Das war los bei der Spendenaktion für Flüchtlinge in der Römerstraße

Kleiner Aufruf, große Wirkung: Gut 100 Menschen aus Ulm und Region kamen am Samstag mit Kleiderspenden und Spielzeug ins Flüchtlingswohnheim in der Römerstraße. Die Bewohner nahmen die Gaben dankbar an. Mit Bildern von der Aktion.

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Mitten im Gewusel aus Flüchtlingen und Spendern stand am Samstagnachmittag Jan Hettich und kämpfte mit den Tränen. Der 24-Jährige, der die Geschenke-Aktion für die Asylbewerber im Übergangswohnheim Römerstraße ein paar Tage zuvor via Facebook und SÜDWEST PRESSE initiiert hatte, war sichtlich überwältigt vom Andrang. „Dass so viele Leute vorbeikommen, hätte ich nicht gedacht.“

Es waren gut 100 Menschen aus Ulm und Umgebung, die sich mit dem Auto, zu Fuß oder mit Handkarren ins mit rund 400 Flüchtlingen voll belegte Wohnheim aufgemacht hatten. Im Gepäck: vorzugsweise Kinderbekleidung, Jacken, Hemden, Pullover, Schuhe, Spielsachen, Besteck, Geschirr, Haushaltsgeräte, aber auch Snacks und Süßigkeiten. Wie auf einem Flohmarkt wurden die Waren auf dem Rasen vor dem Wohnheim ausgebreitet und gingen – man verzeihe die klischeehafte Formulierung – weg wie warme Semmeln.

Jennifer Cersosimo aus Günzburg etwa hatte Babyklamotten dabei und überreichte sie einer hochschwangeren Frau mit zwei kleinen Kindern. „Als sie das Päckchen nahm, hatte ich einen Kloß im Hals“, sagte sie.

Angelika Schröder, Rentnerin aus Erbach, wachte mit Argusaugen über ihre Spenden: Handtücher, Geschirr, Kindersocken. Jeder Flüchtling, der bei ihr vorbeikam, durfte sich maximal drei Teile nehmen. „Grapschen geht nicht, die Sachen müssen gerecht verteilt werden“, rief sie.

Teilweise kamen Spender und Empfänger ins Gespräch, so weit das die Sprachbarriere zuließ. Uli Gebhard etwa ließ sich von einigen Asylbewerbern deren Schuhgröße mitteilen, damit er ihnen in den nächsten Tagen etwas Passendes vorbeibringen könne. „Die Menschen sind nicht gewohnt, dass man sie anspricht und etwas über sie erfahren will. Das hat mich schon beeindruckt.“

Zwar war die Aktion Hettichs – er wohnt neben dem Wohnheim – mit der Heimleitung abgesprochen, dennoch hatte es vorab Bedenken gegeben. Angebote für Sachspenden habe man seit Wochen zur Genüge, sagte Werner Fischer, Koordinator für die Wohnheimflüchtlinge. Es dürfe nicht passieren, dass sich das Areal ums Wohnheim in ein „Mülllager“ verwandele. „Was die Menschen dringender brauchen, ist Wohnraum.“ Dennoch unterstütze man die – einmalige – Aktion, weil sie Begegnungen schaffe, sagte Fischer. Zudem hatte sich Hettich als Veranstalter verpflichtet, übrig gebliebenen Spenden mitzunehmen.

Am Samstagnachmittag zog der 24-jährige Sanitätssoldat ein positives Fazit – obwohl er einräumte, gegen Ende der Aktion viele potenzielle Spender nach Hause geschickt haben zu müssen, weil der Bedarf gedeckt war. In seiner 63-Quadratmeter-Wohnung lagerten nun gleichwohl einige tausend nicht an den Mann respektive die Frau gebrachte Kleidungsstücke. „Ich bin sicher, dass ich die Sachen in den kommenden Tagen an weitere Flüchtlingseinrichtungen in Ulm und Neu-Ulm verteilen kann und habe auch schon entsprechende Kontakte geknüpft.“ Überhaupt denke er gemeinsam mit seinen Helfer-Freunden über eine Ausweitung des Engagements für Flüchtlinge nach. Angeleiert sei beispielsweise ein Sportprojekt für Flüchtlingskinder gemeinsam mit der Handballabteilung der TSG Söflingen.

 

Ein Kommentar von CHRISTOPH MAYER: Machen statt labern

Was für eine Aktion. Da ruft ein 24-Jähriger via Facebook dazu auf, den Flüchtlingen in der Römerstraße nützliche Dinge zu spenden – und die Sache funktioniert. Von der Rentnerin bis zum jungen Familienvater pilgerten Dutzende Menschen aus Ulm und Umgebung am Samstag mit Kleidung, Spielzeug, Geschirr oder Süßigkeiten bepackt ins Flüchtlingsheim. Aus den Gesichtern der Beschenkten war herauszulesen: Vieles davon hilft ihnen, das Leben wenigstens ein bisschen zu erleichtern.

Zum materiellen gesellt sich ein ideeller Transfer. Das Gros der Spender war nie in einem Flüchtlingswohnheim, mancher sprach erstmals mit Bewohnern, und wenn es nur einige Worte waren. Die Menschen dort wiederum haben gesehen, dass ihr Schicksal nicht alle gleichgültig lässt. Das ist der eigentliche Gewinn. Zumal an einem Wochenende, wo sich andernorts in Deutschland vor Notunterkünften rechtsextreme Gewalt Bahn bricht.

Klar ist auch: Jede Woche so ein Helfer-Auflauf wäre zu viel des Guten. Die hier gestrandeten Kriegs- und Elendsflüchtlinge aus Afrika und dem Nahen Osten brauchen vor allem Wohnraum. Sie mit dem zuzuschütten, was wir nicht mehr brauchen, löst das Problem nicht, sondern schafft ein neues: ein Müllproblem. Gerade der Sponti-Charakter der Aktion sollte den Bedenkenträger in uns allen aber auch eines Besseren belehren. Hin und wieder ist es angezeigt, einfach mal zu machen anstatt nur zu labern.

 

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