Den Elektrolurch auf die Bühne getragen

Er ist einer der fleißigsten Konzertgänger Ulms. Günter Heiser hat weit mehr als 2000 Bands live gehört. Die meisten Tickets hat er zwar irrtümlich vor Jahren entsorgt, doch schon füllt sich ein neuer Karton.

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  • Günter Heiser mit jeder Menge Setlisten und Tickets. Foto: Oliver Schulz 1/2
    Günter Heiser mit jeder Menge Setlisten und Tickets. Foto: Oliver Schulz
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    Das Autogramm von Alan Parsons.
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"Ich bin kein Sammler", sagt Günter Heiser, der bis vor kurzem einer der Sprecher des Ulmer Zelts war. Er macht den Deckel eines Kartons auf, in dem mal zwölf Flaschen Montepulciano dAbruzzo Platz fanden, und straft sich selbst Lügen. Denn die Wellpappe ist schon wieder halb voll, mit Memorabilia aller Art: Tickets, handgeschriebenen, meist signierten Setlisten, Backstage-Pässen und Trommelstöcken von den Drummern der Bands.

Sein erstes Paar dieser Trommelstöcke besitzt Heiser allerdings nicht mehr, auch keine der Eintrittskarten aus den 70er, 80ern und 90ern. "Die hatte ich alle in eine Umzugskiste gepackt." Und als er 2005 wieder mal umzog, befolgte er den Rat eines Freundes: "Der meinte, den Inhalt einer Kiste, die du nach dem Umzug nie ausgepackt hast, brauchst du auch nicht." Heiser entsorgte die ungeöffneten Kisten - und damit auch seine Schätze aus den 70ern. Aua.

Und was war da die hübscheste Anekdote? Die gehört zu den Trommelstöcken Bernd Noskes. Krautrock-Fans erinnern sich. Noske ist der Chef der deutschen Band Birth Control, die 1972 mit dem Hit "Gamma Ray" auch international durchstartete. "Das war am 25. Mai 1973 - mein erstes richtig großes Konzert. Einen Auto-Führerschein hatte ich noch nicht, das Moped war kaputt. Also bin ich per Autostopp nach Sindelfingen." Das Ziel des 17-Jährigen: Das Krautrockfestival mit Jane, Amon Düül, Birth Control und Guru Guru in der Sindelfinger Messehalle.

"Das war damals alles ganz anders als heute, wo jeder einen Pass braucht, um hinter die Bühne zu kommen. Ich stand ganz vorne. Und bei einem Umbau forderte mich einer der Roadies auf, mal mit anzupacken. Ich sprang auf die Bühne, packte mit an und gehörte zur Crew." Beim Auftritt seiner Helden von Birth Control saß Günter auf der Bühne vor dem Schlagzeug Bernd Noskes, der ihm auch seine Trommelstöcke schenkte.

Dann kam noch Guru Guru. Und deren Auftritt hätte ohne den 17-Jährigen wohl gar nicht stattgefunden. "Guru Guru kamen direkt von einem anderen Festival", erinnert sich Heiser. "Ihr Trommler Mani Neumeier war völlig zugedröhnt, weigerte sich, auf die Bühne zu gehen." Derweil wartete das Publikum schon seit einer Stunde auf die Hauptband des Festivals. "Da kam der Tourmanager von Guru Guru, zeigte auf mich und einen anderen Roadie und sagte: ,Den tragt ihr jetzt auf die Bühne, setzt ihn ans Schlagzeug, dann fängt er schon an zu trommeln." Die beiden hakten sich bei "Elektrollurch" Neumeier unter und trugen ihn auf die Bühne - und er spielte.

Wie gesagt: Die Karte dieses Festivals hat Heiser nicht mehr. Dafür jede Menge anderer. Auch aus seiner Zeit beim Ulmer Zelt. "Da versuche ich, von jedem Künstler unterschriebene Eintrittskarten zu holen - für mich, die Helfer und die Fans." Und da erinnert sich Heiser besonders an das Konzert von Alan Parsons Live Project am 5. Juli 2008.

"Ich klopfte am Künstlerwagen an, und Parsons Frau bat mich herein. Alan Parsons signierte jede Menge Tickets, aber auch Plattenhüllen und Zeitungsartikel - ohne hinzusehen. Stattdessen schaute er unverwandt auf den Bildschirm seines Laptops. Irgendwann fragte ich ihn, was denn so interessant sei", erzählt Heiser. "Parsons winkte mich herüber, damit ich auf den Schirm gucken konnte. Es war eine Satellitenaufnahme von Google Earth. Und Parsons erklärte mir: Das ist unser Fluss, das ist mein Haus, und da brennt der Wald." Wenige Tage später las Heiser, dass Parsons kalifornische Sommerresidenz tatsächlich in dieser Nacht niedergebrannt war.

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