Das Hin und Her der Stoffströme

Auf einem Umschlagplatz für Altholz, Waldhackschnitzel, Gartenabfälle und Grüngut ist alles in Bewegung. Ein Besuch bei der Firma Käßmeyer im Ulmer Donautal.

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    Stündlich wird bei Käßmeyer im Donautal Altholz angeliefert.
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    Erich Dollinger ist Stoffstrommanager.
  • Altholz. . . 3/4
    Altholz. . .
  • . . . und Schwemmholz. 4/4
    . . . und Schwemmholz.
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Ulmer Industriegebiet Donautal, Ernst-Abbe-Straße 20. Auf dem großen Firmenschild steht:

"Kompostieru. . . . . . ice

Kä. . .

Bioma. . ."

Mehr kann man nicht entziffern. Gleich dahinter liegt die Ursache für die Löcher in dem Schild: Dicke Baumstämme, die vermutlich zu schwungvoll abgeladen wurden. Ein paar Meter weiter türmt sich holziger Baum- und Strauchschnitt zu einem Haufen auf. Und der Berg Paletten ist auch nicht zu übersehen mitten auf der mehr als fußballfeldgroßen Lagerfläche. Das muss er sein, der Umschlagplatz für Altholz und Gartenabfälle, den der Kompostierungsservice Käßmeyer mit Sitz in Berkheim betreibt.

8.05 Uhr. Jetzt bewegt sich etwas auf dem Platz: Stoffstrommanager - auf der Visitenkarte steht "Material flow manager" - Erich Dollinger kommt aus dem Waaghäusle. Dort überwacht heute Platzwart Manfred Kober die Stoffströme. Baumschnitt und Grüngut von den Ulmer Häcksel- beziehungsweise Gartenabfallplätzen sowie Altholz aller Art werden den ganzen Tag von Container-Fahrzeugen angeliefert. Die große Boden-Waage zeigt an, was reinkommt an Wertstoffen.

Abfall darf man nicht mehr sagen. Entsprechend ist aus dem alten Abfallwirtschaftsgesetz - es galt bis 1996 - inzwischen ein so genantes Kreislaufwirtschaftsgesetz geworden, erklärt Dollinger und weicht einem Radlader aus, der mit seiner großen Schaufel das frisch angelieferte Grüngut auf eine überdachte Lagerfläche am Rande des Hofes schiebt. Die grasige Biomasse - "wir verwerten keinen Biomüll" (Dollinger) - darf nicht noch nasser werden, sonst gärt sie und fängt an zu stinken.

Trotz Überdachung soll das Grüngut möglichst noch am selben Tag wieder aufgeladen und ins eigentliche Kompostierungswerk im 70 Kilometer entfernten Erkheim gebracht werden. Nach sechs Wochen ist dort in der belüfteten Kompostmiete der Rotteprozess abgeschlossen. Dann wird das Material gesiebt. Der holzige Siebüberlauf und eine kleine Menge des Fertigkompostes "fließen" zurück auf den Lagerplatz im Donautal. Dann hat diese Biomasse bereits mehr als 140 Kilometer Transportstrecke auf dem Buckel, denn sie wird ja vorher schon vom jeweiligen Gartenabfallplatz abgeholt. Die schwarze, krümelige Komposterde wird schließlich ab Hof lose an Landschafts- und Hobbygärtner verkauft.

Der nächste Haufen unterm Dach besteht aus dem holzigen Siebüberlauf, der auch von anderen Kompostfirmen extra nach Ulm gekarrt wird. Dieses zerkleinerte Material wartet auf den Abtransport ins 30 Kilometer entfernte Herbrechtingen bei Heidenheim. Dort im Biomassekraftwerk wird es verbrannt und dabei Strom erzeugt.

Nebenan türmt sich ein "Haufwerk", wie es korrekt heißt, das nicht alle Tage bei Käßmeyer im Donautal liegt: graues Schwemmholz als Folge des Hochwassers Anfang Juni und ebenfalls ein hochwertiger Brennstoff. Dieses Holz hat Käßmeyer-Maschinist Stefan Natterer, der mit seinem Fuhrpark bis ins Allgäu unterwegs ist, aus einem Kraftwerksrechen bei Günzburg herausgebaggert. Zum Glück war Natterer (wie immer) konzentriert bei der Sache. Denn zwischen dem Schwemmholz entdeckte er plötzlich eine Leiche, ein Hochwasseropfer. Die Kriminalpolizei musste alarmiert werden.

So etwas belaste in dem Moment, erzählt Natterer. Ansonsten gefällt dem 35-Jährigen die Arbeit als Maschinist. Sie sei abwechslungsreich, wenn er morgens die verschiedenen Wertstoffe auf dem Umschlagplatz im Donautal aufbereitet, also zerkleinert. Danach fährt er mit dem "Titan" (so heißt der Schredder) raus auf die Ulmer Häckselplätze und jagt dort den holzigen Baum- und Strauchschnitt durch die Hammermühle. Vor einem Jahr war Natterer, der in Memmingen lebt, noch Lkw-Fahrer. "Ich wollte weg von der Autobahn."

Die dicken Schwemmholz-Baumstämme hinter dem durchlöcherten Firmenschild sind zu stark, um sie zu schreddern. Deshalb kommt dort der "Hacker" zum Einsatz, der die Stammware mit stehenden Messern bearbeitet, bevor sie ebenfalls im Heizkraftwerk landet.

Ein Leichtes für den Schredder sind hingegen die unzähligen Paletten in der Mitte des Hofes. "HIER IM INDUSTRIEGEBIET GIBT ES VIELE VERPACKUNGSFIRMEN", muss Dollinger jetzt schreien, denn der Schredder arbeitet auf Hochtouren mit seinem Drei-Fraktionen-Sieb: Das grobe Material eignet sich zur energetischen Verbrennung, das ganz feine geht direkt in die Spanplattenproduktion. Jene Recyclingfirmen hätten ordentlich Konkurrenz bekommen, seit die vielen Biomassekraftwerke gefüttert werden müssen. Auch dieser Wettbewerb verlangt ein gutes Stoffstrommanagement.

Für den Schredder war eigentlich ebenso die Ladung eines Kunden gedacht, vor der Dollinger jetzt stehengeblieben ist. Er schiebt sich die Sonnenbrille auf die Stirn und schaut genauer hin. Da türmen sich Balken, Bretter und Holzwände, zum Teil mit Farbe. Abbruchmaterial eines alten Hauses.

Der Experte sieht noch mehr: Dazwischen liegen massive Ziegelsteine und Betonplatten. "Das ist doch zum K. . .", flucht er leise, macht schnell ein paar Fotos mit dem Handy und winkt Maschinist Natterer herbei.

Drei Minuten später lädt dieser das Abbruchholz so behutsam mit dem Greifer auf einen Lastwagen um, dass möglichst alle Steine rausfallen. Ein Arbeitsschritt, der aufhält. Dollinger: "Das gibt eine Reklamation." Und bei den farbigen Brettern müssen Proben gezogen werden, um eine eventuelle chemische Belastung zu messen.

Umso sauberer und nach Fichtennadeln duftend kommt die bereits gehäckselte "Gipfelware" (Stammspitzen und Wipfel) daher. Holz aus dem Wald, welches das Sägewerk nicht gebrauchen kann. "Heutzutage wird der Wald fast schon zu sehr aufgeräumt", bemerkt Dollinger. Denn die Kronen der gefällten Nadelbäume seien ein wertvoller Brennstoff für das Biomassewerk, in Form von Waldhackschnitzeln.

Nicht zu verwechseln mit Rindenhackschnitzeln, mit denen man in Parkanlagen die Beete mulcht, also abdeckt, damit kein Unkraut kommt. Werden die Rindenhackschnitzel so gesiebt, dass die Stücke nur noch 10 bis 40 Millimeter lang sind, spricht man von Rindenmulch. "Preis bei Abholung: 32 Euro pro Kubikmeter", steht auf der schwarzen Tafel über der Lagernische für den Rindenmulch. Diese Ware wird nach Bedarf der Ulmer Landschaftsgärtner extra aus Erkheim angeliefert. Der Mulch wirkt als Langzeitdünger, da er sich im Boden weiter abbaut, und er schützt vor Austrocknung und Erosion.

Wird dieser angerottete Rindenmulch aus hochwertiger Nadelholzrinde mit Humus vermischt, sagt man Rindenhumus dazu. Er eignet sich vor allem für säureliebende Pflanzen wie Rhododendron oder Heidekraut, kostet aber etwas mehr: 37 Euro pro Kubikmeter.

Der Kompost, der im Erkheimer Werk dank Millionen von Bodenorganismen aus dem Grüngut der Ulmer Hobby- und Kleingärtner entsteht, ist bereits für 17 Euro zu haben. Er sei deshalb so günstig, weil die Firma Käßmeyer von der Stadt beziehungsweise den Entsorgungsbetrieben Geld dafür bekommt, dass sie den Rohstoff verwertet, um nicht zu sagen aufwertet. Landet dieser Kompost mit seinen pflanzenverfügbaren Nährstoffen wieder in den Ulmer Gärten, ist der natürliche Kreislauf geschlossen.

Bisweilen muss sich Platzwart Manfred Kober aufregen, weil ihm die Kleinkunden - bis zu 40 Hobbygärtner pro Nachmittag - nicht immer glauben wollen, wie viel Kompost tatsächlich auf ihr Anhängerle passt, wenn sie den Endpreis für ihre paar Kubikmeter hören. Kober: "Länge, mal Höhe, mal Breite, ich kann doch rechnen!"

Die eigentlichen Umschlagzahlen sehen anders aus: Pro Tag sind es 100 Tonnen Wertstoffe, also etwa sieben Lastwagen mit Anhänger, "was raus- und reingeht", sagt Dollinger. Mehr Bewegung sei nicht erlaubt, denn in dieser Ecke des Donautals, wo auch noch ein Altpapierentsorger und eine Bauschuttfirma ihre Niederlassung haben, gebe es schon genügend Schwerverkehr.

Platzwart Kober hat auch so genug zu tun. Für diesen Job pendelt er seit Anfang des Jahres täglich zwischen Ulm und Göppingen. Vorher war er im Kreis Göppingen zweieinhalb Jahre mit einer Siebanlage auf Tour. Auch wenn er sich jetzt mal ärgern muss, im Grunde hat er gerne Kontakt mit den Kunden: Sogar, wenn ein Rentner zum Kompostholen "nur mit seiner Mörtelwanne daherkommt".

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