Der Reiter mit dem Cello

Es ist von einer gewissen Komik, das Bildchen, das der Künstler Johann Andreas Schneck um 1790 gemalt hat. Es zeigt zwei Reiter in der Nähe des Alten Friedhofs. Der eine hat ein Cello unter dem Arm.

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  • Die beiden Reiter haben gerade die Stadt durch das Frauentor verlassen. Ihr Weg, die heutige Frauenstraße, führt an einem Chauseehaus vor dem Alten Friedhof vorbei. Repros: Stadtarchiv Ulm 1/2
    Die beiden Reiter haben gerade die Stadt durch das Frauentor verlassen. Ihr Weg, die heutige Frauenstraße, führt an einem Chauseehaus vor dem Alten Friedhof vorbei. Repros: Stadtarchiv Ulm
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"Frauenthor Ravelin 1788-1790" lautet ein handschriftlicher Vermerk unter obigem Bild. "Ravelin" ist ein Begriff aus dem Festungsbau (siehe Kasten), was im Falle dieses Bildes irritiert. Denn das einzige, das daran militärisch wirkt, sind zwei Schildwachen in der blauen Uniform der Ulmer Stadtsoldaten, die vor ihren Schilderhäuschen stehen. Bei genauem Hinsehen entpuppen sich die schrägstehenden Balken, die wie Ziehbrunnen wirken, als Schranken: eine Grenzsituation.

Die Szenerie zeigt aber nicht das Ravelin, sondern das Gelände davor. Die Reiter haben die Schildwache passiert, die den Zugang zur Stadt bewacht. Der kurvige Weg, den sie nehmen, entspricht der - längst begradigten - Frauenstraße.

Stadteinwärts geht der Weg durch die Schranke am rechten Bildrand über eine Brücke, die außerhalb des Bildes liegt, auf das Ravelin und von dort über eine weitere Brücke zum Frauentor. Unter dem vorderen Schilderhäuschen zeigt ein keilförmiger Schnitt im Erdreich, wie dort das Gelände ansteigt: Das ist das Glacis, das dem Stadtgraben vorgelagert ist.

Die Schranke links im Bild steht vor dem Chauseehaus, dessen Vorbau auch der unten abgebildete Festungsplan der Stadt (um 1800) ausweist. Der Plan zeigt das Haus unmittelbar vor dem Alten Friedhof, und wenn man das Bild vergrößert, kann man rechts des Gebäudes Grabkreuze sehen. Die weiße Fläche dahinter stellt die Untere Bleiche mit den dort ausgebreiteten Leinwandbahnen dar. Und noch weiter hinten ist Oberelchingen auszumachen.

Das Bild gehörte wohl irgendwann dem Ulmensiensammler und Kameralamtsleiter (Finanzamts-Chef) Johannes Glöklen (1770 - 1833). Denn ihm ist ein mit "Glöklen" unterzeichneter Brief beigefügt. Darin mutmaßt der Schreiber, dass die merkwürdige Szene auf eine ganz besondere Geschichte Bezug zu haben scheint. Er bittet den nicht benannten Adressaten, er möge ihm doch mitteilen, wenn er Näheres darüber wisse.

Jener Adressat war offenbar der Ulmer Stadthistoriker Gustav Veesenmeyer (1760-1833). Denn dessen Unterschrift steht unter der Erwiderung, die er auf das Blatt mit Glöklens Anfrage notiert hat. Aber auch Veesenmeyer konnte nur mutmaßen. Er hielt das Bild für ein schnurriges Stammbuchstück: Stammbücher waren die Vorläufer der Poesiealben, worin damals Studenten die Einträge ihrer Freunde sammelten, die oft von professionellen Stammbuchmalern illustriert wurden. Veesenmeyer versuchte, die kaum mehr erkennbare gelbe Signatur im unteren Grünstreifen des Bildes zu entziffern, kam aber zu keinem klaren Ergebnis.

Des Rätsels Lösung steht auf einem anderen Blatt Papier, unterzeichnet am 12. Dezember 1814 von dem Zollkontrolleur Theobald Jakob Hermann. Er hatte die Geschichte, die das Bild erzählt, von dem ehemaligen Privatlehrer Kleinknecht erfahren, der damals täglich ins Haus des Pfarrkirchenbaupflegers Kraft kam. Der war es, der dieses Bild in Auftrag gegeben hatte. Und so lautet des Zollkontrolleurs Geschichte zum Bild:

Der gegenwärtig in Passau sich befindliche kön. baier. Kreisrath, Herr Christoph Erhard Kraft von Delmensingen aus Ulm ist bekanntlich auch Musikus. Zur Zeit seiner ersten Liebschaft mit dem Fräulein von Welser, Tochter des damaligen Obervogts Freiherr von Welser in Alpeck, welche er auch heurathete, machte dieser Herr von Kraft einmal daselbst einen Besuch und nahm zu Pferd auch sein Violoncell mit, um seinem Fräulein Braut ein Vergnügen zu machen.

Der Vater des Musikers war der Pfarrkirchenbaupfleger, ein leuthseliger Mann. Der habe über diese schnurrige Reise einen Spaß machen wollen. Aus diesem Grund habe er den in Ulm lebenden Maler Schneck um dieses Gemälde gebeten, auf welchem der am Frauenthor-Ravelin vorbeireitende Musikant vorgestellt ist. Der Cello-spielende Sohn sollte dieses Bild bei seiner Rückkehr in seinem eigenen Zimmer hängend antreffen. Das sei, so vermerkt Hermann noch, zwischen 1788 und 1790 gewesen.

Ob auch der Sohn das Bild lustig fand, ist nicht überliefert. Tatsache ist aber, das der Spaß, den sich sein Herr Vater leistete, der Nachwelt die einzige bislang bekannte Ansicht von der Umgebung des Frauentor-Ravelins beschert hat.

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