Der Mann, der den Wal noch selbst erlebt hat

Franz Selinger ist ein gefragter Mann. Wenn heute das Flugboot Wal in Friedrichshafen vorgestellt wird, ist der 97 Jahre alte Ulmer der einzige, der aus eigener Erfahrungüber die einstige Produktion berichten kann.

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  • Der Amundsen Wal, bevor er ins Dornier Museum gebracht wurde (Foto oben). Franz Selinger ist er einer von ganz wenigen, die noch etwasüber den Bau des Wals wissen. Foto: Dornier Museum Friedrichshafen und Matthias Kessler 1/2
    Der Amundsen Wal, bevor er ins Dornier Museum gebracht wurde (Foto oben). Franz Selinger ist er einer von ganz wenigen, die noch etwasüber den Bau des Wals wissen. Foto: Dornier Museum Friedrichshafen und Matthias Kessler
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Das Flugboot Wal, das von heute an die Ausstellung im Dornier Museum Friedrichshafen schmückt, ist zwar ein Nachbau. Doch die 17 Meter lange und 22 Meter breite Maschine sieht genauso aus, wie jene N 25, mit der der norwegische Polarforscher Roald Amundsen 1925 (letztlich erfolglos) in Richtung Nordpol aufgebrochen war.

Das Flugboot hatte Claude Dornier entwickelt. Der geflügelte Wal hob im November 1922 erstmals ab. Kontinuierlich weiter entwickelt wurden die preisgekrönten und vielseitig genutzten Maschinen - unter anderem für Postflüge über den Südatlantik - bis in die späten 1930er Jahre gebaut. Zu jener Zeit tritt auch Franz Selinger auf den Plan. Bis zumAnschluss seines Landes ans Deutsche Reich im März 1938 hatte der gebürtige Österreicher in der österreichischen Luftwaffe gedient."Bei den Preußen nochmals exerzieren lernen, das wollte ich aber nicht", schildert er seinen damals recht abrupten Abschied beim Militär. Er schaute sich nach privaten Unternehmen um und fand seinen neuen Arbeitsplatz bei Dornier in Friedrichshafen. Dort schrieb er Flugzeug-Handbücher, die Bedienungsanleitungen für die von Dornier gefertigten Maschinen also, in die auch alle technischen Details gepackt waren.

"Heute bin ich einer von ganz wenigen, die noch etwasüber den Bau dieser Flugzeuge aus eigener Anschauung beisteuern können", erzählt der 97-Jährige. Er hat sich im Arbeitszimmer seines Reihenhäuschens auf dem Eselsberg an den Schreibtisch gesetzt. Den Computerbildschirm seitlich vor sich, daneben der Drucker. An allen Wänden Regale vom Boden bis zur Decke, penibel gefüllt mit Büchern und Ordnern.

"Ich bin von Beginn an in das Wal-Projekt einbezogen worden", erzählt er weiter."Als die Museumsleute sich intensiver mit dem Gedanken zu beschäftigen begannen, die Ende des Zweiten Weltkriegs im Deutschen Museum in München bei einen Luftangriff zerstörte Maschine nachzubauen, kam man sofort auf mich zu. Ich wurde alles mögliche gefragt. Zumal längst nicht alle Pläne für den Bau der Maschine zu finden waren." Als dann Mechaniker im ungarischen Héreg daran gingen, Rumpf, Leitwerk, Schwimmer, Tragflächen, Motor-Attrappen und Propeller nachzubilden und zusammen zu schrauben, war er fast alle 14 Tage bei ihnen.

Selinger wurde 1915 im heutigen Tschechien geboren. Sein 22 Jahreälterer Bruder war Jagdflieger im Ersten Weltkrieg. Die Faszination von der Fliegerei war ihm somit in die Wiege gelegt. Selinger studierte Elektrotechnik in Wien, bevor er sich freiwillig bei der österreichischen Luftwaffe meldete.

In den Dornier-Werken hatte er bis Kriegsende als Oberingenieur gearbeitet."Dann war alles zu, und ich reparierte fünf Jahre lang Radios für französische Besatzungssoldaten." Radios, die sie den Deutschen abgenommen hatten."Durch einen glücklichen Zufall", so erzählt er weiter,"bin ich dann bei Siemens in Stuttgart gelandet." Als Leiter der Siemens Niederlassung kam er 1958 nach Ulm. Bis er 1979 in den Ruhestand verabschiedet wurde, hatte sich deren Belegschaft auf rund 300 Mitarbeiter fast verzehnfacht.

Auch als Rentner ließ ihn die Fliegerei nicht ruhen. Unter anderem forschte er 30 Jahre lang nach Wetterstationen von Spitzbergen bis nach Kanada, die deutsche Soldaten während des Weltkriegs zum Teil sogar im Feindesland geschaffen hatten."Von Nanok bis" Eismitte. Meteorologische Unternehmungen in der Arktis, 1940 - 1945". Unter diesem Titel hat Selinger seine Recherchen in einem dicken Buch zusammengefasst.

Wenn der Wal heute das erste Mal vorgestellt wird, ist Selinger selbstverständlich präsent,"um alles, was ich weiß, zu erzählen".

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