Das neue Wohnquartier Marchtaler Straße wird bis Ende 2015 ganz fertig

Aus Betriebsgelände wird Wohnquartier: Diese Art der Umwidmung ehemals gewerblich genutzter Flächen vollzieht sich derzeit an der Marchtaler Straße in Ulm. Die ersten Wohnungen sind nun bezogen. Mit Kommentar von Hans-Uli Thierer: Eine Lösung tut dringend not.

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„Wir wollten nicht bloß in die Stadt, sondern nah ran an die Innenstadt, und das ebenerdig. Das ist hier ideal erfüllt.“ Die Klöckners, die aus Geislingen stammen, sind so ein typischer Fall, der auf simple Art und Weise das Geheimnis der Renaissance der Stadt als Wohnraum erklärt: drei erwachsene Kinder, alle aus dem Haus, das Familienhaus zu groß geworden für die bevorstehenden Jahre des Ruhestands. Also: Haus verkauft, Stadtwohnung gekauft, groß genug, damit auch mal die Kinder übernachten können, wenn sie zu Besuch kommen.

Fündig geworden sind die Klöckners bei der Wohnungssuche nicht in Geislingen, sondern in Ulm. An der Marchtaler Straße gehören sie jetzt zu den frühen Bewohnern der Neubauten, die als erster von drei Bauabschnitten auf dem ehemaligen Firmengelände der Schwabengarage fertiggestellt worden sind.

Noch ist nicht alles perfekt: die Baustelle der weiteren Abschnitte vor der Nase; die Züge der Bahnen ins Filstal und ins Brenztal im Ohr; die Gefahrenstelle Bahngleise im Auge, wären doch ein Steg oder eine Unterführung zum vor der Haustür liegenden Ostbahnhof wünschenwert; und die Hausmeisterdienste müssen sich auch noch einspielen. „Aber das wird schon“, sagt Joachim Klöckner mit der Zufriedenheit des frisch gebackenen Eigentümers einer neuen schmucken Stadtwohung.

Wohnungsbau an der Marchtalerstraße, das ist eine längere, sich über ein Jahrzehnt hinweg erstreckende Geschichte: Nachdem das Autohaus Schwabengarage umgesiedelt ist nach Neu-Ulm, soll das Betriebsgelände für Wohnbauzwecke umgewidmet werden. Dann aber ist plötzlich ein lukrativer Aldi-Markt im Gespräch. Ehe die Stadtpolitik sich wieder und unterm jetzt bereits starken Druck, der auf dem Immobilienmarkt lastet, für Wohnungsbau entscheidet. Den Zuschlag dafür erhält die Immobilienwerkstatt Ulm, die sich als Partner den finanzkräftigen Bregenzer Bauträger Rhomberg ins Boot holt. Schließlich geht es um ein Investitionsvolumen von 32 Millionen Euro.

Man bedenke außerdem, was Günther Zeller, einer der Geschäftsführer der Immobilienwerkstatt, sagt: Jeder Euro, der in neuen Wohnungsbau gesteckt wird, löse acht Euro an Folgeinvestitionen aus – vom Leberkäswecken fürs Vesper des Bauarbeiters bis zum mit Designermöbeln ausgestattetten Wohnung des Eigennutzers, deren Anteil in der Marchtalerstraße bei rund 65 Prozent liegt. Zahlen, die klar machen, was Bauboom heißt.

Das anfangs von der Nachbarschaft wegen der Höhen und Baumassen kritisch beäugte Planungskonzept fürs neue Quartier stammt vom Ulmer Architekturbüro Mühlich, Fink und Partner. Es sieht, nachdem es wegen der Proteste aus der Nachbarschaft reduziert wird, 110 Wohnungen in drei Bauabschnitten vor. Obwohl noch immer städtisch verdichtet und in die Höhe reichend, wirkt die Wohnanlage weder eng noch erdrückend.

Architekt Peter Fink ist es gelungen, zwischen den neun Einzelgebäuden hinreichend Freiräume zu schaffen für Grün, Sitzbänke (Zeller: „Wir hoffen, dass sich Kommunikation entwickelt“) und Spielmöglichkeiten für Kinder. Ein bautechnischer Clou ist in diesem Zusammenhang, dass keine Tiefgarage geschaffen wurde, sondern ein Parkdeck auf Erdgeschossebene, auf dessen Deckel die Wohngebäude stehen. Auf diese Art und Weise sind zwei Ebenen für Freiraumgestaltungen gewonnen worden.

Alle 38 Wohnungen in Abschnitt eins sind verkauft, bezogen oder bezugsbereit. Abschnitt zwei soll bis Februar 2015 fertig werden, der letzte bis November 2015. Von den insgesamt 110 Wohnungen, die zweieinhalb bis fünf Zimmer (50 bis 160 Quadratmeter) groß sind und 2760 Euro/qm (Gartengeschoss) bis 3650 Euro/qm (Penthouse) kosten, sind 98 verkauft.

Den ersten Bewohnern scheint’s zu gefallen im neuen Quartier. Joachim Klöckner: „Wir habe noch keine Sekunde bereut, hierher gezogen zu sein.“

Am Ostbahnhof

Kein Übergang Seit klar ist, dass auf dem ehemaligen Schwabengaragen-Gelände an der Marchtalerstraße Wohnungen entstehen, streiten Stadt und Deutsche Bahn: Wer schafft einen direkten Zugang zu dem auf der anderen Seite der Gleise liegenden Ostbahnhof? Die Bahn hält die Stadt für zuständig – und umgekehrt. Baubürgermeister Alexander Wetzig: „Alles hängt am Grunderwerb von der Bahn, die dort bisher keine Reaktion zeigte. Wir gehen jetzt eine Etage höher, um Druck auszuüben.“

Ein Haltepunkt Der Ostbahnhof ist zwar mittlerweile auf einen überdachten, mit einem Fahrkartenautomaten ausgestatteten Haltepunkt reduziert. Aber: Von hier bis zum Ulmer Hauptbahnhof ist es nur eine Station. Sobald Familien mit kleinen Kindern ins neue Wohnquartier eingezogen sind, dürfte sich der Druck erhöhen, einen direkten Zugang – Unterführung oder Steg – zu schaffen. Schließlich neigen Kinder dazu, stets den kürzesten Weg zu nehmen. Eine Über- oder Unterquerung der Brenztal-Bahnlinie böte zudem den Menschen geraden Zugang in die Stadt, die nördlich der Neubauten wohnen im Reger-, Silcher- oder Brucknerweg.

Kommentar von Hans-Uli Thierer: Eine Lösung tut dringend not

Nimm Du ihn, ich hab ihn sicher. Zwischen Stadt und Bahn spielt sich ein erbärmliches Hin- und Hergeschiebe von Verantwortlichkeit ab. Hoffentlich ohne böses Ende.

Es geht um den Ostbahnhof. Ihm gegenüber entsteht an der Marchtaler Straße gerade ein citynahes Wohngebiet. Bis in eineinviertel Jahren werden dort 250 bis 300 Menschen wohnen, auch Familien mit Kindern. Ein gesicherter Überweg – über die Gleise hinweg oder unter ihnen hindurch – vom Quartier zur Haltestelle besteht nicht.

Weniger noch: Es gibt gar keinen Überweg. Außer einen (verbotenen) über Stock und Stein und direkt über die Gleise, den die dort derzeit im Dutzend agierenden Handwerker gern mal benutzen. Nicht auszudenken . . . Wo doch auch Kinder nichts lieber tun als Verbotenes.

Ohne den Teufel an die Wand zu malen: Für eine Lösung ist es höchste Eisenbahn, weil eine Durchquerung, geschaffen für die Bewohnern der Quartiere nördlich der Neubauten, ein Beitrag zur Befriedung zwischen alt eingesessenen Anwohnern und Neu-Bewohnern wäre. Stößt doch die Neubebauung wegen ihrer Baumassen in der Nachbarschaft keineswegs nur auf Begeisterung.

Zweitens bedarf es eines Signals für den lokalen und regionalen Nahverkehr: Es braucht eine bessere Anbindung und Zugänglichkeit des Ostbahnhofs an und von Oststadt, Neustadt, Michelsberg – samt Kliniken und Hochschule Ulm.

 

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