Den Druck nicht mehr ausgehalten

Sexueller Missbrauch einer Neunjährigen oder nicht? Im Verfahren gegen einen 38-Jährigen hat das Landgericht Memmingen mehrere Zeugen gehört.

|

Hat sich der Angeklagte an der neunjährigen Tochter seiner Freundin mehrfach brutal sexuell vergangen oder ist der Vorwurf ein Konstrukt kindlicher Phantasie – mit dem Ziel, von der Mutter weg zu kommen, um künftig beim getrennt lebenden leiblichen Vater wohnen zu dürfen? Das umschreibt grob die Gemengelage, mit der sich die Große Jugendkammer des Landgerichts Memmingen bei der Wahrheitsfindung zu befassen hat.

Dazu hat der 38-jährige gelernte Fertigungsmechaniker bislang nichts beigetragen, obwohl, oder gerade weil er massiven Vorwürfen ausgesetzt ist. Laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft soll er das Kind innerhalb eines Jahres mehrfach in der gemeinsamen Neu-Ulmer Wohnung sexuell missbraucht und dabei auch Gewalt angewandt haben, um sein Opfer gefügig zu machen. Die Übergriffe hätten immer dann stattgefunden, wenn die Mutter aus dem Haus und er mit dem Kind allein war.

Kind hielt Druck nicht mehr aus

Das ging offenbar so lange, bis das Mädchen den Druck nicht mehr aushielt. Als die Mutter gerade anschickte, mit Freundinnen zum Feiern in die Stadt zu gehen, sei es aus dem Kind regelrecht herausgebrochen, wie eine Zeugin vor Gericht aussagte. In Tränen aufgelöst habe sie ihrer Mutter gesagt: „Du weißt gar nicht, was er macht, wenn du nicht da bist.“ Was er immer getan haben soll, machte das Kind den Frauen in Worten und Gesten plastisch deutlich. Hernach sei ihr die Erleichterung, endlich darüber gesprochen zu haben, anzumerken gewesen, sagte die 21-Jährige im Zeugenstand

Angesichts der Ungeheuerlichkeit der geschilderten Taten sah sich auch die Großmutter des Mädchens gehalten, dem Wahrheitsgehalt auf den Grund zu gehen, obwohl sie von dem angeklagten Ex-Verlobten ihrer Tochter nicht viel hält: „Ich hätte mir, ehrlich gesagt, jemand anderen gewünscht.“ Was ihre Enkelin betrifft, sei die zwar „ein bisschen fahrig“, aber gewiss keine Lügnerin. Nach einer Unterredung auf einem Spielplatz war sie sich sicher, „dass sie die Wahrheit gesagt hat“ und die Geschichte nicht erfunden habe, um fürderhin bei ihrem leiblichen Vater wohnen zu können, den sie „sehr liebt“. Die Frage von Richter Jürgen Hasler, ob das Kind denn zum Übertreiben neige, verneinte die Zeugin.

Klassenlehrerin sagte aus

Die ehemalige Klassenlehrerin hat eine Verhaltensveränderung bei ihrer eigentlich „liebenswerten“ Schülerin festgestellt, die „hoch erregbar“ geworden sei und „schnell ausflippt“, was bisweilen zu Konflikten mit Mitschülern geführt habe. Auch sei ein Nachlassen der Leistungen bemerkbar gewesen, was die Lehrerin auf „den Vorfall“ zurückführt. Das Kind hatte sie aufgrund des guten Verhältnisses ins Vertrauens gezogen, allerdings ohne ins Detail zu gehen. Weiter insistieren wollte sie nicht, zumal sie keine Psychologin sei.

Die kommt kommenden Montag beim Vortrag ihres Gutachtens zu Wort. Ihre Erkenntnisse werden auch zu der Entscheidung beitragen, ob dem Kind eine Aussage vor Gericht erspart bleiben wird oder nicht.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung
Kommentieren

Kommentare

16.09.2017 13:05 Uhr

Die Perspektive des mutmaßlichen Opfers einnehmen


Wenn Jungen oder Mädchen davon berichten oder andeuten, dass sie sexuell missbraucht wurden oder werden, sollte man versuchen, sich bei der Bewertung ihrer Schilderungen und Hinweise in die Lage des mutmaßlichen Opfers zu versetzen. Also erwachsene Sexualpraxis aus der Perspektive eines Kindes zu betrachten. Ich nehme an, dass die Anklage auf der Grundlage des § 176a StGB, „Schwerer sexueller Missbrauch“ erhoben wurde. Straftaten, die darunter fallen, werden in Juristensprache als „beischlafähnliche Handlungen“ bewertet. Aus gutem Grund müssen Menschen ein gewisses Alter und einen bestimmten Grad an Reife erreicht haben, um unbeschadet an solchen Aktivitäten teilhaben zu können. Und das betrifft die Gesundheit des Körpers, des Geistes und der Seele.

Wenn ein Kind missbraucht wird, ist das nicht mit schlechtem Sex, wie er unter Erwachsenen gelegentlich vorkommt und was im Grunde auch normal ist, zu vergleichen. Missbrauch zu erleben, kommt weder einem Fehlgriff auf der Datingplattform, noch einem misslungenen One-Night-Stand gleich.
Für ein neunjähriges Mädchen oder einen gleichaltrigen Jungen ist die Sexualität eines 38jährigen eine unfassbare Ungeheuerlichkeit, schon die biologischen Abläufe wirken auf Kinder bedrohlich, selbst wenn sie gar nicht mittels sexuellem Missbrauchs darin involviert sind, sondern nur Zeugen sexuellen Tuns erwachsener Männer werden. Die direkte Konfrontation mit erwachsenem Sex, noch dazu in einer ausgelieferten Lage, erleben die Opfer als Angriff auf ihre Existenz.


Angelika Oetken, Berlin-Köpenick, eine von 9 Millionen erwachsenen Menschen in Deutschland, die in ihrer Kindheit und/oder Jugend Opfer schweren sexuellen Missbrauchs wurden

Antworten Kommentar melden

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Wegen Aufnahmeritualen entlassene Soldaten legen Berufung ein

Im Juli hatten Verwaltungsrichter die Entlassung von vier Soldaten der Pfullendorfer Kaserne für rechtens erklärt. Dagegen gehen die Soldaten jetzt in Berufung. weiter lesen