Der neue beste Freund

Philipp Jescheck setzt in seiner Version von "Die Nervensäge" auf perfektes Timing und eine gelungene Besetzung. Allen voran Gunther Nickles und Christian Streit lassen das Publikum im Podium Tränen lachen.

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Der eine will nur fotografieren. Der andere töten. Was dabei alles schiefgehen kann, zeigen Gunther Nickles und Christian Streit in "Die Nervensäge".  Foto: 

Er stolpert, prüft, zupft, stolpert. Ein paar Fans glucksen schon vor dem nächsten Stolperer. Das erinnert zunächst an amerikanischen TV-Durchschnitts-Klamauk mit seinen eingeblendeten Lachern. Als sich zu Dan Glazers übereifrigem Hotelboy zu Beginn von "Die Nervensäge" im Podium des Theaters Ulm aber die beiden Protagonisten gesellen, wird auch dem Rest des Premierenpublikums klar: Das kann heiter werden.

Ins linke der beiden von Britta Lammers gegengleich durch Lattenkonstruktionen angedeutete Hotelzimmer zieht Gunther Nickles als liebeskranker, suizidaler Agenturfotograf Pignon. Im rechten Zimmer richtet sich Christian Streit als Killer Ralph ein. Beide sind wegen eines Kronzeugen da, der im gegenüberliegenden Justizpalast gegen die Mafia aussagen soll. Pignon will ihn auf Film verewigen, Ralph in die Ewigkeit entsenden. Während der eine also das versteckte Präzisionsgewehr anlegt, ruft der andere noch schnell seine "Muschiputzi" an. Die Frau hat ihn aber verlassen, lebt nun bei ihrem Psychiater - und hängt entnervt auf. Da will sich auch Pignonaufhängen und knüpft sich eine Kordel um den Hals. Die Vorhangstange bricht. Der Lebensmüde plumpst aufs Bett. Der Page und der Zimmernachbar stürmen herein. Um zu verhindern, dass der Boy die Polizei ruft, verspricht der Profikiller, sich des Verzweifelten anzunehmen. So nimmt der Mix aus Schwank und Film noir um eine unwahrscheinliche Männer-Freundschaft seinen Lauf.

Philipp Jescheck setzt in seiner 75-minütigen Inszenierung der französischen Erfolgskomödie nicht nur auf eine preisverdächtig muffig-spießige Bühne, sondern auf bestens getimte Situationskomik und Schauspieler, die den Wortwitz zelebrieren, ohne ins Alberne abzugleiten. Gunther Nickles gibt das larmoyante Nervenbündel Pierre-Richard-mäßig sensibel und verpeilt. Der schmale Christian Streit ist als Killer trotz Schnäuzer äußerlich wohltuend gegen das Klischee besetzt - und füllt die Rolle hervorragend aus: von der pantomimischen Fassadenkletterei in 30 Zentimetern Höhe zum Gesichtskrampf nach einem unfreiwillig konsumierten Neuroleptikum-Amphetamin-Cocktail. Maximilian Wigger-Suttner wirkt als Psychiater Wolf zunächst mafiöser als der Killer und spielt seinen "Hampelmann"-Part triefäugig lustvoll. Sibylle Schleicher untermauert als blondperückte Louise ihre Wandelbarkeit, auch wenn sie schauspielerisch eher unterfordert wirkt. Das penetrant gepresste Sprechen des Stan-Laurel-haften Dan Glazer stört hier kaum. Und Florian Stern wacht als Polizist stets im rechten Moment aus der Ohnmacht auf.

Nur die Rauchbombe bricht in Daniel Grünauers Bearbeitung des von Dieter Hallervorden übersetzten Texts allzu unvermittelt übers Publikum herein. Das ist jedoch schnell verziehen, wenn sich Nickles kurz darauf die gemeinsame Zukunft mit seinem neuen besten Freund ausmalt. Die Premierenbesucher geben sich völlig zurecht begeistertem Jubel hin.

Kontrakt, Filzlaus, Buddy

Stück Francis Veber ("Ein Käfig voller Narren") hat 1969 in Paris seine Komödie "Le Contrat" uraufgeführt. 1973 wurde sie als "Die Filzlaus" mit Lino Ventura verfilmt. 1981 drehte Billy Wilder die Hollywoodversion "Buddy Buddy". 2005 überarbeitete Veber das Stück und verfilmte es als "Der Killer und die Nervensäge". Im Podium des Theaters Ulm ist der Schwank am 2., 6., 8., 13., 21. Mai wieder zu sehen, 19.30 Uhr.

 

 

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