglichen. Der Ausruf "Nie wieder Auschwitz!" kann sich demnach nicht allein auf das bessere Argument stützen. Vielmehr sind große Anstrengungen vonnöten, die weit darüber hinaus gehen. Umso unverständlicher bleibt angesichts dessen, dass heute der baden-württembergische Ministerpräsident Kretschmann in einem Gastkommentar für die Neue Zürcher Zeitung (NZZ) lediglich dafür plädiert, selbst redlich zu argumentieren und auf diese Weise das Feld nicht den Demagogen zu überlassen, die Tatsachen verdrehen, weil zunächst einmal die besagten Fakten gewonnen und unabweisbar gleichsam auf dem Tisch liegen müssen, bevor sie Dritte danach willkürlich von demselben wischen können. Insofern besitzt die Stolperstein-Initiative in Ulm/Do. eine überaus lange Reichweite, hinter die sogar die offizielle Politik der Landesregierung aus zutiefst unerfindlichen Gründen heraus zurückfällt. Die in Rede stehenden Mühen sind somit aller Ehren wert, auch wenn sie hoheitlich weder materiell noch ideell gefördert werden.

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