Der Lebenskünstler

Ein Künstler und Handwerker mit Faible für Chemie und Mikroskope: Das Leben von Johannes Schumann hat viele Facetten. Er lebt seit 40 Jahren in einem Atelier in der Wiblinger Klosteranlage.

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Johannes Schumann, der Künstler, Handwerker und Sammler, in seinem Mikroskop-Museum. Foto: Matthias Kessler

Er malte Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann in der weltberühmten Szene "Ich seh dir in die Augen, Kleines". Mit dem Pinsel, frei aus der Hand heraus. Großformatige Kinowerbung. In den 80er und 90er Jahren sein Arbeitsschwerpunkt. Das Casablanca-Plakat schmückt heute noch das Dietrich-Kino. So, wie die überlebensgroße Marlene Dietrich des Künstlers und Schildermalers und Sammlers und Hobbychemikers Johannes Schumann (82). In seinem Atelier in der Wiblinger Klosteranlage hat er alles um sich, was er so braucht. Heute den Zeichentisch - auf den immer Papier aufgezogen ist, so dass er gleich, wenn ihm danach ist, eine Skizze anfertigen kann. Morgen seine mechanische Werkstatt - wo er Ersatzteile für die Mikroskope seiner Sammlung anfertigen kann. Übermorgen sein Labor - in dem er Wasserproben auf Verunreinigungen untersucht. Überübermorgen sein Mikroskop-Museum - durch das er Besucher führt. Eine Sammlung, in der Werte stehen, für die er sich ein Luxusauto hätte kaufen können. Das wertvollste Mikroskop stammt aus dem einst eigens für den Mediziner und Mikrobiologen Robert Koch gegründeten Institut für Infektionskrankheiten, aus dem später das Robert-Koch-Institut hervorgehen sollte. Das Mikroskop ist auf 1896 datiert, eine Zeit, zu der Koch in dem Institut Leitender Arzt war. "Er hat wahrscheinlich auch mal durchgeschaut."

Johannes Schumann ist im Ruhestand - gleichwohl sieht es in seinem Atelier überall nach Arbeit aus. Eine seiner Grundüberzeugungen lautet: "Das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, ist: dass er nichts mehr zu tun hat." Aus dem Altersheim gleich nebenan kommen ihm Schicksale zu Ohren, die seine These bestätigen. Altersgenossen zerbrechen am Nichtstun. Was treibt diesen Mann im Kern an? Wo ist der rote Faden in seinem Leben? Er sagt: "Wenn man Künstler ist, denkt man anders. Ich will vor allem meine Freiheit behalten, dafür strenge ich mich an." Und: "Ich kann das tun, was ich gerne mache." Er verdiente seinen Lebensunterhalt mal mit Buchillustrationen, mal mit Porträt-Malerei, mal mit Kino-Reklame und ging nebenbei seinem Hobby, der Chemie, nach. Und als Ruheständler gilt ebenfalls: "Ich kann heute das machen und morgen jenes."

Eine Haltung, die ihn einst aus dem zerbombten Nachkriegs-Berlin trieb, wo er seine Schildermaler-Lehre ("eine knallharte Ausbildung") absolvierte. Er fuhr drei Monate zur See. Auf einem Heringsfänger. Er studierte in Italien Malerei. So lange, bis er genug hatte. Es zog ihn zurück nach Deutschland. "Das Fahrgeld hat nur bis Ulm gereicht." Er blieb. 40 Jahre lebt er nun schon in dem Atelier im südlichen Seitenflügel des Klosterhofs. Doch er würde nicht sagen, hier heimisch geworden zu sein - auch wenn er nicht ohne Stolz das silberne Abzeichen der katholischen Arbeitnehmerbewegung am Revers trägt. Er gehört der Wiblinger Gruppe an. Der Lebenskünstler weiß seinen Lebensstil selbst gegen sture Beamte durchzusetzen: Er wehrte sich erfolgreich gegen das Ansinnen des Staatlichen Vermögens- und Hochbauamts, den gewerblichen Mietvertrag für das Atelier in einen Wohnungsmietvertrag umzuwandeln. Die Begründung des Amtes lautete sinngemäß: Ein Ruheständler braucht keine Arbeitsräume mehr. Schumann: "Die sehen nur die Paragrafen. Also habe ich mein Handwerk wieder angemeldet."

Zu den Ulmern hat der gebürtige Rotterdamer ein spezielles Verhältnis. "Ich komme mit ihnen zurecht", sagt er, auch wenn der durchschnittliche Ulmer sich schwertue, ein Lächeln hinzukriegen oder eine nette Bemerkung zu machen. Es mangle dem Schwaben überdies an Weltoffenheit. "Die Ulmer sind ganz in Ordnung, sie sollten allerdings öfter mal raus aus ihrer Stadt. Sie fahren zwar ins Ausland in Urlaub, aber wie der Nachbar in Bayern ist, wissen sie nicht." Der gelernte Schildermaler, der anfangs in Handwerksbetrieben angestellt war und später als freischaffender Künstler arbeitete, bezieht eine Grundrente und ist zufrieden damit, "ich brauche nicht viel". Er ist froh, dass er krankenversichert ist. "Das ist wichtig", sagt er. Sein Atelier, in dem er auch wohnt, heizt er mit Holz. Mit einem Stapel Eichenscheite, der neben dem Eingang lagert, kommt er durch den Winter.

Das Museum wird nur bei Bedarf temperiert - mit einem kleinen Elektrogerät. Manchmal träumt Johannes Schumann davon, 50 Quadratmeter mehr zur Verfügung zu haben. Und verwirft den Gedanken gleich wieder, wenn er sich ausmalt, mit all den Sachen umziehen zu müssen.

Info Das Mikroskop-Museum in

der Schlossstraße 30 a steht Besuchern offen. Montag bis Donnerstag 10 bis 11.30 Uhr und 14 bis 18 Uhr, Freitag 10 bis 13 Uhr. Samstag, Sonn- und Feiertage auf Anfrage. Kontakt: Telefon: (0731) 478 44.

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