Das große Tabu: Homosexualität bei Fußballern

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Wenn Marcus Urban auflief, konnte sich seine Mannschaft auf ihn verlassen. Schnell, trickreich und verlässlich galt er als Kandidat für den Profi-Fußball, stand mit einem Bein in der zweiten Liga. Ansonsten verhielt er sich in Teamkreisen unauffällig: Bei Witzen über Homosexuelle lachte er mit und beschimpfte Gegner schon mal als „schwule Sau“. Was damals niemand wusste: Urban war Männern zugetan. Isoliert und ohne Ansprechpartner hielt er sich lange Jahre für krank. So wurde er zum „Versteckspieler“, wie der Berliner Journalist Ronny Blaschke sein Buch über das Leben des Erfurter Kickers nennt, aus dem er beim Weißwurstfrühstück der Neu-Ulmer SPD zitierte.

Er machte an einigen Beispielen anschaulich, dass Homophobie im Fußball nach wie vor fest verankert ist und Homosexualität ein Thema, an das man sich bei aller zur Schau gestellten Weltoffenheit nicht recht rantraut. Als Bastion der Männlichkeit lässt der Fußball derartige Tendenzen nach Lage der Dinge immer noch nicht zu. Nicht von ungefähr ist Homosexualität im Profi-Fußball kaum erforscht, zumal bislang kein schwuler Spieler bereit war, an einer entsprechenden Studie teilzunehmen.

Dem Druck nicht standhalten

Wissenschaftler gehen davon aus, dass fünf bis zehn Prozent der deutschen Männer homosexuell sind. Ronny Blaschke geht davon aus, dass dieser Anteil in den oberen Spielklassen ein wenig geringer ist, da viele Spieler dem Druck schon in den Nachwuchsteams nicht standhielten. Geschweige denn den Pöbeleien von den Tribünen. Einschlägige Beschimpfungen „können im Stadion sanktionsfrei gebrüllt werden“, verweist der Journalist auch auf die in Teilen der Gesellschaft verankerte Homophobie, was Umfragen zeigten: „25 Prozent finden es ekelhaft, wenn sich Homosexuelle in der Öffentlichkeit küssen.“

Die öffentlichen Einlassungen mancher Prominenter der Kicker-Szene wirken nicht eben deeskalierend. Sie tun das mit Deckung des Deutschen Fußballbundes. So hatte einst Roman Weidenfeller nur die Hälfte der angedrohten Strafe kassiert, weil er seine Beleidigung Gerald Asamoas relativiert hatte: von „schwarzes Schwein“ in „schwules Schwein“. Auch Trainer Christoph Daum hatte, wie Blaschke wissen ließ, in einer Fernseh­dokumentation Schwule in Verbindung mit Kinderschändern gebracht.

Bei Männern noch ein Tabu

Das Outing von Thomas Hitzelsperger hatte zwar Aufsehen erregt, aber nicht dazu geführt, dass andere homosexuelle Spieler es ihm gleichtaten. Während das Thema im Frauenfußball weit offener diskutiert wird, ist es bei den Männern noch mit einem Tabu belegt. Zumindest bei herkömmlichen Vereinen.

Mittlerweile haben sich aber eine Reihe schwuler Mannschaften zum Spielbetrieb angemeldet, und auch auf den Rängen feiern bereits homosexuelle Fanclubs ihre Teams an. Allerdings verzichten sie bislang noch auf Transparente.

Gleichwohl ist die Problematik in den Verbänden angekommen. So hat der bayerische Fußballverband gemeinsam mit dem „Team München“, Deutschlands erster homosexueller Amateur-Fußballmannschaft im regulären Spielbetrieb, ein Aufklärungskonzept erarbeitet, das alle Vereine erreichen soll, kündigte Salih Aydogan in Neu-Ulm an.

BFV-Konfliktmanager wie er sollen landesweit als Ansprechpartner zu Verfügung stehen. „Broschüren reichen nicht aus“, macht er deutlich. „Man muss darüber sprechen.“ Denn bereits in den Jugendmannschaften schallen diskriminierende Sprüche über den Platz, wie sich Aydogan noch gut erinnert, als er nach einer missglückten Aktion zu hören bekam: „Hör’ auf so schwule Pässe zu spielen.“

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