Der unauffällige Helfer: Hausmeister Ley ist im Ruhestand

Dieter Ley war 26 Jahre lang Hausmeister am Ulmer Hans-und-Sophie-Scholl-Gymnasium. Eine ans Klo gefesselte Schülerin, Gespräche über Liebeskummer, eine Pistole, die auf ihn gerichtet war: Ley hat viel erlebt. Jetzt ist er im Ruhestand.

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Immer ein offenes Ohr für die Schüler: Dieter Ley und seine Frau Renate im Kiosk des Scholl-Gymnasiums. Foto: Lars Schwerdtfeger

"Ja, ich will" antwortete Dieter Ley, als er 1987 gebeten wurde am Hans-und-Sophie-Scholl-Gymnasium anzufangen. Als Hausmeister. Das ist einer der Berufe, die noch nicht in der Gesellschaft angekommen sind, jedenfalls finanziell nicht. Weil die "Organisatoren", wie die Berufsgruppe genannt wird, eher im Verborgenen arbeiten.

Wer einen Hausmeister kennt, der weiß, dass er sich abarbeitet, um dem Publikum an seiner Arbeitsstätte das Gefühl zu vermitteln, alles sei ordentlich und funktioniere wie von selbst. Dieter Ley hat das gerne getan. Der robust wirkende Mann mit dem freundlichen Blick hat 26 Jahre lang am Scholl-Gymnasium in Ulm gearbeitet. "Es hat Tage gegeben, an denen ich 18 Stunden an der Schule war", erinnert er sich. Seit Anfang Juni ist er im Ruhestand. Jetzt hat er die Zurückgezogenheit, nach der sein Herz nach drei Infarkten verlangt. "Es war nicht langweilig an der Schule", sagt er, es hört sich wehmütig an.

Damals etwa, als er im Werkraum einen Schüler entdeckte, der nur noch mit einer Unterhose bekleidet war. Oder als er Hilfeschreie aus der Toilette vernahm und das Mädchen befreite, das mit einem Gürtel ans Klo gefesselt war. Und einmal haben sich zwei Jugendliche in der nahegelegenen Stechstube tätowieren lassen, erzählt er. Dem dritten Jungen war es wohl langweilig, da hat er sich in die Schule eingeschlichen und ein Klassenzimmer mit Wachsfarben beschmiert. Bloß dumme Bubenstreiche? Vielleicht - aber alle mit Überstunden verbunden.

Ley hat das Gymnasium nicht freiwillig verlassen. Er ist jetzt 63, "Frührente" heißt es offiziell. Intern gab es Reibereien mit der neuen Leiterin. Aber Ley möchte nicht darüber zu sprechen.

Seine Frau Renate wird ihm im Sommer in den Frühruhestand folgen. Sie betreibt seit 14 Jahren den Kiosk an der Schule. Damals fragte der Direktor sie, ob sie nicht aus ihrem Schuhgeschäft ihrem Mann an die Schule folgen wolle. Ihr erster Gedanke war: "Nie im Leben!" Nach einer Probe-Arbeitswoche löste sich die Abwehrhaltung auf. "Als nämlich die Schüler kamen mit ihrem Liebeskummer, oder jemanden brauchten, bei dem sie sich über einen Lehrer ärgern konnten, da habe ich gemerkt, dass es eine gute und sinnvolle Arbeit ist." Auch ihr Mann war für Schüler ein Ansprechpartner. Sie haben ihn im Büro besucht, "um einfach mal zu quatschen". Ein Bierkrug in seiner Wohnung zeugt von der Anerkennung seiner - auch psychologischen - Verdienste: "Der Jahrgang 2001 dankt dem Klasse-Hausmeister Herr Ley", ist aufgedruckt. Respektvoll berichtet Ley von seinem ehemaligen Chef Georg Schäfer und er erzählt verständnisvoll von all den Schülern, mit denen er teils stundenlang nach verlorenen Jacken und Schlüsseln gesucht hat.

Als einmal ein japanisches Fernsehteam im angrenzenden "Alten Theater" einen Bericht über Herbert Karajan drehen wollte, fehlte ihnen für die Nachstellung der Taktstock. Dieter Ley lief für sie in die angrenzende Kirche und besorgte ein Stöckchen. Auch um solche Sachen hat er sich gekümmert. "Der Hammer aber ist während einer Aufführung im Alten Theater passiert." Ley, der den reibungslosen Ablauf garantierte, erspähte auf dem Vorplatz zwei Jungen, die gerade einen Fahrradsattel abschraubten. "Sofort den Sattel wieder rauf", hat Ley gesagt. Den Sattel hätten sie weggeworfen, rannten zehn Meter, zogen eine Pistole und brüllten: "Ich blas dir das Hirn raus." Der Hausmeister verfolgte sie so lange, bis sie der Polizei zufällig direkt in die Arme liefen. Die Pistole war eine Farbfleckpistole, aber das konnte Ley in der Dunkelheit nicht erkennen. Angst? Die hätte er nicht gehabt, nur eine unbändige Wut auf solches Verhalten.

Nun sitzt Ley zu Hause vor einem großen Poster der Rolling Stones. Gerne würde der Fan der Band einen Auftritt in Amerika besuchen, "aber das können wir uns nicht mehr leisten", dafür reicht seine Rente nicht aus. Aber er jammert nicht.

Was ihm wichtig ist, sind seine ehemaligen Schüler. Gerne wäre er noch die drei Jahre am Scholl geblieben. Und dreimal betont er, dass es ihm am Herzen liegt, sich über die Zeitung von ihnen verabschieden zu können: "Sie waren einfach Klasse, die Schüler und auch die Ehemaligen."

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