Der Süden des Kreises steckt im Wildschwein-Dilemma

Jäger im Illertal müssten viel mehr Wildschweine schießen, um deren Zahl unter Kontrolle zu halten. Doch sie bleiben auf dem Fleisch sitzen.

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Jäger Max Wittlinger vergräbt Maiskörner, um Wildschweine in die Nähe des Hochsitzes zu locken. Foto: Schwerdtfeger

Wenn die Jagdhornbläser "Aus den Bergen" spielen, die mitgebrachten Hunde der Messebesucher ob dieser Klänge ein Freudengebell anstimmen und Ulms Oberbürgermeister Ivo Gönner "die Augen tränen wegen der sehr günstigen Jagdpachtpreise im Stadtkreis" - dann ist wieder die Baden-Württembergische Jagd- und Fischerei-Messe in Ulm. Offiziell eröffnet wurde sie von Landesforstpräsident Max Reger. Er lobte die Messe, die schon zum Auftakt sehr gut besucht war, als ideale Plattform, wo sich Jäger und Angler schlau machen können. "Wildbret statt Pferdefleisch" provozierte Klaus Lachenmaier, Biologe beim Landesjagdverband, in seinem Grußwort. Der Verbraucher solle mehr Reh und vom gebietsweise - beispielsweise nördlicher Alb-Donau-Kreis - radioaktiv unbelasteten Wildschwein essen.

Das wäre ganz im Sinne der Jäger, geht aber hier nicht überall, weil die Wildschweine aus dem südlichen Teil des Alb-Donau-Kreises nach wie vor verstrahlt sind.  Max Wittlinger, Kreisjägermeister in Ulm, erklärt warum:  "Tschernobyl hängt uns immer noch nach." Er glaubt, dass viele Leute Bedenken hätten, Wildschwein zu essen, weil sie fürchten, es sei radioaktiv belastet.

Schuld ist der Reaktorunfall von Tschernobyl vom 26. April 1986. Winde transportierten Cäsium-137 und andere Spaltprodukte auch in die Region. "In der Nacht auf den 1. Mai kam der Regen runter", sagt Karl Maier, ein Jäger aus Illerrieden. Betroffen waren vor allem die südlichen Teile des Alb-Donau-Kreises und des Kreises Neu-Ulm. Das Landratsamt Alb-Donau hat deshalb festgelegt, dass Wildschweine aus den Gebieten Balzheim, Dietenheim, Illerrieden, Schnürpflingen, Hüttisheim, Staig und Illerkirchberg bis heute überprüft werden müssen - was Maier im Auftrag der Kreisjägervereinigung tut. "Zur Zeit müssen wir fast alle Tiere vernichten lassen", sagt er. Das Fleisch überschreitet den Grenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm (Bq/kg). Gewöhnliche Nahrungsmittel haben Werte von 10 Bq/kg. Die Wildschweine, die Maier derzeit misst, bringen es auf 6000 Bq/kg und mehr.

Dass nur Wildschweine betroffen sind, liegt an ihrer Nahrung. Das Cäsium sammelte sich vor allem im Waldboden. Dort kommt auch die Pilzart Hirschtrüffel vor, eine Delikatesse für Wildschweine. Anderes Wild weist keine erhöhte Belastung auf, sagt Max Hunger vom Jagdamt des Landkreises Alb-Donau. Das haben Messungen ergeben. Im Bereich der Jägervereinigung Ehingen gilt das auch für die Wildschweine. "Unser Fleisch ist gefragt", sagt Kreisjägermeister Johann Krieger und verweist auf die erfolgreiche Vermarktung in der Region über Gastronomie und Metzger. Bedenken, dass sich das ändert, hat Krieger nicht: "Die springen schon viel rum", sagt er über Wildschweine, "aber nicht so weit, dass eins von dort bis zu uns kommen könnte."

Wildschweine vermehren sich rasant. Im bisherigen Rekordjagdjahr 2003 schossen Jäger im Alb-Donau-Kreis rund 900 Wildschweine. In diesem sind es schon gut 1200 - und die Saison geht noch bis 31. März.

Das ist ein Problem für Jäger und Landwirte. Die Tiere zerstören Äcker auf der Suche nach Nahrung. Dafür müssen Jäger ihnen Ausgleich zahlen. Sie versuchen deshalb, die Population durch Abschüsse unter Kontrolle zu halten - haben aber Schwierigkeiten, die erlegten Tiere loszubekommen. Um das Wildschwein-Dilemma zu lösen, möchte Kreisjägermeister Wittlinger stärker für Wildschweinfleisch werben. Schließlich gelange nur unbedenkliche Ware in den Handel, und Wild sei mit das gesündeste Fleisch. "Es hat fast kein Cholesterin und ist frei von Arzneimittelrückständen." Seine Idee: Direktvermarkter aus der Landwirtschaft mit ins Boot holen.

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