Das große Unbehagen: Immer mehr Schüler müssen kämpfen

Endspurt an den Schulen: Die Zeugnisse rücken näher, die Angst vor dem Sitzenbleiben wächst. Manch einer braucht alle Kräfte, um das Klassenziel zu erreichen.

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Angst vor den Zeugnissen? Meist wissen die Schüler, wie es um sie steht.  Foto: 

Die meisten Klassenarbeiten sind geschrieben. In wenigen Wochen gibt es Zeugnisse. Der Großteil der Schüler schaut dem gelassen entgegen. Eltern sind heutzutage genaustens über jede Note informiert, böse Überraschungen lauern eher in den höheren Klassenstufen.

Nico gehört zu den Kindern, denen trotzdem unwohl ist, wenn sie an diesen Tag denken. Er geht in die fünfte Klasse eines bayerischen Gymnasiums. Mit 2,33 hatte Nico am Ende der Grundschule gerade den Notenschnitt geschafft, der in Bayern zum Übertritt ausreicht – allerdings vor allem dank einer Eins in Heimat- und Sachkunde, die mit viel Pauken in den letzten relevanten Schulwochen verbunden war.

Die Grundschullehrerin riet vom Gymnasium ab, angesichts einer Deutschnote, die eher zur Vier tendierte. Nico wird die Versetzung voraussichtlich schaffen. Mit Ach und Krach sowie dank Nachhilfe in Mathe und Deutsch. „Ich finde es prima, dass die Schule das organisiert“, sagt Nicos Mutter: „Wir werden weiter kämpfen, und wir werden es schaffen.“ Nico nickt: „Anderen geht’s auch nicht besser.“ Manchmal sei er doch neidisch auf seine Kumpel vom Fußball, der keine Noten bekommt: „Aber irgendwann braucht er die doch auch“, sagt er. Halb ist es eine Feststellung, halb eine Frage.

Lehrer dürfen über einzelne Schüler natürlich keine Auskunft geben. Mit der Erlaubnis von Nicos Mutter hat sein Klassenlehrer trotzdem seine Sicht der Dinge dargelegt. Um weder ihn, noch die Familie in Bedrängnis zu bringen, sind alle Namen geändert, die Schule nicht genannt.

„Nico ist ein Kind, wie wir sie immer öfter bekommen“, sagt Lehrer Rainer Schmidt. Nicos Vater verdient sehr gut, kann von einer 40-Stunden-Woche aber nur träumen. Die Mutter arbeitet freiberuflich, kümmert sich liebevoll und intensiv um ihre Kinder. Die ältere Schwester geht ebenfalls ans Gymnasium, hat keinerlei Probleme. „Aber Nico ist einfach kein Kind fürs Gymnasium“, urteilt Schmidt.

Auch in Ulm kennt man solche Probleme. Seit die Eltern die Schulart für ihre Kinder frei wählen dürfen, sind die Sorgen gewachsen. Die Übertrittsquote an Gymnasien gehört zu den höchsten im Land. Mehr als 60 Prozent der Ulmer Schüler, die auf eine weiterführende Schule wechseln, wurden am Gymnasium angemeldet. Von den Kindern mit Werkrealschul-Empfehlung wurden im aktuellen Schuljahr etwa ein Viertel auf eine Realschule oder ein Gymnasium geschickt. Nur wenige gehen an die Werkrealschule, der Rest auf die Gemeinschaftsschule.

Die Folgen kann man an anderen Zahlen ablesen. Etwa die der Sitzenbleiber oder der „Rückläufer“, die später die Schulart wechseln. Mit aktuellen Zahlen halten sich die Schulleiter verständlicherweise noch zurück. „Ob zum Halbjahr versetzungsgefährdete Schüler wirklich hängenbleiben oder im zweiten Halbjahr ihre Kräfte mobilisiert haben, um doch noch die Versetzung zu erreichen, stellt sich erst Mitte Juli heraus“, sagt Brigitte Röder, Schulleiterin des Kepler-Gymnasiums. „Aber in den fünften Klassen ist etwas Besserung zu erkennen“, ergänzt sie vorsichtig. Eine Tendenz, die von anderen Gymnasien und Realschulen bestätigt wird.

Von Entwarnung will allerdings niemand reden. Denn mit Förderangeboten hätten sich die Schulen auf die heterogenen Klassen eingestellt. „Das ist ja auch die Aufgabe eines Pädagogen“, sagt Marius Weinkauf, Schulleiter des Anna-Essinger-Gymnasiums. Bei dem ein oder anderen wird das Scheitern damit aber wohl nur auf spätere Jahre verschoben.

So zeichnet sich an Ulmer Realschulen ab, dass immer mehr Jugendliche in der neunten Klasse straucheln. Dann, wenn nochmal angezogen wird. Eine weitere Unwägbarkeit für die Planungen, gerade weil die Klassen bis an den Rand gefüllt sind.

Eigene Sitzenbleiber, Gymnasiasten, die zurückkommen, vieles sei „nicht mehr kalkulierbar“, sagt Wolfgang Stallasch. Der Leiter der Essinger-Realschule musste im vergangenen Jahr Jugendlichen mitteilen, dass sie nicht an ihrer Schule wiederholen können. Die Klassen waren voll, die Schule war voll: „Das ist alles andere als eine angenehme Situation“, sagt Stallasch.

In anderen Bundesländern kämpft man mit ganz ähnlichen Problemen. Aktuelles Beispiel Hamburg, wo der mühsam geschlossene Schulfrieden mächtig bröckelt. Hier schlagen die Stadtteilschulen Alarm, die neben dem Gymnasium die zweite Säule bilden. Doch die hanseatischen Eltern stürmen aufs Gymnasium mit ähnlichen Argumenten wie hierzulande: Sie wollen das Beste fürs Kind, und es einfach mal versuchen. Man nähert sich der 70-Prozent-Marke, die Stadtteilschulen, die eigentlich alle Schulabschlüsse anbieten sollten, mutieren zur Restschule.

„Manchmal würde man die Eltern am liebsten nehmen und schütteln“, sagt Rainer Schmidt. Als Lehrer sitze man in der Zwickmühle: „Einerseits will man den Kindern helfen, andererseits auch denjenigen gerecht werden, die Leistung bringen wollen und können.“ Manch ein Kollege wähle da die Methode „friss oder stirb“ – wer nicht mitkommt, wird zurückgelassen.

Nicos Schule setzt mehr auf Förderung. Seine Mutter hat eine Sprachbegabung bei ihrem Kind ausgemacht, weil er sich in Englisch auf eine Drei gekämpft hat: „Wir haben jetzt Französisch gewählt. Ich denke, das wird schon.“ Der Klassenlehrer ist mehr als skeptisch. Die zweite Fremdsprache stelle gerade für Kinder wie Nico oft ein unüberwindbares Hindernis dar. Zudem komme die Pubertät dazu.

Auch Marius Weinkauf sieht solche Kinder in einer Falle, aus der sie kaum herauskommen: „Man kann mit zusätzlicher Förderung Teilleistungsschwächen ausgleichen, aber nicht Schwächen in jedem Fach.“ Irgendwann gehe den Kindern einfach die Zeit aus.

Zeugnisse

Beurteilung Sitzenbleiben ist  an Gemeinschaftsschulen ebenso wie etwa an Waldorfschulen kein Thema. Zeugnisse im traditionellen Sinne gibt es ebenfalls nicht, es sei denn ein Übertritt an eine andere Schulart kommt ins Spiel oder es geht in Richtung eines Abschlusses.

Quote Die Quote derer, die das Klassenziel nicht erreichen, wird erst im Folgejahr offiziell bekannt gegeben. In den vergangenen beiden Schuljahren war diese in Baden-Württemberg in den 5. und 6. Klassen der Gymnasien und Realschulen stark angestiegen.

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Kommentare

02.07.2016 11:40 Uhr

Antwort auf „Lehrverpflichtung einhalten”

Ich kann auf der einen Seite Ihren Frust verstehen, muss Ihnen aber sagen, dass Sie Unrecht haben. Anbei die Sachlage von jemandem erklärt, der im System Verantwortung trägt:

1.) Weiterbildungsmßnahmen für Lehrkräfte liegen längst auf den Nachmittagen. Allerdings reicht für eine ordentliche Fortbildung der Nachmittag allein nicht aus, sondern es sind in aller Regel Tagesangebote. Das bedeutet, dass der Vormittag und der Nachmittag betroffen sind.

2.) Ihr Vorschlag zum Thema Krankheits- und Schwangerschaftsvertretung ist nicht umsetzbar. Erkrankungen sind nicht planbar und demzufolge kann man hier nichts vorbereitend organisieren. Zumindest in den weiterführenden Schulen gibt es keinerlei Krankheits- oder Schwangerschaftsvertretungen. Die Kolleginnen und Kollegen fangen das in aller Regel auf, in dem sie hier eine Stunde und dort eine Stunde mehr unterrichten. Bei längerfristigen Erkrankungen oder Schwangerschaften bekommt die Schule meistens keinerlei Ersatz, also geht das nicht ohne Unterrichtskürzungen und Ausfälle. Wer wird schon einmal termingerecht - das wäre dann vermutlich am besten im Urlaub - krank?

3.) Im Bereich weiterführende Schulen, in dem ich tätig bin, gibt es keinen regionalen Pool von Vertretungslehrern, es gibt auch keinen lokalen Pool. Ich weiß nicht, wie man etwas fordern kann, was gar nicht existiert.

4.) Vertretungen laufen in den weiterführenden Schulen in aller Regel so ab, dass eine andere Lehrkraft in die betroffene Klasse geht, dann aber natürlich zunächst einmal das eigene Fach unterrichtet. Wenn beispielsweise eine Deutsch- und Geschichtslehrerin in einer Klasse den erkrankten Chemiekollegen vertritt, dann unterichtet sie also eine Stunde Deutsch oder Geschichte mehr. Sie kann nicht Chemieinhalte vermitteln, weil das nun eben nicht ihre Qualifikation ist.

5.) Was SIe hier fordern ist vollkommen utopisch. Die meisten Schulen können solche Angebote überhaupt nicht mehr machen. Seien Sie froh, dass Ihre Kinder das im beschriebenen Umfang bekommen, das ist schon eine Ausnahme. Mehr geht keinesfalls. Die Schulverwaltungen dürfen Lehrkräfte auf Dauer keine Überstunden machen lassen, es darf keine Bugwelle für die Lehrkräfte entstehen. Die Lehrkräfte sind aber auf nahezu allen Schulen sehr knapp bemessen. Jede Stunde, die eine Lehrerin oder ein Lehrer im Schuljahr dauerhaft in einer Klasse mehr unterrichtet, muss von den Regierungspräsidien genehmigt werden.

Weil Sie das fordern, fasse ich mich - als im System arbeitende und Verantwortung tragende Person - hier einmal an die eigene Nase: Meine Wochenarbeitszeit liegt im Durchschnitt bei 60 Stunden. Falls man mir das nicht abnimmt, lade ich jede Leserin bzw. jeden Leser dazu ein, mich eine Woche lang zu begleiten. Ich beschwere mich nicht darüber, aber meine Kolleginnen und Kollegen müssen sich auch nicht immer wieder Sprüche, Forderungen und Parolen gefallen lassen, die schlichtweg unzutreffend sind, weil sie nämlich bar jeder Sachkenntnis erhoben werden.

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29.06.2016 09:50 Uhr

Lehrverpflichtung einhalten

Wenn ich sehe, wie häufig der Unterricht beispielsweise am Anna-Essinger-Gymnasium, insbesondere in den Kernfächern ausfällt, erscheint mir die Diskussion über die Talente der Kinder doch ein wenig zynisch. Bitte erst einmal an die eigene pädagogische Nase fassen, und erst danach die "Schuld" bei Kindern oder "überehrgeizigen" Eltern suchen.

Wenn ich Schuldirektor oder Bildungsminister wäre, würde ich vorrangig folgende Maßnahmen in Angriff nehmen um die Situation zu verbessern:

1. Weiterbildungsmaßnahmen für Lehrer auf die unterrichtsfreie Zeit legen (Nachmittags oder während der Ferien)

2. Krankheits- und Schwangerschaftsvertretung frühzeitig und termingerecht planen

3. Für kurzfristige Ausfälle regionale Pools von Vertretungslehrern organisieren

4. Unterrichtsvertretung bereitstellen die den Namen tatsächlich verdient: Stoffrelevante Themen während der Vetretungsstunden sicherstellen.

5. Die lobenswerten - freiwillig von den Schulen (z.B. AEG) angebotenen - Förderstunden von 1x auf 2x pro Woche pro Kernfach erhöhen. Idealerweise finden die Förderstunden dann nicht wie heute parallel sondern zu unterschiedlichen Terminen statt.

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29.06.2016 06:07 Uhr

wer hätte das gedacht

Kann bitte jemand diesen Beitrag an die Kultusministerien schicken, die es Eltern ermöglichen ihre Kinder auf die Schule zu schicken auf die sie am meisten stolz sein können, statt auf die passende Schule?

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