Der Zuschauer als Kritiker: "Killerinstinkt" am Theater Ulm

Geldgier und Skrupellosigkeit in der Finanzwelt - die Aktualität von Nicholas Pierpans "Killerinstinkt" kommt gut an. Dennoch kritisieren einige die langatmige Inszenierung. Renate Frister hat Zuschauer befragt.

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Auch das Private leidet unter der Finanzkrise: Raphael Westermeier und Aglaja Stadelmann in "Killerinstinkt". Foto: Ilja Mess

Wolf-Uwe Gales (38), Ulm: Die Inszenierung (Gert Pfafferodt) und das Stück haben mir gefallen, auch vom Thema her war es interessant, mit aktuellem Bezug. Den reißerischen Titel "Killerinstinkt" fand ich irreführend, denn das Erzählen war doch recht brav. Ich hätte mehr Action erwartet, mehr Drama.

Simon Schwesig (18), Ulm: Die Skrupellosigkeiten der Banker, die immer nur den eigenen Vorteil suchen, kamen gut rüber, die kompletten Zusammenhänge allerdings weniger. Das Bühnenbild (Britta Lammers) fand ich beeindruckend, zum Beispiel die Idee mit dem Turm, der ein Hochhaus darstellen soll. Gunther Nickles als Sir Roger hat klasse gespielt und auch Wilhelm Schlotterer als Vertreter der staatlichen Finanzaufsicht. Die Musik war super, sie hat sehr gut dazugepasst. Die Idee mit der Verkleidung Jörg-Heinrich Benthiens als riesige Kaffeetasse (Kostüme: Mona Hapke) fand ich humorvoll.

Christine Walther (77), Ulm: Man konnte miterleben, was durch die Geldgier kaputt geht. Die Ehepartner bekommen Streit, das wirkt sich auch auf die Kinder aus, die in der Schule auffällig werden. Insgesamt fand ich das Stück etwas flach, und man hätte es etwas kürzen können. Die Schauspieler waren gut, vor allem Raphael Westermeier als Edward. Ich denke, das Stück hat wohl nicht mehr hergegeben. Pfiffig war der Gedanke mit dem Turm: Die Banker sitzen ganz oben, und die Sekretärin sitzt einen Stock tiefer.

Max Rechtsteiner (19), Weihungszell: Ich bin ein bisschen zwiegespalten. Die schauspielerischen Leistungen fand ich sehr gut, aber das Stück hat mich nicht so angesprochen. Es blieb sehr an der Oberfläche. Mich hätte mehr interessiert, was die Krise mit den Menschen macht. Das Stück hatte nicht so viel Spannung, was aber vom Autor beabsichtigt war, zumindest am Anfang: Es zeigt die große Leere nach der Finanzkrise. Die Musik fand ich gut, besonders das Schlusslied hat mich mitgerissen. Auch die Drehbühne mit dem Finanztower gefiel mir: Die Finanzwelt dreht sich immer weiter - auch ohne Edward. Die Luftballons und der Schriftzug "XL" stehen für die große Finanzblase, die am Ende platzt. Die Blase mit den Spielzeugen zeigt: Die Banker nehmen den Finanzmarkt gar nicht wirklich ernst - sie sehen ihn als Spielplatz.

Heinz Schmid (67), Ulm: Dass das Theater Ulm ein zeitgenössisches Stück auf die Bühne bringt, finde ich positiv. Gut fand ich auch die Leistung der Schauspieler, die Musik, das symbolträchtige Bühnenbild und die Kostüme. Aber das Stück bestätigte, was ich schon wusste: dass die Mechanismen des Geldmarkts unethisch sind, bestimmt von Gier, Rücksichtslosigkeit und Unehrlichkeit. Ich fand es langatmig und verstand manches nicht, zum Beispiel die Begriffe der Brokerszene. Auch die Charaktere des Stücks haben mich nicht vom Hocker gehauen.

Beate Grüner (49), Ulm: Insgesamt fand ich das Stück interessant, weil die Themen zeitgemäß sind - die Macht des Geldes, Bankenkrise, die Gier der Mächtigen und Reichen. Anfangs war das Stück zäh, nach der Pause kam mehr Dynamik rein. Gut fand ich das Bühnenbild mit der Drehscheibe des Geldes - das hat zu Bewegung geführt - und den leuchtenden, in grellen Farben gehaltenen Thron als Symbol der Macht. Die Idee mit den platzenden Luftballons war witzig: als würden die Träume platzen, als würde die Luft rausgehen. Das zeigt: Jetzt sind wir am Ende.

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