Der künftige OB Gunter Czisch blickt am Tag nach der Wahl nach vorn

Groß gefeiert hat Gunter Czisch seinen Sieg bei der OB-Wahl nicht. Am Tag danach ging die Arbeit gleich weiter. Ein Gespräch über Befindlichkeiten und Gefühle nach dem Wahlerfolg.

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Gunter Czisch (CDU)  Foto: 
Herr Czisch, haben Sie gut geschlafen in der Nacht nach der Wahl?
GUNTER CZISCH: Na ja, eigentlich unruhiger, als ich dachte. In der Nacht auf Sonntag habe ich besser geschlafen, das erste Mal seit Monaten mal wieder bis morgens um 10.
 
Sie haben wahrscheinlich einfach lange gefeiert . . .
CZISCH: Nein, gar nicht. Um halb eins war ich daheim. Dann habe ich noch ein paar Mails beantwortet, und heute Morgen um halb sechs war ich schon wieder auf.
 
Wie haben Sie denn Ihren Sieg im ersten Wahlgang gefeiert?
CZISCH: Zuerst waren wir im Rathaus, dann mit etlichen Unterstützern im Ratskeller. Es war eine bewegende Lebenserfahrung für mich, wie viele Menschen mich im Wahlkampf unterstützt haben. Manche habe ich erst kennen lernen dürfen.
 
Nachdem Ihr Wahlsieg feststand, haben Sie im Rathausfoyer alle Ihre Mitbewerber zu sich gebeten, um jedem die Hand zu schütteln. Warum?
CZISCH: Ich hatte mich gefragt: Was passiert eigentlich, wenn Du die Wahl gewinnst? Zwei Dinge waren mir dann wichtig. Zu sagen: Ich suche der Stadt Bestes – bewusst ein Bibelzitat. Und den Mitbewerbern die Hand zu schütteln.
 
Warum diese Geste?
CZISCH: Weil sie mir wichtig ist. Weil ich Wertschätzung zeigen und ausdrücken wollte, dass der Wahlkampf mit allen fair war. Und dass es schon am Tag danach wieder heißt, Gemeinschaft zu suchen. Wir können die Stadt nur gemeinsam nach vorn bringen.
 
Wie kommentieren Sie Ihr Wahlergebnis im Abstand von einer Nacht?
CZISCH: Ich freue mich sehr, dass die Ulmerinnen und Ulmer mir ihr Vertrauen bereits im ersten Wahlgang ausgesprochen haben. Das bewegt einen dann auch. Es zeigt: Sie vertrauen mir und sie trauen mir die Aufgabe zu. Man spürt aber auch: Jetzt hast Du es an der Backe, jetzt musst Du es gut machen.
 
Die Bürde der Verantwortung also?
CZISCH: Durchaus. Das Wahlergebnis ist natürlich auch Verpflichtung.
 
Die Wahlbeteiligung lag lediglich bei 42,5 Prozent. Das bedeutet: Der neue OB ist nur von 22,4 Prozent der Wahlberechtigten gewählt worden. Stimmt Sie die niedrige Wahlbeteiligung traurig oder ärgerlich?
CZISCH: Sie ist Ansporn. Im Vergleich zu anderen Städten ist die Quote noch ganz ordentlich. Es kann uns aber nicht zufrieden stellen, wenn nicht einmal jeder Zweite zur Wahl geht.
 
Was wollen Sie dagegen tun?
CZISCH: Wir müssen noch mehr versuchen, die Menschen, gerade auch die Jungen, über alle Kanäle zu erreichen und den Bürgerdialog intensivieren. Mein ehrgeiziges Ziel ist eine Wahlbeteiligung von 50 plus. Das zu erreichen, ist aber nicht die Aufgabe des Oberbürgermeisters allein, sondern von allen.
 
Wer Ihre Wählerinitiative betrachtet, stellt fest, dass viele Vermögende darunter sind. Was sagen Sie denen, die behaupten, Sie seien der OB der reichen Ulmer?  
CZISCH: Völliger Quatsch. Ich habe im Wahlkampf über 300 Termine absolviert, war mehrfach in Behindertenheimen, viel auf der Straße, in den Ortschaften, bei normalen Leuten. Und so normal bin ich auch selber. Ich komme aus einem Handwerksbetrieb, ich bin einer, der aufgewachsen ist wie jeder andere.
 
Sie sind Schlagzeuger. Wie heftig mussten Sie trommeln, um die Unterstützer zu bekommen?
CZISCH: Gar nicht. Alle, die drauf sind – und das sind Menschen aus allen Bevölkerungsschichten – sind freiwillig drauf. Von sich aus. Und ich bin für jeden dankbar.

Sedelhöfe, Straßenbahn, City-Bahnhof – die großen Themen sind beschlossen. Sie haben drei weitere, Ihnen wichtige in den Wahlkampf eingespeist: digitale Stadt, kommunaler Ordnungsdienst, Wohnungsbau. Wie sieht eine Wohnungsbau-Offensive a la Czisch aus?
CZISCH: Nicht spektakulär, sondern realistisch. Am 23. März ist im Gemeinderat . . .

. . . Ihrer ersten Sitzung nach der Vereidigung am 1. März, die Sie als OB leiten . . .
CZISCH . . . ist also im Gemeinderat Wohnungsbaudebatte. Bis dahin werden Oberbürgermeister Ivo Gönner, Baubürgermeister Tim von Winning und ich einen ersten Vorschlag machen, wo was möglich ist.

Was meinen Sie mit: Wo was möglich ist?
CZISCH: Na ja, wo Bauland rasch verfügbar gemacht werden kann – übrigens auch in den Ortschaften, wo sich viele Bewohner wünschen, dass ihre Kinder sich ein Häusle bauen können. Dann aber auch für sozialen Wohnungsbau, wo wir ohne Hilfe von Bund und Land nicht sehr viel ausrichten können.

Was muss sich ändern, damit schneller gebaut werden kann?
CZISCH: Wir brauchen einen Instrumentenkasten für die verschiedenen Herausforderungen. Generell geht es darum, dass wir Verfahren beschleunigen, Vorschriften und Maßgaben entrümpeln, manche Standards, etwa die öffentlichen Flächen, in Bebauungsplänen reduzieren. Darüber sollten wir überfraktionell Konsens herstellen.

Auch darüber, dass Innenentwicklung bedeutet: weitere Nachverdichtungen? Das birgt Zündstoff in sich.
CZISCH: Ja, da muss man schon auch mal hinstehen und nicht allem und jedem nachgeben. Wir brauchen da aber wie in der Flüchtlingsfrage vor allem eine Stimmung in der Stadt, die von Einsicht gekennzeichnet ist. Nach dem Motto: Normalerweise hätt’ i do jetzt goschet. Aber ich erkenne an, dass das jetzt einfach sein muss.

Was ist am wichtigsten in der Flüchtlingsthematik?
CZISCH: Es muss gerecht zugehen und der soziale Frieden muss gewahrt bleiben.

Klingt ein wenig sozialromantisch.
CZISCH: Es geht darum, die Sorgen und Ängste der Bevölkerung ernstzunehmen, ihnen aber mit Aufklärung zu begegnen. Beispielsweise müssen wir in der Frage der Sicherheit zeigen, dass wir darauf achten. Die ungemein breite Bereitschaft zum ehrenamtlichen Engagement ist für mich der beste Nährboden, eine solch gute Stimmung zu erzeugen. Zusätzlich haben wir weitere hauptamtliche Stellen ermöglicht.

Jetzt sind 1000 Flüchtlinge in Ulm. Gibt es für Sie eine Obergrenze?
CZISCH: Es werden im neuen Jahr auf jeden Fall zunächst einmal mehr werden. Das liegt nicht in unserer Hand. Diese Menschen gilt es dann anständig unterzubringen. Wenn das geschehen ist und weitere kommen, werden wir wieder neue Lösungen suchen – und sie auch finden. Ganz pragmatisch.

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