Department für den Geist

Philosophie, Sprachen und die allgemeine Weiterbildung fristen an der Uni ein Nischendasein. Jetzt werden sie in einem neu geschaffenen Department vereint. Ziel: eine Stärkung der Geisteswissenschaften.

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Das neue Uni-Department für "Philosophie, Sprachen und Weiterbildung" vereint Angebote für ältere und junge Semester.  Foto: 

Vor drei Jahren war Schluss: Der Bachelor-Studiengang Philosophie, 2003 von Studenten der Uni Ulm erkämpft, wurde vom Präsidium abgewickelt. Aufwand und Ertrag stünden bei durchschnittlich drei Absolventen pro Jahr in keinem Verhältnis zueinander, lautete die Begründung. In der Tat war das Interesse am seinerzeit einzigen geisteswissenschaftlichen Studiengang (mittlerweile ist mit dem Studiengang Psychologie wieder eine Brücke zur Geisteswissenschaft geschlagen) rückläufig - was auch an der dem Bologna-Prozess geschuldeten europaweiten Verschulung sämtlicher Studienfächer lag: Wer deutlich mehr Leistungsnachweise erbringen muss, hat naturgemäß wenig Lust auf ein Zusatzstudium.

Das Humboldt-Studienzentrum für Philosophie und Geisteswissenschaften der Uni (HSZ), wie es offiziell heißt, hat dennoch nach wie vor gut zu tun: Seit der Bologna-Reform und der Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse müssen Ulmer Studenten je zwei Kurse "Additive Schlüsselqualifikationen" belegen. Favoriten sind Kurse mit praktischem Bezug: etwa "Konfliktmanagement" oder "Persönlicher Erfolg dank richtiger Körpersprache".

Lehramtsstudenten wiederum sind verpflichtet, eine Einführung in ethische Grundlagen zu belegen. Klassische Philosophiekurse, die sich mit Hegel, Kant und Co. beschäftigen, würden dagegen kaum nachgefragt, sagt HSZ-Leiterin Prof. Renate Breuninger. "Durch Bologna sind wir etwas in die Zwickmühle geraten."

In die regelmäßig aufkeimende Debatte um den Stellenwert der Geisteswissenschaften an der Uni Ulm dürfte nun aber wieder Bewegung kommen. Mit Beginn des Wintersemesters schafft die Uni neue Strukturen und richtet ein dem Präsidium unterstelltes "Department für Philosophie, Sprachen, Geisteswissenschaften und allgemeine Weiterbildung" ein, so der sperrige Titel.

Die Idee dahinter: Alle geisteswissenschaftlichen Einrichtungen der Uni kommen unter ein Dach. Mit dem Ziel, "die Wirkkraft der Geisteswissenschaften zu erhöhen", wie Prof. Heiner Fangerau, Direktor des Institutes für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und eines von künftig drei Vorstandsmitgliedern des Departments, es formuliert. Die drei Abteilungen HSZ, Zentrum für Sprachen und Philologie (ZSP) sowie das Zentrum für Allgemeine Wissenschaftliche Weiterbildung (Zawiw) bleiben zwar selbstständig, treten aber mit ihren dann insgesamt neun wissenschaftlichen Mitarbeitern - die zahlreichen Lehrbeauftragten nicht dazugerechnet - gegenüber den Uni-Fakultäten sowie nach außen als Einheit auf. "So können wir zum Beispiel einfacher Drittmittel einwerben oder auch eigene Forschungsprojekte anstoßen", sagt Fangerau. Auch das Studium generale mit seinen fächerübergreifenden Vorlesungsangeboten für die breite Öffentlichkeit wird künftig vom Department - nicht mehr vom Zawiw - koordiniert.

Die Integration des vor allem auf Senioren-Weiterbildung spezialisierten Zawiw ins neue Department mutet auffällig an. Gerade auch vor dem Hintergrund, dass die Teilnehmerzahlen an den Frühjahrs- und Herbstakademien seit längerem rückläufig sind und Zawiw-Geschäftsführerin Carmen Stadelhofer Ende 2012 in den Ruhestand geht. Doch an eine schleichende Abqualifizierung des Zawiw oder gar Aufgabe der Jahreszeitakademien sei nicht gedacht, versichert Zawiw-Vorstandssprecher Prof. Othmar Marti. Allerdings werde man wie bei jedem Generationenwechsel "gewisse Dinge ändern", künftig zum Beispiel auch Teilpakete anbieten, damit weiterbildungswillige Senioren sich nicht mehr für eine ganze Woche festlegen müssen. Fangerau jedenfalls ist überzeugt, dass sich das Zawiw gut in das neue Department einfügen wird. "Vor allem das forschende Lernen im Alter und die Nutzung neuer Medien passen gut in unser Konzept."

Gibt es demnächst wieder einen Studiengang Philosophie an der Uni? "Das haben wir im Hinterkopf", sagt Fangerau. Bis dahin dürften aber wenigstens fünf Jahre ins Land ziehen. "Wenn man bedenkt, dass schon die Gründung des Departments ein Jahr Zeit und 20 Satzungsentwürfe gebraucht hat."

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