Demenzbehandlung krankt

Zu späte Diagnosestellung, falsche Medikamente: Bei der Bekämpfung von Demenz liegt vieles im Argen, sagt der Ulmer Neurologe Dr. Michael Lang.

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Dr. Michael Lang: Falsche Behandlung verursacht unnötige Kosten.

Demenzerkrankungen - vor allem die Ausprägung Alzheimer - nehmen zu. In Deutschland ist mit einem Anstieg von heute 1,3 Millionen Betroffenen auf 2,6 Millionen im Jahr 2050 zu rechnen. Demenz beginnt mit psychischen Auffälligkeiten - Aufmerksamkeitsdefizite oder Stimmungsschwankungen - und wird zunächst oft nicht erkannt. Erst mit fortschreitendem Verlauf der sich meist über 10 bis 15 Jahre hinziehenden Erkrankung stellen sich schwerwiegende Verhaltensstörungen wie Aggressionen, Inkontinenz oder Sprachverlust ein. Nach wie vor gilt die Alterskrankheit als unheilbar, gleichwohl gibt es Therapieperspektiven: Man kann den Krankheitsverlauf verlangsamen und die Beschwerden lindern.

Davon ist man hierzulande aber allzu oft weit entfernt. Die Demenztherapie krankt an einer Unter- beziehungsweise Fehlversorgung. Schuld daran sind neben dem Gesundheitssystem und manchenÄrzten die Patienten selbst. Das jedenfalls ist die These des Ulmer Neurologen Dr. Michael Lang, die er jetzt als Referent bei einer Veranstaltung des Vereins"Support" zum Thema"Demenz" im Stadthaus vortrug.

Die vielfach zu spät erfolgende Diagnose sei umso schlimmer, als der Krankheitsverlauf unumkehrbar ist."Was verloren ist, bleibt verloren." Für den Patienten bedeute das einen Verlust an Lebensqualität, für Angehörige mehr pflegerische Inanspruchnahme - und für die Gesellschaft höhere Kosten.

Damit nicht genug. Laut einer von Lang vorgestellten Studie aus dem Jahr 2008 (Dias-Studie der Deutschen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie und -psychotherapie) erhalten nur 29 Prozent der Demenzpatienten eine adäquate, sprich: leitliniengerechte Behandlung. 59 Prozent bekommen demnach keine gezielt die Demenz bekämpfende medikamentöse Therapie, sondern entweder gar keine Medikamente oder Psychopharmaka verordnet - Ruhigstellung lautet die Devise. Lang stellte klar, dass er in der medikamentösen Therapie nicht das alleinige Allheilmittel sieht."Sie muss einhergehen mit körperlicher Aktivierung, geistiger Rehabilitation und optimierter Ernährung."

Zu einem Teil sind die niedergelassenen Mediziner für die"suboptimale Versorgung" verantwortlich, sagt der Neurologe."Es stimmt: BeiÄrzten macht sich im Zuge von Budgetierung und womöglich nicht leistbarem Behandlungsaufwand eine zunehmende Verunsicherung und sogar Frustration breit."

Doch auch bei Patienten und Angehörigen liege einiges im Argen. Einer Studie der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände zufolge befolgen viele Patienten nicht die ärztlich verordnete Therapie - zumindest nicht auf längere Dauer. Dies gilt besonders häufig bei Asthma-Erkrankungen und Diabetes - aber eben auch bei Demenz.

Lang lobte Initiativen wie den Ulmer Verein"Trotz Demenz". Er helfe nicht nur Betroffenen, sondern leiste auch wichtigeÖffentlichkeitsarbeit, indem er die Bevölkerung über die wachsende Bedeutung von Demenzerkrankungen informiere.

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