Das Loch im Untergrund

31 Meter unter dem Haus einer 100-jährigen Ulmerin baut die Bahn den Albabstiegstunnel. Werden die Sprengungen ihr Haus beschädigen? Die Bahn beruhigt, doch die Sorgen der Frau bleiben.

|
Unter diesem Haus werden später einmal Züge durch den Albabstiegstunnel von Dornstadt nach Ulm fahren. Links wohnt die 100-Jährige, die Angst vor dem Bau des Tunnels hat. Ihr Nachbar rechts daneben sieht den Bau der Röhre entspannter. Foto: Lars Schwerdtfeger

Ihr Körper gehorcht Hanna Schneider (100) nicht mehr hundertprozentig. Sie hört schlecht und braucht einen Rollator zum Laufen. "Aber ich bin froh, dass ich noch zu Hause leben kann", sagt die Frau, die eigentlich anders heißt, ihren wahren Namen aber nicht in der Zeitung lesen möchte. Seit 1951 wohnt sie in einem kleinen Haus auf dem Michelsberg. Sie geht mit Freundinnen essen, liest Zeitung, schreibt Briefe. Es ist ein ruhiges Leben.

Doch vor einiger Zeit kam ein Schreiben, das diese Ruhe störte. In dem Brief stand: Die Bahn baut einen Tunnel unter Ihrem Haus.

Dieser Tunnel ist Teil der Neubaustrecke, die von Wendlingen nach Ulm führt. Die Züge verschwinden bei Dornstadt im knapp sechs Kilometer langen "Albabstiegstunnel". Sie unterfahren Teile des Botanischen Gartens, den westlichen Michelsberg, um dann am Hauptbahnhof wieder aus der Röhre aufzutauchen. Auf Ulmer Gemarkung sind zwölf Wohnhäuser betroffen. Sie gehören 33 Eigentümern.

Eine von ihnen ist Hanna Schneider. 31 Meter sollen später einmal zwischen der Decke des Tunnels und der Unterkante ihres Hauses liegen. "Es graust mir davor, dass sie unter mir sprengen", sagt Schneider. "Vielleicht bekommt mein Haus Risse oder stürzt sogar ein."

Die Bahn versucht, Sorgen wie denen von Schneider mit Informationsveranstaltungen zu begegnen. Sie schickt dann Stefan Kielbassa (54) nach Ulm, einen Ingenieur aus Braunschweig mit grau-melierten Haaren und Brille. Er leitet die Bauarbeiten für den Albabstiegstunnel. Er sagt: "Wir machen hier seriösen Tunnelbau. Natürlich wird das Haus nicht einstürzen."

Was er jedoch nicht ausschließen kann: Risse an den Häusern und Erschütterungen durch die Sprengungen. "Sie fallen deshalb aber nicht vom Stuhl", hatte er im Oktober vergangen Jahres auf einem Infoabend vor 70 Zuhörern gesagt. Kielbassa sagte aber auch: "Wir arbeiten rund um die Uhr." So stand es am nächsten Tag in der Zeitung.

Schneider hat den Artikel gelesen und ihn zu ihren Unterlagen gelegt, die sie über den Tunnel sammelt. Die bewahrt sie in einem Sekretär im Schlafzimmer auf. Darin sind Ausschnitte aus der Zeitung, Briefe und auch ein dreiseitiger Vertrag mit einem Siegel vom Notar. "Eintragungsbewilligung ins Grundbuch", steht darauf. Mit ihm räumt Schneider der Bahn das Recht ein, unter ihrem Haus den Tunnel zu graben. Warum hat sie ihn unterschrieben, wo sie sich doch vor den Sprengungen fürchtet? "Was soll eine alte Frau wie ich denn machen?", fragt sie.

Tatsächlich sind die Möglichkeiten begrenzt. Seit 1. Juni 2012 gibt es einen rechtskräftigen Planfeststellungsbeschluss für den Albabstiegstunnel. Er räumt der Bahn das Recht ein, das Grundbuch auch gegen den Willen des Eigentümers umzuschreiben.

Kielbassa sagt jedoch, dass die Bahn in Ulm nicht so weit gehen musste. Vielleicht, weil dem Tunnel nicht alle so kritisch gegenüberstehen wie Schneider. Ihr Nachbar, der seinen Namen auch nicht in der Zeitung lesen möchte, sagt: "Ob ich jetzt dafür oder dagegen bin, ändert nichts." Dass der Tunnelbau sein Haus beschädigt, fürchtet er nicht.

Bis die Bahn tatsächlich unter dem Haus von Schneider und ihrem Nachbarn ankommt, wird noch einige Zeit vergehen. Frühestens 2016 könnte es soweit sein, schätzt Ingenieur Kielbassa, vielleicht auch erst 2017. Für Hanna Schneider sind das gute Nachrichten.

Sie sagt: "Da leb ich eh nicht mehr."

Auf swp.de/bahntunnelulm finden sich viele Hintergründe zum Albabstiegstunnel von Dornstadt bis Ulm: ein interaktiver Zeitstrahl, eine Webcam und die wichtigsten Fragen und Antworten zum Tunnel.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Carolin Klöckner ist neue Württemberger Weinkönigin

Württemberg hat eine neue Weinkönigin. Die Agrarstudentin Carolin Klöckner setzte sich am Donnerstagabend gegen vier Mitbewerberinnen durch. weiter lesen